Ein Platz gegenüber dem britischen House of Parliament in London. Acht Iraner stehen da mit Bannern und skandieren, jedes Mal, wenn ein Auto das Gelände verlässt. Sie fordern Großbritannien auf, weitere Sanktionen gegen den Iran zu erlassen. Sie schreien einsam gegen eine gewisse Gleichgültigkeit an, die sich gegenüber dem Leid der iranischen Revolutionäre breit gemacht hat. 100 Meter weiter machen die Touristen wie immer ihre Fotos am Big Ben.

Ein paar Tage später, am Samstag, kommen, während sich in Berlin 80.000 Menschen um die Siegessäule versammelten, in London zur gleichen Zeit immerhin rund 2000 Menschen zusammen. Fast alle am Trafalgar Square sind Iraner oder iranischstämmig. Sie skandieren „Marg bar Diktator“ auf Persisch – „Tod dem Diktator!“.

Demonstranten in London am Trafalgar Square – drumherum ging das Leben ganz normal weiter – Foto: Til Biermann

Sie skandieren auf Englisch mit persischem Einschlag „UK Government – estopp supporting Mollahs!“ Sie rufen immer wieder „Say her name, say her name, Mahsa Amini“ und meinen damit die iranische Kurdin, die totgeschlagen wurde, weil sie ihre Haare nicht ganz verdeckt hatte. Sie schreien „Iran yes, Mollahs no, they are terrorists, they must go“. Und den kurdischen Schlachtruf „Jin, Jihan, Azadi“ – „Frau, Leben, Freiheit!“

Schnell fällt auf: Die Gegner des islamistischen Regimes in Teheran scheinen auf den ersten Blick untereinander hoffnungslos zerteilt. Da sind Royalisten, Anhänger des vor 43 Jahren vertriebenen Schahs, die Fotos seines Sohns in die Höhe halten, der in den USA aufwuchs. Da sind viele Kurden mit Kurdistanflaggen. Und da sind junge Frauen, denen der Schah und Kurdistan wahrscheinlich nicht so wichtig ist, sie wollen einfach in ihrer Heimat frei bestimmt leben können.

Aber alle haben jetzt zunächst einen Gegner: Das islamistische Regime. Eine Exil-Iranerin sagt: „Die Kurden stehen auch an der Seite aller Iraner und kämpfen gegen das Regime. Eine Kurdin ist ermordet worden und Teheran geht auf die Straße, mehr Einigkeit kann man nicht klarer zeigen.“

Demonstrant mit einem Foto des Schah-Sohns – Foto: Til Biermann

Teils wird es absurd, da die Demonstranten zwei Soundsysteme mitgebracht haben und sich gegenseitig niederbrüllen. Während aus der einen Ecke Marschmusik aus Schahzeiten plärrt, kommt aus der anderen eine Rede über die Revolution. Einmal kommt es zu einer brutalen Schlägerei, ein Kurde hat einem anderen Kurden die Jacke über den Kopf gezogen und prügelt auf ihn ein, bis die Polizei dazwischen geht. Der Gewinner sagt danach: „Das war ein Anhänger des Regimes.“

In der Menge haben viele Tränen in den Augen, als die Hymne der Revolution angestimmt wird. Das Lied „Baraye“ des Sängers Shervin Hajipour, 25, der nach Veröffentlichung verhaftet wurde, ein paar Tage verschwand und sich dann unter Zwang entschuldigen und sagen musste, das Lied sei gar nicht politisch gemeint gewesen.

Demonstranten singen „Baraye“ in London

Der Text besteht aus Social-Media-Posts von Protestlern, die schrieben, weshalb sie auf die Straße gehen, obwohl ihr Leben in Gefahr ist. Dinge wie „Um auf der Straße tanzen zu können“, „für unschuldige und doch verbotene Hunde“, „für das Mädchen, das den Wunsch hatte, ein Junge zu sein“, „für die Intellektuellen im Gefängnis“ und eben jenes „Frau, Leben, Freiheit“.

Die gewaltigste Rednerin auf der einer Balustrade des Trafalgar Squares ist die etwa 20-jährige Dunya, eine kleine, kräftige iranischstämmige Kurdin. Sie ruft im feinsten London-Englisch in eines der beiden Mikros, dass ihr klar sei, dass sie unter dem Regime nie wieder in den Iran reisen kann, aber sagt: „We will win and we will all go back together! One solution, revolution! These protests have been burning under the skin of Iranians for 43 years. UK Prime Minister, whoever you are, sort it out!“

Vor der Downing Street 10, dem Noch-Sitz der zurückgetretenen Premierminsterin Liz Truss, treffen die Iraner dann auf eine Demonstration von Ukrainern. Beide Gruppen verbrüdern sich, sie haben dieselben Feinde: Es sind iranische Drohnen, die gerade Wladimir Putin dabei helfen, ukrainische Kraftwerke zu zerstören, um die Ukraine zu einem Teil seiner Diktatur zu machen.