Die Bill-Emerson-Brücke über den Mississippi bei Cape Girardeau Daniel Schwen

Kafka, Trump und Kevin

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Gabriele Eckart betreut in Missouri internationale Studenten als Dozentin für Deutsch und Spanisch. Im Wahlwinter 2020 denkt sie über neue und alte Heimat nach. Und über einen Studenten, der die Wahl nicht mehr erlebt hat.

Brückenbögen. Das Schönste ist eure Brücke, sagen unsere Austauschstudenten aus Jena und Quito. Stimmt, nicht jeder hat vor der Haustür so eine Brücke über den Mississippi!

Ende der Neunzigerjahre zog ich hierher. Welch eine Freude darüber, wieder vier Jahreszeiten zu haben. Heraus aus der Affenhitze in Texas und der Eiseskälte in Minnesota und trotzdem noch in Amerika.

Spazierengehen! Wahlplakate vor den Häusern. Mehr für Trump & Pence als für Biden & Harris. Ich setze mich auf eine Bank, um die Beine auszuruhen, rufe meine Mutter in Gera an, aus der Welt ist man ja nicht, wenn man in Cape Girardeau lebt. Wahl ist heute, sage ich, wir haben den dritten November. Aus der Tagesschau weiß sie das schon, sagt: Ob der Trampel wieder nankommt? Ich würde den nicht wählen! Wenn ich den schon sehe, so großspurig! Ja, sage ich, und er bringt die niedrigsten Instinkte aus uns heraus. So wie die Stasi die niedrigsten Instinkte in der DDR aus uns heraus gebracht hat.

In den Tagen nach der Wahl, als die Stimmen noch ausgezählt werden, Trump hat den Wahlsieg schon längst für sich reklamiert, aber ein Kopf-an-Kopf-Rennen ist es noch immer, sitze ich jeden Nachmittag auf derselben Bank und sehe den fallenden Blättern zu. Platanen, Gingkobäume, Ahorn. November, aber Sonnenschein, wir liegen zwei Klimazonen südlicher als das Vogtland. Der November ist der schönste Monat hier zum Spazierengehen. Dafür gibt es keine Schneeglöckchen im Frühjahr, denke ich. Na ja.

Geh doch nach Jena

Über die Jahre habe ich diese kleine Universitätsstadt ins Herz geschlossen, vor allem, seit die Uni einen mexikanischen Präsidenten hat. Nur in Kloster Lehnin, für die LPG Damsdorf hatte ich dort Anfang der Achtzigerjahre gearbeitet, hatte ich mich so wohlgefühlt.

Dieser Kleinstadtmief! stöhnte mein Student Jonathan, der in Cape Girardeau aufgewachsen war. Erstaunt sah ich ihn an. Genauso hatte ich doch in Auerbach gestöhnt seinerzeit. Studier ein Semester in Jena! empfahl ich ihm. Wir haben ein Austauschprogramm mit der Friedrich Schiller Universität. Das tat er, fühlte sich besser nach dem Semester in Deutschland, sah seine eigene Stadt mit einem frischen Blick.

Auf einem Schlachtfeld drehe ich meine Kreise, jeden Tag. Durch Zufall fand ich vor ein paar Jahren heraus, dass am 26. April 1863 Konföderierte Soldaten unter Brigadegeneral John S. Marmaduke und Soldaten der Nordstaaten unter General John McNeil hier gegeneinander gekämpft haben, etwa vier Stunden lang. Siebzig Tote, fünfzig von ihnen Südstaatler, zwanzig aus dem Norden. Mit einer fünftausend Mann starken Kavallerie hatten die Südstaatler das gut bestückte Munitionsdepot in Cape Girardeau erobern wollen, geklappt hat es nicht. Die Nordstaatler hatten zwei Geschützgruppen mit Gewehren postiert, dazu kamen zwei Kanonenboote auf dem Mississippi. Technisch überlegen, schlugen sie den Angriff ab und verfolgten die Flüchtenden. Zum Glück gewann der Norden den Bürgerkrieg! sage ich zu meinem Mann, als ich von meinem Spaziergang nach Hause komme. Na klar, sagt er, das Ende der Sklaverei. Nicht nur das, sage ich. Eine kleinere und schwächere USA hätte im Zweiten Weltkrieg nicht so einen starken Anteil daran haben können, Deutschland zu schlagen. Als ein begeistertes Nazi-Mädel wäre ich vielleicht aufgewachsen.

Gabriele Eckart

Meine Studenten, jeder mit seinem eigenen unverwechselbaren Leben! Viele sind Ausländer, die meisten von ihnen aus Asien, vor allem Nepalesen. Nimm in Cape Girardeau Spanisch mit Eckart! sagen sie in Kathmandu. Weltberühmt bist du, sagt mein Mann lachend.

Nur, mein einstiger Lieblingsstudent, Kevin, lebt nicht mehr! Bin ich schuld an seinem Tod? Stets schwarz gekleidet, mit auffällig schwarzgefärbten Haaren und einem nachdenklichen Gesicht kam er in meine deutsche Literaturklasse. Als wir Benn- und Trakl- Gedichte lasen, lächelte er zum erstenmal: die Texte meiner Lieblingssongs sind das! Seine Lieblingsband hieß Das Ich. Warum spielst du uns das nächstemal nicht ein paar Lieder vor, sagte ich.  Er kam mit einer CD in die nächste Stunde. Tatsächlich! Benn und Trakl, wir verglichen die Texte. Die düsteren elektronischen Klänge passten zu den Texten. In holperigem Deutsch hielt uns Kevin einen Vortrag über die Musik der Gothic-Szene, die beste kam seiner Meinung nach aus Deutschland. Ruhig erklärte er uns, was das alles bedeutete. Sein größter Traum war es, einmal in Leipzig bei einem Wave-Gothic-Treffen dabeizusein. Und vielleicht Bruno Kramm, den Texter von Das Ich und philosophisches Sprachrohr der Gruppe, kennenzulernen.

Gothic in Leipzig

Warum studierst du nicht ein Semester in Deutschland und interviewst Bruno Kramm während dieser Zeit? Ich helfe dir dabei, die Fragen vorzubereiten. Wirklich? fragte Kevin ungläubig. Na, warum nicht? Ein Junge aus Missouri, hinter unserer Stadt auf einem Bauernhof aufgewachsen. Im Ausland zu studieren war ihm noch nicht in den Sinn gekommen. Muss mit meinen Eltern reden! Schließlich stimmten sie zu und bezahlten ihm den Flug. Kevin studierte in Jena, ein Semester und dann noch eins, danach zog er nach Leipzig um, zurück kam er für viele Jahre nicht. Deutsche Freundin! schrieb er mir. Stellen Sie sich vor, Beate hat in Leipzig noch die Grufti-Szene am Ende der DDR-miterlebt. DDR? dachte ich. Von dort kam ich doch auch. Hatte ich etwas verpasst?

In einem abbruchreifen Hinterhaus in Leipzig-Connewitz wohnten er und seine Freundin. Alt alles, bröcklig, abgeschrammt, Bombenlücken in den Häuserzeilen. Wohl fühlte Kevin sich dort. Die Atmosphäre entsprach seiner Melancholie und den Texten von Trakl und Benn, auswendig kannte er die Gedichte inzwischen. Wovon lebst du? fragte ich ihn per E-Mail. Englisch-Unterricht. Von Zusammenstößen mit Skinheads schrieb er und von Goethes Erben, seine zweite Lieblingsband. Eine neue CD der Band schickte er mir, in meiner Klasse über deutsche Jugendkultur sollte ich bitte einen Song daraus vorspielen. Bei den jährlichen Wave-Gothic-Treffen waren er und seine Freundin schwarzgekleidet und mit weißgeschminkten Gesichtern mit dabei, irgendwie schlafwandlerisch stellte ich sie mir in ihrem Glück vor. Bruno Kramm hatte er längst interviewt, ich schrieb die Fragen und Antworten vom Tonband ab und bearbeitete den Text für eine Veröffentlichung in einer Zeitschrift für Popular Culture. Der Autor eines Zeitschriftenartikels war Kevin jetzt! Stolz zeigte er in Leipzig in der Szene seine Veröffentlichung herum.

Etwa zehn Jahre später passierte etwas, nie konnte ich in Erfahrung bringen, was es genau war. Bin zurück! teilt mir Kevin mit. Wohne wieder auf dem Bauernhof. Könnten Sie mir bitte einen Empfehlungsbrief schreiben?

Er suchte Arbeit, irgendwo in Amerika, sie sollte etwas mit Deutsch zu tun haben. Ich schrieb ihm einen wunderbaren Empfehlungsbrief, aber eine Arbeit fand er nicht. Dann hilfst du eben auf dem Bauernhof! hatte sein Vater wahrscheinlich gesagt. Das machte Kevin. Ställe ausmisten. Pflügen. Sonntags musste er mit in die Kirche. Ausufernde Predigten, kein Licht ging davon aus. Niemand, mit dem er die großen Fragen diskutieren, bei denen die Antworten nicht auf der Hand liegen. Mit starren Augen sitzt er in der Kirchenbank. So sehe ich ihn. Nachts schaut er hinauf. Wolken vor dem Mond. Jeden Tag so weiter bis zur Bahre? Zwei Jahre nach seiner Rückkehr erschoss sich Kevin mit dem Jagdgewehr seines Vaters.

Kafkas Bauernvolk in Missouri

Bescheid gab mir Kevins ehemaliger Kommilitone, der in Cape Girardeau lebt: tot! Eine Beileidskarte sandte ich den Eltern. Während ich sie schrieb, dachte ich, von Kafka hatten wir damals in der Klasse einen Text gelesen, in dem das Wort Bauernvolk vorkam. Aufgehorcht hatte Kevin. Kafkas Behandlung dieses Themas interessierte ihn dann ebenso sehr wie Trakls blasser Kinder Todesreigen.

Während ich auf meinem nächsten Spaziergang dem Glockenspiel der Universität lausche, kommt mir plötzlich das Wort Kulturschock in den Sinn. Nicht überlebt hat Kevin seine Rückkehr aus der Leipziger Boheme der Nachwendezeit mit den Gesprächen über Kunst und den Sinn des Lebens unter das Bauernvolk in Missouri. War das nicht vorauszusehen?

Selbstvorwürfe: Falsch beraten hatte ich ihn damals. Mit einer Lehrerausbildung zusätzlich zu seinem Deutschstudium, es gab diese Möglichkeit bei uns, hätte er später eine Deutschlehrerstelle finden können, wäre vom Bauernvolk weggekommen…

Ein paar Tage später höre ich in den Morgennachrichten, es gibt noch keinen Gewinner, obwohl Trampel, wie meine Mutter ihn nennt, längst den Sieg für sich beansprucht. Aber in Missouri steht schon fest, hier hat er gewonnen. Rot ist der Staat auf der Wahlkarte eingezeichnet, Illinois nebenan blau. Mit der roten Farbe, als Kind war sie als die Farbe der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution meine Lieblingsfarbe gewesen, hatte ich schon lange emotionale Probleme. Als ich während meines Spanischstudiums über die Rolle des sowjetischen Geheimdienstes im Spanischen Bürgerkrieg erfuhr, schlug meine Liebe zu dieser Farbe in Hass um. Vielleicht lief es mir deshalb kalt über den Rücken, als ich am Wahlabend die rote Farbe auf der Landkarte Amerikas wachsen sah. Putin! War er nicht in der DDR in Dresden KGB-Offizier gewesen?

Vor allem in den ländlichen Gebieten Missouris wählten die Menschen Trump, heißt es in den Nachrichten, Bauernvolk eben. Aus irgendeinem Grund muss ich an Kevin denken. Wie liefen die Gespräche zwischen ihm, lebte er noch, und seinem Vater ab? Im Hintergrund donnerte bestimmt Fox News, Trumps Lieblingsfernsehsender. Eine mysteriöse Software hat in bis zu dreißig Bundesstaaten die Trump-Stimmen in Biden-Stimmen umgewandelt, sagt der Vater, hast du das gehört? Wahlbetrug! Die Flappe, die Kevin zieht! Einer, der in der Nachwendezeit in Leipzig in blasser Kinder Todesreigen mitgetanzt hat, betet nicht Trump an.

Am fünften November immer noch Hängepartie. Die Nervosität unter meinen Studenten steigt. Man soll endlich aufhören zu zählen, sagen die einen. Nein, jede Stimme, auch die Stimmen, die schon vor der Wahl oder per Post abgegeben wurden, zählt, sagen die anderen. Schüsse hier und da in Cape Girardeau, niemand stirbt. Keine Ausschreitungen wie in manchen Großstädten.

Bis die Bohnen erfrieren

Von Bauernhöfen und Feldern umringt ist unser Ort. In der Uni-Bibliothek, meinem Lieblingsort in dieser Stadt, unterhalte ich mich mit unserer Bibliothekarin, die mir über Fernleihe Neuerscheinungen aus Spanien und Deutschland beschafft. Bauer ihr Mann. He is itching to get it done, sagt sie über die Bohnenernte. Schon Anfang November, nur noch ein kleines Zeitfenster, bevor sie erfrieren.

Als Joe Biden die Wahl endlich gewinnt (von meiner Mutter erfahre ich es zuerst: Der Trampel ist hinten nunter gepurzelt), sagt mir unsere Bibliothekarin, sie und ihr Mann haben für Joe Biden gestimmt. Nicht alle Bauern sind Bauernvolk, würde Kevin jetzt sagen. Ach, lebte er noch!

Für wen meine Studenten gestimmt haben, ist leicht in Erfahrung zu bringen. Ich setze, sowohl in der Deutsch-, als auch in den drei Spanischklassen, das Thema Medien auf die Tagesordnung und schreibe in der jeweiligen Sprache Fragen an die Tafel. Von der tagelangen Zitterpartie ermüdet, setze ich auch in der Deutschklasse ein Kopfstand machendes Fragezeichen vor die Frage:  ¿Welche Zeitung liest du?  Etwa die Hälfte der Studenten antwortet: Die New York Times, etwa die andere Hälfte sagt trotzig: gar keine! Was sie denken, lese ich in ihren Augen oberhalb der Gesichtsmaske, die wir wegen Covid19 tragen müssen: fake news.

Warum blieb Kevin nicht in Leipzig? Mehr als zehn Jahre war er dort glücklich. Nach einer lebendigen Beschreibung seiner baufälligen Straße, die er mir einmal schickte, sehe ich ihn dort zufrieden in seinem Hinterhaus, alt und bröckelnd alles, das Milieu passt zu seiner Todesmusik. Was ist schiefgelaufen? Heimweh? Plötzlich fühle ich, es war nicht nur die geplatzte Liebe. Abrissbirnen rückten an, Gerüstbauer, Baugruben, Staub und Lärm… Der Baulärm lauter als die Musik von Das Ich. Kevins trotzige Augen hielten den Abriss, den Neubau, die Renovierung seines Stadtviertels nicht auf. Alles hat seine Zeit.  

Great again

Trump erkennt Bidens Wahlsieg immer noch nicht an. Die stehlen mir die Wahl! In einigen Großstädten Demonstrationen: Stop counting! schreien sie auf der einen Seite. Sore loser! auf der anderen. Nie seit dem Bürgerkrieg war Amerika so gespalten wie jetzt, denke ich.

Warum geht mir Kevin nicht aus dem Kopf? Kratzgeräusche der vertrockneten Blätter, die der Wind über den Asphalt treibt. Zu Trump würde Kevin jetzt mit Greta Thunbergs Worten sagen: Chill, Donald, chill! In der Ferne röhrt ein Zug. Meiner Erinnerung nach hatten Kevin auch die Hymnen an die Nacht ungemein interessiert, wir hatten die zweite Hymne von Novalis im Unterricht laut gelesen. Der braune Saft des Mohns… Hat Kevin möglicherweise ein Drogenproblem gehabt?

Um das Wahlthema abzuschließen, erforschen wir Webseiten im Unterricht: univision.com in Spanisch,  spiegel.de in Deutsch. Im Spiegel lesen wir laut, ich unterstreiche mit dem Finger jedes Wort auf dem großen Screen: Jede Stimme zählt, aus einer Binsenweisheit wird ein Thriller. Eine Wahl gerinnt zum Ergebnis, live, die ganze Welt kann zuschauen. Es geht im Halbstundentakt über Tage und zugleich mit zäher Würde. So taugt Amerika (wieder) zum Vorbild für die Welt, vor der Strahlkraft dieser Momente sollten sich die Putins und Xins dieses Planeten fürchten.

Kevin einen Blumenstrauß aufs Grab legen und ihm die Neuigkeiten mitteilen: America is great again.       

Über die Autorin

Die Schriftstellerin Gabriele Eckart ist seit 1999 Dozentin für Deutsch und Spanisch an der Southeast Missouri State University in Cape Girardeau. Bis 1987 hatte sie in der DDR gelebt, wo sie nach zwei Gedichtbänden und einem Band mit Reisereportagen Interviews mit Menschen im Havelland veröffentlichen wollte. Da der Text zahlreiche kritische Passagen zu den Verhältnissen in der DDR enthielt, durfte das Buch So sehe ick die Sache 1984 nur in einer westdeutschen Ausgabe erscheinen. 1987 nutzte Eckart einen Besuch der Frankfurter Buchmesse zur Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland. 1988 wanderte sie in die USA aus.




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