Hans Niemann ist 19 Jahre alt, Amerikaner und sieht aus wie der Zwillingsbruder des Rappers Jack Harlow, wuschelige Lockenhaare, verschmitzes Gesicht.

Entweder er ist eines der größten Schachgenies aller Zeiten – oder einer der größten Schachbetrüger, der mit Chuzpe die Schachwelt an der Nase durch die Manege gezogen hat.

Niemann ist Schachmeister und hat neulich bei einem Prestige-Turnier den norwegischen Weltmeister Magnus Carlsen, 31, besiegt. Die Art und Weise ließ manche vermuten, Hans habe betrogen. Irgendwie müsste er dafür beim Live-Schach vor Ort Signale bekommen haben, meinten sie – laut einem Beobachter womöglich mit Analperlen, mittels denen ihm ein Komplize Signale in den After gesendet haben könnte. Drei Vibrationen gefolgt von einer kurzen Pause und vier Vibrationen würden etwa das Feld C4 bedeuten.

Der Schachcomputer Stockfish ist mittlerweile jedem Menschen überlegen. Er kann alle Varianten von 40 Zügen vorausberechnen. Carlsen versucht, mit aller Kraft die Spielstärke von 2900 zu erreichen, ein Rekord. Dafür müsste er Spieler seines Levels um die 40 Mal in Folge besiegen. Carlsen hat derzeit eine Spielstärke von 2856, Stockfish eine von 3500.

Das heißt: Wer sich von Stockfish helfen lässt, ist gnadenlos überlegen.

Experten sagen: Auf dem Level von Carlsen und Hans Niemann genügt es, wenn man den Computer vielleicht drei Mal pro Spiel bei kniffeligen Situationen eingreifen lässt.

So stellt sich die AI-Engine „Dall-E“ die Situation vor mit dem Befehl: „two chess players, one with dark, curly hair, the other Scandinavian, strongly built, competing over a wooden chess board in a dimly lit conference room. They are thinking hard, sweating, their backs are bent over. Naturalistic oil painting in the style of dutch oil painters of the 18th century.“

Es war bekannt, dass Niemann in der Vergangenheit bereits zwei Mal des Betrugs bei Online-Spielen überführt wurde – Computerprogramme registrieren, wenn ein Mensch zu oft genau so zieht, wie etwa das Programm Stockfish es tun würde und Hans gab diese Betrügereien zu – es seien Fehler in der Jugend bei bedeutungslosen Online-Spielen gewesen und er bereue das sehr.

Nach dem Eklat um Carlsens Niederlage, danach weigerte er sich, nochmals gegen Niemann zu spielen, untersuchte die Multi-Milliarden-Dollar-Plattform „Chess.com“ weitere Spiele von Niemann und die Experten kamen zum Schluss, dass er in mehr als 100 Online-Spielen betrogen haben könnte und zwar auch in welchen, bei denen es um Preisgelder ging.

Auch seine „Over-the-Board“-Performance, also seine Leistung bei Turnieren, bei denen er physisch vor Ort sein musste, wies Auffälligkeiten auf. So zog Niemann womöglich auch dort sehr viel öfter wie die Stockfish-Engine, als andere Spieler seiner Klasse.

Vereinzelt bekam er Zuspruch aus der Schach-Community, etwa vom ehemaligen Weltmeister Garry Kasparov, mittlerweile wird er teils offen geschnitten. Während einer Partie nahm ein Gegner, Samuel Sevian, kürzlich einfach Niemanns‘ schwarzen König vom Feld, brach ihm den Kopf ab und warf ihn achtlos wieder auf’s Feld. Ein unglaublicher Affront in der auf Regeln bedachten Schachwelt – Sevian verlor die Partie letztendlich regelkonform.

Jetzt geht das Schachdrama in die nächste Runde: Niemann hat Carlsen in den USA auf 400 Millionen Dollar Schadensersatz verklagt. Er bezeichnet sich in der Klage als „Schachwunderkind“, dem durch die, so Niemann, bösartigen, falschen Anschuldigungen Carlsens, den er als jähzornigen, schlechten Verlierer bezeichnet, die Lebensgrundlage geraubt wurde. Denn natürlich: Sollten die Anschuldigungen nicht stimmen, wäre das ein ein verheerendes Unrecht inklusive ehrrüriger Analperlen-Defamation.

Niemann behauptet, seine extreme Leistungssteigerung hänge ganz einfach damit zusammen, dass er extrem viel trainiert habe. Sein zeitweiliger ebenfalls in der Vergangenheit des Betrugs beschuldigter Trainer Maxim Dlugy, den Carlsen mit dem von ihm vermuteten Niemann-Betrug in Zusammenhang brachte, äußerte sich kürzlich im „Spiegel“: Er glaube, Carlsen sei die Sache über den Kopf gestiegen, Niemann sei einfach einer der besten Spieler, die er je gesehen habe, Carlsen habe nicht ertragen können, dass er in einer Partie seinen Meister gefunden hat.

Das macht Dall-E aus: „two chess players, one with dark, long, curly hair, the other Scandinavian, brown short hair, strongly built, competing over a wooden chess board in a dimly lit conference room. They are thinking hard, sweating, their backs are bent over. Photorealistic acryl painting.“

Das uralte Spiel der Könige, das mit der Netflix-Serie „Queen’s Gambit“ und vor allem der einsamen Pandemie viele neue Online-Anhänger gewann, hat so auch seinen vielleicht größten Medienskandal.

Sollte es vor Gericht gehen, wird es spannend, wer wird gewinnen? Der norwegische Champion oder der in der Vergangenheit überführte Betrüger? Klar scheint: Glasklare Beweise für einen Betrug bei der „Over-the-Board“-Performance wird es wohl nicht geben. Niemann kann immer behaupten, von Stockfish empfohlene Züge seien ihm selbst eingefallen. Aber: Niemann bestreitet auch den Betrug bei den weiteren Chess.com-Online-Spielen und die Beweislast, dass das bösartige Anschuldigungen seien, liegt bei ihm.

Ein US-Anwalt sagte, dass Niemann durchaus einen Chance habe. Denn auch wenn Carlsen nur einen Betrugsverdacht geäußert habe, könne das „defamation per implication“ sein – implizite Verleumdung. Ein renommierter Jura-Professor, David Franklin, bezeichnete die Klage allerdings im „Perpetual Chess Podcast“ als einen „uphill battle“, einen schwierig zu gewinnenden Kampf für Niemann.

Wo immer die Wahrheit liegt – tatsächlich wird es sehr schwer für Niemann sein, den zweifelhaften Ruf abzuschütteln: Er twitterte den Link zu seiner Klage mit dem Hinweis, die würde für sich sprechen. Ein User kommentierte trocken: „Hat Stockfish die Klage empfohlen?