Vor sieben Jahren sprachen Republikaner und Demokraten noch miteinander. Im Bild die Präsidenten George H.W. Bush (l) und Barack Obama (r). White House/gemeinfrei

Der Traum von der Vernunft (amerikanische Variante)

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Demokraten und Republikaner haben sich in den USA gerade nicht viel zu sagen. Doch im Kopf unseres Autors ist ein vernünftiger Dialog von Linken und Rechten möglich.

Ein rationaler Dialog zwischen Linken und Rechten ist in meinem gebeutelten Vaterland, den Vereinigten Staaten von Amerika, zurzeit leider nicht möglich: Die Republikanische Partei hat sich mit Haut und Haaren dem Trumpismus verschrieben (und ist vielleicht unrettbar verloren), der Demokratischen Partei fällt im Moment aber nicht mehr ein als „Wir sind gegen Trump“, „Wir wollen Obamacare retten“ und „Wir sind für einen Mindestlohn von soundsoviel Dollar pro Stunde“. Also: In der Wirklichkeit ist ein vernünftiger Dialog nicht möglich. In meinem Gehirn aber schon. Voilà:

Herr Republikaner und Frau Demokratin gemeinsam: Wir brauchen dringend ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Leute im Mittleren Westen. Eine Art New Deal für unsere Zeit. Unsere Infrastruktur ist marode – wir können hunderttausenden Lohn und Brot verschaffen, wenn sie reparieren, betonieren, löten und schweißen.

Herr Republikaner: So weit scheinen wir uns ja einig zu sein. Schön. Ihnen ist aber klar, dass irgendwann alle Brücken in Amerika erneuert, alle Straßen frisch geteert, alle Stromnetze auf den Stand des 21. Jahrhunderts gebracht sind? So in fünf bis zehn Jahren? Ihnen ist außerdem klar, dass die meisten Jobs gerade im Einzelhandel flöten gehen? Und wir können all die Menschen, die heute bei Sears, Costco und Home Depot arbeiten, ja nicht von heute auf morgen Straßen bauen lassen. Also: Was kommt nach unserem wunderbaren New Deal?

Frau Demokratin: Das bedingungslose Grundeinkommen.

Herr Republikaner: Und wie wollen Sie das finanzieren, bitte schön?

Frau Demokratin: Durch eine Robotersteuer, die von den Unternehmen nach dem Grad der Automatisierung zu entrichten ist: Je mehr Arbeitsplätze durch Roboter in einer Firma verloren gehen, desto mehr muss sie in den gemeinsamen Topf einzahlen. Daraus bekommt dann jeder ein Einkommen, das es ihm erlaubt, auf einem niedrigen Standard, aber doch menschenwürdig zu leben.

Sozialstaat streichen

Herr Republikaner: Und was machen wir mit unserem jetzigen Sozialstaat? Und mit Ihrer Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn von 15 Dollar von Florida bis Minnesota, von Kalifornien bis Rhode Island?

Frau Demokratin: Streichen wir natürlich alles. Der Mindestlohn hat im Zeitalter der Automatisierung sowieso nur die Folge, dass er die Unternehmer dazu treibt, ihre Betriebe noch schneller zu automatisieren.

Herr Republikaner: Außerdem hat er die unangenehme und unbeabsichtigte Nebenwirkung, dass weiße Mittelstands-Teenager, die einen Ferienjob suchen, problemlos für ein paar Wochen eingestellt werden, während er Schwarze und Latinos, die dauerhaft bei McDonald´s arbeiten wollen, um aus dem Elend herauszukommen, auf Dauer zu teuer werden. Das sagen „liberals“, also Linke wie Sie, leider eher selten.

Frau Demokratin: Lassen wir das mal auf sich beruhen. Ich gebe im Austausch gegen das bedingungslose Grundeinkommen ja schon den ganzen bisherigen Sozialstaat dran. Allerdings möchte ich dann doch bitte noch etwas dazu haben: eine Krankenversicherung nach britischem oder kanadischem Vorbild, die aus Steuern finanziert wird. „Single payer universal health care“, okay? Wir Amerikaner glauben, es sei eine Art Naturgesetz, dass man über seinen Arbeitgeber krankenversichert wird, dabei gibt es dieses System erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Damals hat der Bundesstaat Höchstlöhne festgesetzt – ganz planwirtschaftlich. Die Unternehmen haben dieses Gesetz umgangen, indem sie anfingen, ihren Angestellten auf den Lohn obendrauf eine Krankenversicherung zu zahlen.

Herr Republikaner: Hm, hm. Das überzeugt mich alles noch nicht.

Frau Demokratin: Nein? Wieso denn nicht?

Negative Einkommensteuer

Herr Republikaner: Also erstens, Ihr bedingungsloses Grundeinkommen. Ich bin dagegen. Es würde die Leute verrückt machen. Sie würden fürs Nichtstun bezahlt, das widerspricht der menschlichen Natur. Ich habe einen besseren Vorschlag: Wir führen eine negative Einkommenssteuer ein. Sobald das Einkommen unter einen gewissen Grad sinkt, zahlt man keine Einkommenssteuer; wenn es noch tiefer sinkt, bekommt man Einkommenssteuer. Wenn das Einkommen null beträgt, garantiert die negative Einkommenssteuer ein Leben auf einem niedrigen, aber menschenwürdigen Niveau.

Frau Demokratin: Genau das, was ich sage!

Herr Republikaner: Nein. Denn im Unterschied zu Ihrem bedingungslosen Grundeinkommen verdient man bei einer negativen Einkommenssteuer mehr, wenn man sich durch Arbeit etwas dazuverdient. Es gibt also einen materiellen Anreiz, nach einer bezahlten Beschäftigung zu suchen. Sehen Sie, ich bin nicht so pessimistisch wie Sie. Ich glaube nicht, dass die Automatisierung die Arbeit abschaffen wird. Es werden Berufe entstehen, für die weder Sie noch ich bisher auch nur die Namen wissen. (besänftigend🙂 Immerhin sind wir einer Meinung, dass der bisherige Sozialstaat sich im 21. Jahrhundert nicht halten lässt.

Frau Demokratin: Hm, hm.

Herr Republikaner: Zweitens, die Sache mit der Krankenversicherung. Also, euer Obama war da schlauer. Er wollte nicht das kanadische System kopieren, sondern etwas Eigenes schaffen – unter Einbeziehung von privaten Krankenkassen. Wir in Amerika machen ohnehin den Fehler, immer nur auf angelsächsische Länder zu starren. Es gibt auch Länder wie Deutschland und die Beneluxstaaten, wo eine Mischung aus privater und staatlicher Krankenversorgung existiert: funktioniert ziemlich prima. Darüber hinaus müssen bei uns natürlich die Rechte der Einzelstaaten berücksichtigt werden. Wir sind 320 Millionen Leute, über einen ganzen Kontinent verteilt! Krankenversicherung in Louisiana, einem unserer ärmsten Bundesstaaten, muss vielleicht ein bisschen anders aussehen als in Kalifornien.

(Es entspinnt sich ein wüster, aber zivilisierter Streit. Am Ende🙂

Frau Demokratin (erschöpft): Können wir uns wenigstens darauf einigen, dass Immigranten unserem Land zugute kommen?

Herr Republikaner: Selbstverständlich. Gerade ich als Konservativer sehe, dass die Neueinwanderer die amerikanischen Werte oft viel besser verkörpern als die Alteingesessenen. Sie sind fleißig, werden im statistischen Durchschnitt weniger häufig kriminell, sie sind religiös, ihre Ehen halten länger, sie bringen mehr Kinder zur Welt als die anderen Amerikaner …

Frau Demokratin: Sind Sie denn etwa dafür, dass jenen ungefähr elf Millionen Einwanderern, die sich illegal, ohne Papiere, bei uns aufhalten, sich aber weiter nichts haben zuschulden kommen lassen, die ordentlich ihre Steuern bezahlen und keinerlei Zugang zu Sozialleistungen haben – dass diese Leute auf lange Sicht eine Greencard bekommen?

Zwei waschechte Amerikaner

Herr Republikaner: Selbstverständlich bin ich dafür! Schließlich war das die Politik von Ronald Reagan, George Herbert Walker Bush und Georg W. Bush. Der ist mit seiner Initiative damals leider vor dem Kongress gescheitert, und so ist ein unhaltbarer Zustand eingetreten. Überhaupt sollten wir den folgenden Satz häufiger sagen: Die Vereinigten Staaten sind eine Nation von Einwanderern – und da sind wir auch gottverdammt stolz drauf! Meine Mutter war, wie Sie vielleicht wissen, eine Kroatin, und mein Vater ein Tscheche.

Frau Demokratin: Meine Mutter war eine Tamilin aus Indien, während die Familie meines Vaters Wurzeln auf Jamaika hat.

Herr Republikaner: Sehen Sie. Wir sind eben beide waschechte Amerikaner. Ich wünsche Ihnen das Beste für den bevorstehenden Präsidentschaftswahlkampf, Senatorin Harris. Auch wenn ich selbstverständlich gewinnen werde.

Frau Demokratin: Gleichfalls, Gouverneur Kasich. Auch wenn uns ideologisch Welten trennen und ich in sämtlichen Meinungsumfragen weit, weit vorn liege. God bless you and God bless this country.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com