J. Reitzenstein

Kein Heldengedenken

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Wie jedes Jahr fand auch am vergangenen Sonntag – dem deutschen Volkstrauertag – außerhalb von Dublin eine ergreifende Zeremonie statt. Vor rund 50 Jahren wurden alle deutschen, in Irland verstorbenen Opfer der Weltkriege auf dem neu angelegten Deutschen Soldatenfriedhof Glencree erneut bestattet. Die Anlage und die jährliche Zeremonie sind ein Beispiel für Gedenken ohne Pathos.

Nähert man sich Dublin von der Seeseite aus, sind südlich der Stadt die sanft ansteigenden Wicklow Mountains ein Blickfang. So weit das Auge reicht, Wälder, Täler und Höhenkämme – grün gewordene Friedlichkeit. Dabei war es hier nicht immer friedlich. In den rund 800 Jahren der britischen Herrschaft über Irland kam es immer wieder zu Rebellionen. Eine der bekanntesten war jene der „United Irishmen“ von 1798. In ganz Irland erhoben sich Männer gegen die Briten, oft unterstützt von der jungen Französischen Republik. Zahlreiche der irischen Guerilla-Kämpfer zogen sich nach ihren Angriffen rund um das britische Kerngebiet Dublin immer wieder in die unwegsamen Wicklow Mountains zurück – auch nach der Niederlage der Rebellen. Um dieser Gefahr zu begegnen, bauten die Briten eine Militärstraße durch das Gebiet und stationierten an ihr Truppen in neu gebauten Kasernen. 

Eine davon, 1806 fertiggestellt, befindet sich in Glencree. Der Name bedeutet „Bebendes Moor“. 1858 wurde die Kaserne in ein Internat umgewandelt, das 1940 geschlossen wurde. Während des Ersten Weltkrieges diensten einige Gebäude als Kriegsgefangenelager für Deutsche – damals war noch ganz Irland Teil des British Empire. Irland blieb im Zweiten Weltkrieg neutral, wenngleich deutschfreundlich. Während des Zweiten Weltkrieges wurden in Glencree abgestürzte deutsche Flugzeugbesatzungen interniert, aber auch deutsche Geheimagenten.

Nach dem Krieg betreuten das Rote Kreuz und irische Nonnen in Glencree deutsche und polnische Kriegswaisen, die hier, fernab der Trümmerwüsten und des Hungers in der Heimat auf das Leben vorbereitet wurden. Seit 1975 arbeitet das Glencree Centre for Peace and Reconciliation an der Verständigung zwischen Irland und dem britischen Nordirland. 

Am Rande des Areals gibt es eine steil aufragende Felswand, die einen Viertelkreis bildet. Dadurch windgeschützt und inmitten satten Grüns empfindet der Besucher eine besonders friedliche Atmosphäre. Dieser Ort sollte ab 1959 zur letzten Ruhestätte von 134 Deutschen werden. Während des Ersten Weltkrieges waren sechs deutsche Kriegsgefangene in Irland verstorben. Im Zweiten Weltkrieg wurden immer wieder Leichen von ertrunkenen Deutschen an irischen Küsten angespült. 53 von ihnen konnten identifiziert werden, 28 blieben anonym. Unter ihnen befinden sich 46 deutsche Zivilisten, die bei Kriegsausbruch in Großbritannien wie die allermeisten deutschen Staatsbürger interniert worden waren. Im Mai 1940 wurden viele von ihnen auf der „Andora Star“ nach Kanada verlegt – die am 2. Juli 1940 nördlich von Irland vom deutschen U-Boot U47 versenkt wurde. Viele der insgesamt 479 deutschen Internierten an Bord waren als Flüchtlinge vor dem NS-Regime nach Großbritannien gekommen. Ihr Schicksal führte zu einem Umdenken der britischen Öffentlichkeit bezüglich der deutschen Flüchtlinge. Einer der Ertrunkenen war der vormalige KPD-Reichstagsabgeordnete Karl Olbrysch, der nach dem Reichstagsbrand vom Regime ins Zuchthaus und danach in ein Konzentrationslager gesperrt wurde, bevor ihm die Flucht aus Deutschland gelang. Ein anderer war der 1912 geborene Hans Möller, der als Jude von den Nationalsozialisten verfolgt worden war. 1938 gelang ihm die Flucht nach Großbritannien wo auch er bei Kriegsausbruch interniert worden und auf der „Andora Star“ nach Kanada verlegt werden sollte. 

Seit dessen Eröffnung 1961 ruht Möller auf dem ebenso schön, wie ergreifend gestalteten Deutschen Soldatenfriedhof Glencree unter dem gewaltigen Hochkreuz, das oben auf der Felswand über die Verstorbenen wacht – und zwischen Wehrmachtssoldaten. Einer von ihnen war Hermann Görtz. Der 1890 geborene promovierte Jurist, spezialisiert auf internationales Recht hatte sich bereits 1927 in Irland aufgehalten und hatte Verbindungen in die irische Politik gepflegt. 1935 spionierte er für Deutschland die Royal Airforce aus, wurde entdeckt, inhaftiert und 1939 nach Deutschland abgeschoben. Dort wurde er als Luftwaffen-Major im Militärgeheimdienst Amt Ausland/Abwehr eingesetzt und im Sommer 1940 mit dem Fallschirm über Irland abgesetzt. Dort sollte er als Verbindungsoffizier zur antibritischen IRA dienen, die Deutschland bei der geplanten Besetzung Großbritanniens unterstützen sollte. 

Bei der Landung am 4. Mai 1940 verlor Görtz einen Teil seiner Ausrüstung, darunter sein Funkgerät. Anschließend stellte er fest, dass er sich rund 150 Kilometer von seinem geplanten Landungsort entfernt befand. In voller Uniform der Luftwaffe des Großdeutschen Reichs machte sich Görtz zu Fuß auf den Weg zu seinem Zielort. Die stets hilfsbereiten Iren wiesen dem uniformierten Major gern die Richtung, selbst wenn er sich auf Polizeiwachen nach dem Weg erkundigte. Fünf Tage später traf er an seinem Zielort ein.  Kurz nach seinem Treffen mit einem hochrangigen IRA-Vertreter am 23. Mai 1940 wurde der deutsche Spion bei einer Hausdurchsuchung entdeckt und bis Kriegsende inhaftiert. Nach dem Krieg gehörte er zu den führenden Köpfen der „Save the German Children Society“, die irische Pflegeeltern für deutsche Kriegswaisen vermittelte. Als der vormalige Spion 1947 nach Deutschland abgeschoben werden sollte nahm er sich aus Furcht vor einer Auslieferung an die Sowjetunion das Leben. Heute ruht er in Glencree. 

Seit Eröffnung des Deutschen Soldatenfriedhofs in Glencree findet jährlich am Volkstrauertag eine Zeremonie in diesem stillen Winkel der Wicklow Mountains statt. Nach einem interkonfessionellen Gottesdienst in der Kirche von Glencree wurden auch gestern Kränze auf dem Soldatenfriedhof niedergelegt, sowohl vom deutschen Botschafter, Cordt Meier-Klodt und Vertretern der Bundeswehr, als auch von weiteren Botschaftern, der Irischen Streitkräfte, aber auch der angesehenen britischen Veteranenorganisation Royal British Legion. Soldatenfriedhöfe gehören zu den beeindruckendsten Orten gegen den Krieg. Die diesjährige Kranzniederlegung auf dem einzigen deutschen Soldatenfriedhof in einer Republik, die seit ihrer Gründung vor 100 Jahren noch nie einen Krieg erleiden musste, kam wie jedes Jahr ohne Pathos aus und Heldenverehrung aus. Denn einen heldenhaften Tod, so es denn so etwas geben sollte, haben die hier Bestatteten allesamt nicht gehabt. Glencree ist zu einem friedlichen Ort geworden – und weit entfernt von der kriegerischen Vergangenheit, die ihn haben entstehen lassen.

Am Eingang des Soldatenfriedhofs befindet sich eine Stele mit einem Gedicht von Stan O’Brien in deutscher, englischer und irischer Sprache. Am Ende seiner Ansprache trug Botschafter Meier-Klodt es vor – es unterstreicht, worum es am Volkstrauertag geht. Und was uns seit Generationen erspart geblieben ist: 

„Under an Irish sky
There finding berth
In good Irish earth
What I dreamed and planned
bound me to my Fatherland
But War sent me
To sleep in Glencree +
Passion and pain
Were my loss my gain:
Pray as you pass“

Stan O’Brien

(„Mein Los war der Tod unter irischem Himmel und ein Bett in Irlands guter Erde. Was ich geträumt und geplant, band mich ans Vaterland; aber mich wies der Krieg zum Schlaf in Glencree. Leid war und Schmerz, was ich verlor – und gewann. Wenn du vorübergehst, sprich ein Gebet, dass Verlust sich in Segen verwandle.“)




Julien Reitzenstein befasst sich als Historiker mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere des Nationalsozialismus, Demokratiegeschichte und Ideologiegeschichte. Zuletzt erschienen von ihm die Bücher „Das SS-Ahnenerbe und die Straßburger Schädelsammlung – Fritz Bauers letzter Fall“ (2. Auflage 2019) und „Himmlers Forscher – Wehrwissenschaft und Medizinverbrechen im Ahnenerbe der SS.“ (2. Auflage 2019). Er ist Initiator verschiedener Projekte zur Gedenkkultur, unter anderem zum Blick von Shoa-Überlebenden auf die Wannseekonferenz, der Dienstvilla des Bundespräsidenten und Villen des jüdischen Großbürgertums, beispielsweise Villen in der Berliner Pacelliallee. Als Autor betrachtet Julien Reitzenstein aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen in ihrem historischen Kontext. Seine Essays erscheinen u.a. in der WELT, der Neuen Zürcher Zeitung, dem Cicero, der PRESSE, der ZEIT, der Jüdischen Allgemeinen, etc. – einige sind auf seiner Homepage zu finden. Julien Reitzenstein lebt im ländlichen Südwesten Irlands.