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Zehn Sätze über Israel

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Im Nahen Osten ist mal wieder Krieg und wie immer meinen fast alle, irgendwas dazu sagen zu müssen. Dabei braucht es nicht mehr als diese zehn Sätze.

1)  Es ist okay, ethnische Nationalstaaten nicht zu mögen. Ich selber mag keine Nationalstaaten, ich hätte gern mein Habsburgerreich wieder. (Auch das Osmanische Reich, übrigens.) Aber da es ethnische Nationalstaaten nun mal gibt (nebbich): Könnten wir bei deren Abschaffung vielleicht nicht ausgerechnet mit jenem der Juden beginnen? Sondern vielleicht beim Nationalstaat der Kroaten? Oder, weil wir grade dabei sind, dem Nationalstaat der Österreicher oder der Deutschen?

1a) Übrigens bin ich für einen ethnischen Nationalstaat für die Kurden. Die größte staatenlose Minderheit im Nahen Osten: 23 Millionen. Versprochen seit 1920 (Vertrag von Sèvres). Nie eingelöst. Die Kurden sind entspannte Muslime, sind keine Antisemiten, haben tapfer gegen den „Islamischen Staat“ gekämpft und sind unter Donald Trump mal wieder elend verraten worden. Wenn ich für einen Nationalismus mal ausnahmsweise brenne, dann für den kurdischen.

2) Massaker sind Massaker sind Massaker. Mobs sind Mobs sind Mobs. Faschismus ist Faschismus ist Faschismus. Scheiße ist Scheiße ist Scheiße. „Den Bürgern Israels sage ich, dass es mir egal ist, ob euer Blut kocht. Ihr könnt das Gesetz nicht in eure eigenen Hände nehmen. Ihr könnt nicht einen normalen arabischen Bürger nehmen und versuchen, ihn zu lynchen. So wie wir nicht zuschauen können, wenn arabische Bürger das mit jüdischen Bürgern tun.“ Dies ist das einzig Gute und Vernünftige, was Netanjahu in den vergangenen paar Jahren gesagt hat.

3) Nationalstaaten haben das Recht, sich zu verteidigen. Genauer gesagt, sie haben die Pflicht dazu: Das erste, was Bürgerinnen und Bürger von ihrer Regierung erwarten dürfen, ist, dass sie ihr Leben schützt. Wozu sonst der ganze Nationalstaats-Zirkus? Bei der Verteidigung der eigenen Bevölkerung hat die Armee sich an die Regeln des Kriegsvölkerrechts zu halten. Die sind klar und einfach: Es ist verboten, auf Zivilisten und zivile Einrichtungen zu zielen. Es ist erlaubt, militärische Einrichtungen und gegnerische Kämpfer ins Visier zu nehmen. Wenn die andere Seite ihre Zivilisten als Geiseln missbraucht, indem sie z.B. Raketenbatterien inmitten von Wohngebieten oder auf den Dächern von Krankenhäusern installiert, so ist das tragisch und grauenhaft. Aber wenn die israelische Armee nicht Stellungen der Hamas bombardieren würde, würde sie ihren Job nicht machen, der, jawohl, manchmal ein verdammter Job ist.

4) Doch, ich weine auch um tote palästinensische Kinder. Aber ich weigere mich, die Israelis für jedes tote palästinensische Kind verantwortlich zu machen, solange ich die Fakten nicht kenne.

5) Die Hamas ist eine genozidale Organisation. Full Stop.

6) Ich bin für einen Palästinenserstaat. Nicht weil ich die Palästinenser besonders liebe (sie sind mir im Großen und Ganzen egal), nicht weil ich glaube, dass es so was wie ein „Recht auf nationale Selbstbestimmung“ gibt (dieses Recht hat Woodrow Wilson 1918 erfunden, und seine Erfindung hat viel Schaden in der Welt angerichtet), sondern weil ich will, dass es einen Nationalstaat gibt, der guten Gewissens jüdisch sein kann. „A kleinere medine, a feinere medine“ (Levi Eschkol).

7) Linke und rechte Extremisten faseln von einem „binationalen jüdisch-arabischen Staat“. Die guten Leutchen kennen Belgien nicht. Ein binationaler Staat funktioniert nicht mal bei Flamen und Wallonen so richtig, und die haben nicht hundert Jahre lang Krieg gegeneinander geführt. Rechten Extremisten, die einen binationalen jüdischen Staat befürworten, sind übrigens ein gutes Stück dümmer als die Linken. Die Rechtsradikalen glauben nämlich allen Ernstes, es könnte den Juden gelingen, sich in einem Staat an der Macht zu halten, in dem Araber sehr bald die Bevölkerungsmehrheit stellen würden. Die Linken sind wenigstens ehrlich. Sie wissen, worauf die Sache hinauslaufen würde: einen arabischen Staat, in dem Juden bestenfalls geduldet würden. Wahrscheinlich nicht mal das.

8) Leute, denen der Nahe Osten normalerweise am Arsch vorbeigeht, die aber jedes Mal in helle Aufregung verfallen, wenn Israel involviert ist, und sei es am Rande, haben offenbar ein Problem mit Juden. Sie interessieren mich eigentlich nicht so sehr.

9) Hat eigentlich jemand die jüngste Runde im Konflikt um Nagorni-Karabach wahrgenommen? Aserbeidschan hat dort grade eben mit Hilfe von Drohnen einen glänzenden militärischen Sieg über die Armenier errungen. In diesem Konflikt steht der Iran hinter dem christlichen Armenien, die Israelis hingegen haben den muslimischen Aseris geholfen. Da mein Herz für Hajastan – für die armenische Sache – schlägt, seit ich Franz Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ gelesen habe, finde ich: Die Israelis stehen in diesem Konflikt eindeutig auf der falschen Seite.

9 a) Das sind nur Meinungen. Meinungen sind eigentlich wurscht. Es geht um wirkliche Orte, real existierende Menschen. Ich denke an Jakob und Yossi, Ofirah und Diana, Daniela und Meir und Moshe, Bars in Jerusalem, die Strandpromenade von Tel Aviv, die Bahn, mit der man in Haifa den Berg rauffährt.

10) Der Satz „Israel hat ein Existenzrecht“ steht moralisch und intellektuell auf derselben Stufe wie der Satz „Neger sind auch Menschen“. 




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".