Hugh M. Hefner, Chauvinist und Freiheitskämpfer

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Der größte Macho der Popkultur war zugleich ein couragierter Kämpfer für eine gerechtere Welt.

Wenn ich den Namen des Playboy-Gründers Hugh Hefner höre, kommt mir sofort folgendes Bild in den Sinn: Ein älterer Herr im roten Seidenpyjama, der sich in seinem Herrenhaus von einem Harem willenloser Pin-Up-Girls umschwärmen lässt. Dann fällt mir die MTV-Reality-Show „Cribs“ ein, in der Hefner seine Luxus-Villa präsentiert. Hier redet er über seine sieben Freundinnen wie über seine Gimmicks im Videozimmer und den Whirlpool in seiner Lustgrotte.

Kurzum: Hefner war der größte Macho, den die Popkultur je gekannt hat. Dabei inszenierte er sich nicht nur als „Lustgreis“ und Sex-Ikone. Vielmehr personifizierte er den Lifestyle, der hinter seinem 1953 gegründeten Männermagazin stand: „Alles, was Männern Spaß macht.“ Und dazu gehörte anscheinend auch die Degradierung der Frau zum Sexobjekt.

Bei so viel dominanter Männlichkeit ließ die Kritik aus den feministischen Reihen nicht lange auf sich warten: Nackte Playmates und niedliche Playboy-Häschen befeuern genau die Vorurteile, die Frauen seit Jahrhunderten an den Herd gefesselt haben, monierten die Feministinnen. Zu recht, wie ich finde. Auch warf ihm seine ehemalige Freundin Holly Madison vor, sie selbst und die anderen Frauen emotional und sexuell ausgebeutet zu haben. Für die Aufträge in Magazinen hätten sie mit dem Magazin-Mogul schlafen müssen; Intrigen, Mobbing und emotionaler Druck vonseiten Hefners seien in der Villa an der Tagesordnung gewesen, schrieb das Playmate.

Ein liberaler Pionier

Inwiefern die Beschreibungen über Hefners Machtspielchen in der Mansion nun zutreffen oder nicht sei dahingestellt. Eines ist jedoch sicher: Hefner war in vielerlei Hinsicht eher Chauvinist, als Gentleman.

Ihn wiederum als sexistisches Scheusal in die Annalen eingehen zu lassen, ist jedoch ungerecht. Denn Hugh war maßgeblich daran beteiligt, das konservative Amerika der Nachkriegszeit zu einem liberaleren Umgang mit der eigenen Sexualität zu bewegen. Zu dieser Zeit konnten Männer und Frauen in 49 von 50 Staaten wegen Oralsex im Gefängnis landen; In 37 Staaten war der Sex vor der Ehe illegal. Dabei brach Hefner nicht nur mithilfe des Playboys gesellschaftliche Tabus wie Sex und Nacktheit auf, sondern auch durch sein politisches Engagement. Und das kann es locker mit der Netzpolitik von Anne Wizorek aufnehmen.

Denn schon während seines Studiums in den 40ern forschte Hefner am damals umstrittenen Kinsey Institut für Sexualforschung über Gesetze, welche die Sexualität der amerikanischen Bürger einschränkten. Nachdem der Playboy dann zum Kassenschlager wurde, gründete er in den 60ern die „Hugh M. Hefner Foundation“, um Bürgerrechte für Frauen und anderen Minderheiten zu erkämpfen. Das geschah hauptsächlich, indem die Stiftung Rechtsstreits finanzierte, die das Recht auf Abtreibung, Drogenkonsum oder sexueller Freizügigkeit erklagten.

Der bekannteste Streit, den Hef unterstützte, war der Fall „Roe v. Wade“, in dem Norma McCovrey („Jane Roe“) im Jahr 1971 den Bezirksstaatsanwalt des Dallas County verklagte und ihr Recht auf Abtreibung einforderte. Die 22-Jährige begründete damals die Abtreibung mit dem Recht auf Privatsphäre. Mit Erfolg. Denn zwei Jahre später entschied der Supreme Court zu Roes Gunsten und das Recht auf Abtreibung bis zum dritten Monat wurde in die amerikanische Verfassung eingeschrieben – ein Meilenstein in der U.S.-Geschichte der Frauenrechte. Glaubt man dem Playboy-Gründer nahm die Stiftung in dem Fall den Platz eines „Amicus Curiae“ ein. „Das ist ein Teil der Geschichte, den nur wenige Menschen kennen“, betonte Hefner.

Kampf für eine gerechtere Gesellschaft

Doch nicht nur die Playboy-Stiftung setzte sich für eine aufgeschlossenere Gesellschaft ein. Bot das Magazin doch mit seiner Millionenauflage eine Plattform, um mit den Konservativen im Land auf Affront zu gehen. So publizierte das Blatt im Jahr 1995 Charles Beaumonts Novelle „The Crooked Man“, die die gesellschaftliche Stigmatisierung von Homosexuellen angeprangerte. Auch Ray Bradburys Roman „Fahrenheit 451“ wurde 1954 im Playboy abgedruckt. Eine Dystopie, die sich indirekt gegen die Repression und Verschwörungstheorien während der McCarthy-Ära stellte und die Bücherverbrennung verurteilte.

Als Hefner dann in den 60er Jahren herausfand, dass die Betreiber des Playboy-Clubs in Miami und New Orleans Schwarzen den Zutritt verweigerten, kaufte er die zwei Filialen einfach auf und öffnete den Club für alle. Ungeachtet der finanziellen Verluste, die dabei entstanden. Denn Hefner war zeitlebens ein Liberaler, der sich gegen den Puritanismus, gegen die religiösen Konservativen, gegen Rassisten und Reaktionäre aussprach. Die „Playboy-Philosophy“ bestand demnach nicht nur aus barbusigen Pin-Up-Girls und dekadenten VIP-Partys, sondern aus der Freiheit des Individuums und aus dem Kampf für eine gerechtere Gesellschaft.

So veröffentliche Hefner kurz nach Martin Luther Kings Tod das letzte Stück, das von ihm geschrieben wurde, den Essay „A Testament of Hope“. In einem Interview dazu sagte er, dass die meisten Menschen es entweder nicht bemerken oder nicht sehen wollen, wie sehr er eigentlich für Kings Traum einstand.

Tatsächlich nehmen selbst nach seinem Tod die Schmähkritiken auf seine Person einen beträchtlichen Platz ein. Er hätte Frauen, die aus ärmlichen Verhältnissen kämen und deswegen verzweifelt jeden Job angenommen hätten, durch den schmuddeligen Job ruiniert und ausgenutzt, lauten die Vorwürfe. Dieses Argument funktioniert ähnlich wie das Verbot von Prostitution: Man spricht Frauen die eigene Reflexionsfähigkeit ab und damit auch die Freiheit, sich zu verkaufen. Eine solche Auffassung perpetuiert aber doch genau das Frauenbild, das wir überwinden wollen: Die Frau als unmündiges Wesen, das vor der Welt beschützt werden muss und nicht selbst seine eigenen Entscheidungen treffen kann.

Das Faszinierende an Hugh Hefner ist doch letztendlich Folgendes: Er symbolisierte den Chauvinisten in Person, den Pascha im Seidenpyjama, den alten Sack mit den jungen Dingern, kurz: Den Archetypen des modernen Machos. Einen Mann, der so sehr für das Pin-Up und den Sex lebte, dass er sich für seinen Tod den Platz neben Marilyn Monroes Grab sicherte.

Und wie es so ist mit Stereotypen: Sie müssen uns nicht immer gefallen, sie können sogar Unheil anrichten. Ein Leben ohne sie wäre jedoch erschreckend langweilig.




Judith Sevinç Basad wuchs teilweise in Bayern, teilweise in Frankreich auf, hat türkischen Migrationshintergrund, rollt das R aber trotzdem wie eine autochthone Fränkin. In Stuttgart studierte sie Germanistik und Philosophie und studiert momentan Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin. In der Initiative "Liberaler Feminismus" setzt sie sich für einen freiheitlichen Feminismus ohne Sprechverbote ein, im Tagesspiegel schreibt sie darüber.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com