Früher war mehr Rauch: Max Frisch (l.) und Friedrich Dürrenmatt in der Kronenhalle in Zürich Jack Metzger

Mit Dürrenmatt an die Querfront

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Friedrich Dürrenmatt wäre am Dienstag 100 Jahre alt geworden – höchste Zeit, seine unkonventionelle Beschäftigung mit Israel, Religion und Staat neu zu entdecken. Gerade weil sich der Dramatiker und Essayist dabei auch heute bei Islamisten und einer bestimmten Linken unbeliebt machen würde.

Ist ein Autor auch für seine Rezeption verantwortlich, womöglich sogar noch posthum? Zum 100. Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt und 30 Jahre nach seinem Tod scheint sich jedenfalls eine gewisse wohlwollende Müdigkeit breit zu machen, die ihrerseits allerdings recht unsympathisch ist. Autobiographisch  gedrechselte Journalisten-Prosa, die sich in allerlei Rückblicken erschöpft auf Jahrzehnte bundesdeutscher Schul- und Stadttheateraufführungen: „Die Physiker“, „Der Besuch der alten Dame“, dazu Prosastücke wie „Die Panne“ oder „Der Richter und sein Henker; you name it. Waren es nicht vor allem die bemühten Lehrer der Deutschkurse und von „Gemeinschaftskunde“ (hieß tatsächlich so) oder die vom örtlichen Rathaus subventionierten Regisseure und Dramaturgen gewesen, die der Schülerschaft bzw. ihren Abonnenten so wahnsinnig gern von Zeit zu Zeit etwas „Doppelbödiges“ präsentieren wollten, dazu ein gerüttelt Maß an „Technikkritik“, ganz zu schweigen vom „Extremismus der Mitte“, darstellbar an jenen braven Kleinstadtbewohnern, die sich von besagter alter Dame zum Kollektivmord hatten korrumpieren lassen?

Gewiss: Das alles hatte häufig etwas ebenso Biederes wie die zigste Aufführung von Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“. So etwas heute zu ironisieren, könnte jedoch das Wesentliche verfehlen: Seltsam ungebrochener schweizerischer inkl. bundesdeutscher Wohlstandsbürger-Wahn, dass nicht nur in Diktaturen und Massenmörderstaaten, über die man doch ohnehin nicht genügend Bescheid wisse, sondern vor allem und zuvörderst innerhalb der eigenen liberalen Gesellschaft das wirklich Große Schlimme lauere – ein einziges quengelndes „Wir auch!“

Kenner der Querfront

Freilich: Wäre das etwa genuin Dürrenmatts Schuld, da er doch vor allem ein gewitzter und gewiefter Experte fürs Unerwartete gewesen war? Wäre es also aus Anlass des Jubiläums nicht viel lohnender, mal was anderes zu lesen? Zum Beispiel an Dürrenmatts 1976 erschienenen Israel-Essayband „Zusammenhänge“ zu erinnern, dem er vier Jahre darauf die ebenfalls eminent aktuell gebliebenen „Nachgedanken“ folgen ließ? Nicht zufällig war es der Schoa-Überlebende Jean Améry, der damals in einer Rezension für die „Frankfurter Rundschau“ sofort den Rang dieses Buchs erkannte: „Eines, wie man noch keines sah und kaum je wieder sehen wird.“ Was Friedrich Dürrenmatt, der Israel zum ersten Mal gleich nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 bereist hatte, hier unter anderem über die gar nicht so überraschenden Verbindungen zwischen marxistischen Linken, wahabitisch-puritanischen Islamisten und panarabischen Terroristen schrieb, besticht noch heute durch seine Prägnanz. Auch deshalb, weil er selbst bereits in ganz jungen Jahren erfahren hatte, was „Querfront“ bedeutet.

Als Gymnasiast und dann Student war Dürrenmatt 1941 für einige Monate Mitglied der sogenannten Fröntler und der „Eidgenössischen Sammlung (ES)“ gewesen, die mit dem Dritten Reich sympathisierten. Trotz deren Antikommunismus hatten zeitweise auch einige helvetische Sozialisten bei den Fröntlern angedockt, wo man statt der Kantons-Demokratie einen autoritären Zentralstaat propagierte und statt liberaler Marktwirtschaft ein korporatives Gebilde. Jahrzehnte später unter dem Eindruck einer spätestens seit dem Sechstagekrieg aggressiv-lautstarken Phalanx von „Israelkritikern“ entdeckt Dürrenmatt in deren diversen Zurichtungsphantasien bemerkenswerte Übereinstimmungen: „Der Glaube des Islam an die Prädestination entspricht dem Glauben an die Determination, an der der klassische politische Materialismus festhält.“

Der protestantisch sozialisierte Agnostiker kommt danach zu einem Resümee, das seinerzeit im juste milieu sich kritischer dünkender Theatermacher und Theatergänger vermutlich alles andere als mehrheitsfähig war und deshalb auch jetzt in der Erinnerung an ihn kaum Erwähnung finden wird. „Bei Juden und Christen“, so Dürrenmatt, „ist dem Weltgeschehen ein Körnchen Freiheit beigemischt, sei es nun aus Glauben oder gedanklicher Schlamperei – sie werden schuldig, wenn sie handeln. Der Jude und der Christ stehen immer im Unrecht Gott gegenüber, das verbindet sie, der Muslim und der Kommunist hingegen handeln mit Recht, gemäß Allahs Willen der eine, gemäß dem immanenten Gesetz der Geschichte der andere. Eine Betrachtung, die an sich unnütz wäre, hätte sie nicht einen so ärgerlichen Hintergrund, die ständige Ausrede nämlich, es sei geschichtlich notwendig – womit die Kommunisten ihre Verbrechen begründen, sei es nun ihr Pakt mit Hitler, der Einmarsch in der Tschechoslowakei oder ihre Haltung, die sie dem Staat Israel gegenüber einnehmen. Analog der Behauptung, dass der Islam, handle er politisch oder kriegerisch, dem Willen Allahs gemäß vorgehe.“

Kein Konvertit, sondern Aufklärer

Kein erneut religiös gewordener Konvertit schreibt hier, sondern nach wie vor ein Bewunderer der Aufklärung, habe doch erst diese „die Religion zur Religion gemacht, zu einer Angelegenheit des nun lebbaren, aber nicht beweisbaren inneren Wissens: erst die Aufklärung machte die wirkliche Toleranz zwischen den Religionen möglich, weil der Abstand von Subjekt zu Subjekt unendlich wurde.“

Gleichzeitig findet sich jedoch auch keinerlei gefühliges Abendland-Geraune von einer „christlich-jüdischen Symbiose“, sondern eine weitere kluge Provokation gegenüber einem mal rechts, mal links drehenden Kulturprotestantismus: „Das Christentum baut die Gewissheiten, das Judentum die Ungewissheiten immer scharfsinniger aus… Der Talmud hatte das jüdische Denken seit Jahrhunderten für die Moderne ausgebildet. Paradoxerweise darf vielleicht gesagt werden, dass als Atheist, wird er einer, der Jude gegenüber dem Christen, der Atheist wird, im Vorteil liegt – weil sich das dialektische leichter in ein analytisches Denken zu verwandeln vermag als das dogmatische.“

Und maßgebliche Teile der Linken? „Operieren mit dem Wort faschistisch in dem Sinne, dass jeder, der nicht links steht, ein Faschist geworden sein soll, wobei links sich verschieben lässt, ins Endlose eigentlich, immer ist jemand noch linker, und jeder ist für irgendjemand rechts und damit ein Faschist. Oft zu seinem Erstaunen. Konservative, Liberale, Sozialdemokraten – je nach Land. Auch die Juden schließlich. Sitzen sie doch zu ihrer Verwunderung jetzt angeblich mit jedem Obersten im gleichen Boot, der, gierig nach Macht und Geld, in seinem Land politisch kriminell geworden ist – falls er nicht zufällig ein linker Oberst ist… Den Juden gegenüber hat sich die Welt nicht verändert, verändert haben sich nur die Begründungen, die man gegen sie ins Feld führt.“

Es überrascht ihn deshalb nicht im Mindesten, dass sich spätestens seit 1967 ein alter Antisemitismus, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg kurzzeitig als Philosemitismus camoufliert habe, nun in neuer Gewandung als vermeintlich progressiver „Antizionismus“ zeige – Seit‘ an Seit‘ mit der DDR („Ich las die ostdeutschen Zeitungen, schamloser in ihrem Hass, schamloser als alle anderen“), mit Gaddafi, den Saudis und Khomeinis Regime. Inklusive jener Leugnung des Ressentiments, die ebenfalls bis heute andauert, bis hinein in die rabulistische Rhetorik des BDS und deren Versteher-Fans innerhalb der deutschen Kulturszene: „Und überhaupt, dieses ewig jüdische Misstrauen, wer ist denn heute noch Antisemit, und schließlich: Die wirklich frommen Juden lehnen ihren Staat ja auch ab.“

Israel als Hoffnung für die Palästinenser

Welch feines Gespür für all diese Verlogenheit, bei der die Palästinenser lediglich verbale Verfügungsmasse sind, eine anonym bleibende Worthülse. Die jüdische Verantwortungsethik ernst nehmend, schreibt deshalb Dürrenmatt auch dies: „Der jüdische Staat darf den nicht vergessen, den alle vergessen haben: seinen palästinensischen Bruder. Israel kommt nicht darum herum, einen palästinensischen Staat zuzulassen, und die Palästinenser kommen nicht darum herum einzusehen, dass nur noch Israel inmitten dieser instabilen politischen Konstellation ihren Staat zu garantieren vermag: Sie sind aufeinander angewiesen.“

Freilich gibt es noch einen anderen, ungleich älteren Zwang, der zugleich ein emanzipatorisches Gegenmittel ist zu allen großsprecherischen, vom Individuum abstrahierenden Kollektiv-Ideologien: „Das Judentum ist gezwungen, immer wieder vom Existentiellen her neu anzusetzen, an die Überlieferung anzuknüpfen, immer wieder, sie wiederum zu durchdenken. Vom Leben her. Von der Verfolgung her. Von der Situation her. (Aber auch vom Einzelnen her).“

Utopische Vorstellung: Was wäre, wenn all jene linksliberal getakteten deutschen Institutionen, die sich den rechtsextremen AfD-Sprech von der vermeintlichen „Diskursverengung“ und „fehlgeleiteten Aufarbeitung“ nun ausgerechnet in Bezug auf Israel zu eigen gemacht haben, zumindest mal versuchen würden, auch diesen Friedrich Dürrenmatt zu lesen? Es wäre vielleicht nicht unbedingt der schlechteste Beginn für „Horizonterweiterung“ und „Diversität“.

Friedrich Dürrenmatts Buch „Zusammenhänge/Nachgedanken“ ist im Zürcher Diogenes Verlag erschienen und dort weiter erhältlich.




Geboren 1970 in Sachsen, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR. Mag weder Menschenschinder noch deren Rechtfertiger, hat die gleiche Allergie gegen Schönredner wie gegen Hysteriker. Hört "Scheiß Liberaler" gern als Lob. Wohnt, falls er nicht auf Reisen ist, in Berlin. Schreibt Romane, Erzählungen, literarische und politische Essays. In der von Hans Magnus Enzensberger gegründeten Anderen Bibliothek erschienen die Erzählbände „Schlafende Hunde“ und „Die Nacht von San Salvador“ sowie 2019 der Essayband „Dissidentisches Denken – Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters“. Marko Martin veröffentlichte auch literarische Tagebücher, so etwa „Tel Aviv – Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt“, „Madiba Days – eine südafrikanische Reise“ sowie „Das Haus in Habana – Ein Rapport“, das 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.