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Die Covid-Pille

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Spätestens mit den ersten Medikamenten gegen Covid wird eine neue Frage auftauchen: Was sollen Krankenhäuser mit Patienten machen, die neben den Impfungen auch wirksame Therapien verweigern? Unser Autor hat eine konsequente Lösung.

Die Kavallerie ist da! Jedenfalls beinahe. Sie kommt jetzt schon zum zweiten Mal, um uns vor dem neuartigen Coronavirus zu retten. Zum ersten Mal kam die Kavallerie im Frühjahr 2021, nachdem endlich Impfstoffe zugelassen worden waren, die hervorragenden Schutz vor der tückischen Covid-Seuche boten. Wenigstens in Europa, Amerika und weiten Teilen Asiens rückte das Ende der Katastrophe in Sicht, die wir seit zwei Jahren gemeinsam durchlitten haben — jener Katastrophe, die viele Millionen Menschen das Leben gekostet hat und weitere Millionen mit schweren Behinderungen zurücklassen wird. Doch leider weigerten sich zu viele Amerikaner und Europäer, sich von der Kavallerie retten zu lassen. Verführt von Falschmeldungen auf Facebook, in die Irre geleitet von rechtsradikalen Hetzern oder der eigenen Wurschtigkeit, traten allzu viele nicht zur Impfung an. 

Den Afrikanern kann niemand einen Vorwurf machen. Den Indern auch nicht. Den Europäern und Amerikanern schon: Zumindest wir könnten die Pandemie heute im Wesentlichen hinter uns haben, wenn neunzig oder mehr Prozent der Erwachsenen sich im Sommer die kleine Mühe gemacht hätten, sich zwei Mal hintereinander mit einer Nadel piksen zu lassen. 

Alle Argumente gegen die Impfung sind bei näherem Hinsehen keine. Diese Substanzen wurden so häufig ausprobiert wie keine anderen in der Weltgeschichte — wir haben mittlerweile mehr als die halbe Menschheit durchgeimpft. Gäbe es schädliche Nebenwirkungen, müssten mittlerweile Tausende tot umgefallen sein. Sogenannte Langzeitfolgen gibt es bei Impfungen grundsätzlich nicht. Bei Covid dagegen gibt es sie sehr wohl. Die Impfstoffe sind hochwirksam, nur vermindert sich der Schutz nach sechs Monaten; aber die Zahlen aus Israel zeigen, dass man sich aus einer Seuchenwelle herausboostern kann. Und nein, die Impfungen machen nicht magnetisch. Obwohl das in manchen Lebenslagen — wohin mit dem Haustürschlüssel? — eine sehr nützliche Nebenwirkung wäre.

Wohlstandsverwahrlosung

Frühere Generationen wären dankbar gewesen, wenn sie solche Impfstoffe zur Verfügung gehabt hätten. Frühere Generationen waren sehr dankbar: Als es endlich Vakzine gegen Kinderlähmung gab, nahmen Eltern ihre Kinder an der Hand, standen stundenlang in der Schlange und weinten vor Glück, als ihre Kleinen endlich sicher waren. Dass die Impfgegnerschaft in Europa und Amerika heute so weit verbreitet ist, zeigt unter anderem, wie verwöhnt wir mittlerweile sind. Wir halten für einen Naturzustand, was in Wahrheit eine Errungenschaft der Moderne ist: Dass unsere durchschnittliche Lebenserwartung mehr beträgt als 24 Jahre. Dass von zehn Kindern, die geboren werden, nicht mehr sechs einen frühen, qualvollen Tod sterben. 

Dank der modernen Medizin wird die Kavallerie jetzt, wie gesagt, bald zum zweiten Mal kommen — in Gestalt von Medikamenten, die nicht mehr in einem Krankenhaus per Tropf verabreicht werden müssen, sondern zuhause in Pillenform genommen werden können. Molnupiravir, ein Medikament der Firma Merck, vermindert die Rate von Krankenhausaufenthalten und Toten um 50 Prozent. Pavloxid, ein Medikament der Firma Pfizer, vermindert, wenn es zusammen mit einem Medikament gegen HIV geschluckt wird, die Krankenhaus- und Todesrate sogar um 90 Prozent. Beide Pillen warten auf ihre Zulassung. Vielleicht werden sie Anfang 2022 zur Verfügung stehen.

Für viele in Deutschland — das gerade eine grauenvolle vierte Seuchenwelle durchlebt — wird die Kavallerie freilich zu spät kommen. (In den Vereinigten Staaten läuft gerade eine fünfte Seuchenwelle an.) Aber jene, die jetzt zuhause bleiben, die sich an Abstandsregeln halten und Masken tragen, um die Welle zu brechen, haben Grund zur Hoffnung. Die Wissenschaft wird uns retten. Wir werden uns nicht ewig von Lockdown zu Lockdown, von Seuchenwelle zu Seuchenwelle kämpfen müssen. Das gilt sogar dann, wenn sich sogenannte Escape-Varianten durchsetzen, die Impfstoffe also irgendwann nicht mehr so gut gegen das neuartige Coronavirus schützen: Die neuen Medikamente wirken auch in diesem Fall.

Das sind gute Nachrichten, aber wir sollten uns jetzt schon Gedanken darüber machen, was sie für die Gesellschaft bedeuten. Impfverweigerer berufen sich bekanntlich mit Verve auf ihre vermeintlichen Freiheitsrechte. Es sei ihre private Entscheidung, sich nicht impfen zu lassen, sagen sie, und der Staat dürfe sich da nicht einmischen. Dies ist offenkundig Blödsinn, wie jeder Blick auf eine deutsche Intensivstation zeigt, wo durchnächtigte Ärztinnen und Pflegekräfte gerade zum vierten Mal durch die Mühle gedreht werden und umgeimpfte Coronakranke geimpften Krebspatienten die Plätze wegnehmen.

Scheinargumente gegen Pillen

Aber hätten die Ungeimpften mit ihrem fähnchenschwenkenden Freiheitsgetöse nicht ganz einfach Recht, wenn es eine zuverlässige, eine hochwirksame Therapie gäbe, bei der niemand mehr ins Krankenhaus muss? Dürften sie es sich dann nicht in der Tat aussuchen, ob sie sich lieber piksen lassen oder eine Pille schlucken?

Andererseits erwürbe in diesem Fall aber auch die Gesellschaft gewisse Rechte. Im Moment ist es so, dass niemand, der mit Covid-Symptomen in der Notaufnahme eines Krankenhauses auftaucht, nach Hause geschickt werden darf. Auch Dumme, Irre und Egoisten haben ein Recht auf ärztliche Behandlung. (Übrigens auch Verbrecher — in Israel versuchen jüdische und arabische Ärzte gemeinsam, Selbstmordattentäter wieder zusammenzuflicken, wenn sie nach ihrem Bombenanschlag noch am Leben sind.) Aber die Rechte der Dummen, Irren und Egoisten sind nicht grenzenlos. 

Leider muss damit gerechnet werden, dass die Impfverweigerer sich auch Molnupiravir und Pavloxid verweigern. Schließlich gelten alle Scheinargumente, die gegen Impfstoffe ins Feld geführt werden, auch gegen diese Pillen. Sie wurden von kapitalistischen Pharmakonzernen entwickelt! Es gibt sie noch nicht sehr lange! Es handelt sich um Behandlungsmethoden der sogenannten Schulmedizin! (Die rationale Antwort auf jedes dieser Scheinargumente ist dieselbe: Na und?) Vielleicht werden im Januar 2022 Leute in den Notaufnahmen auftauchen, die schwer an Covid erkrankt sind, darauf beharren, als Patienten aufgenommen zu werden — und auf keinen Fall mit einer Schachtel Pillen nach Hause geschickt werden wollen. 

Was sollen Krankenhäuser dann tun? Was dürfen, was müssen sie dann tun? 

Das Prinzip heißt: Jeder hat das Anrecht auf ärztliche Behandlung, und jeder hat das Recht, auf ärztliche Behandlung zu verzichten. (Darum gibt es Patientenverfügungen.) Wer gern an Covid sterben möchte, weil er dies für Gottes Willen hält, darf dies gern tun — in seinen eigenen vier Wänden. Wer Covid mit der Rosskur Ivermectin behandeln möchte, möge sich vorsorglich damit eindecken. Unter Trumps Anhängern in den Vereinigten Staaten ist das Zeug sehr beliebt, in Oberösterreich soll es ausverkauft sein. 

Aber kein Patient hat das Recht, eine bestimmte Behandlungsmethode abzulehnen, wenn er dadurch andere Menschen in Gefahr bringt — etwa durch Ansteckung mit einem gefährlichen Virus. Das heißt: Sollten die Impfverweigerer in ein paar Monaten allen Ernstes Pillen ablehnen, die sie retten könnten, müsste jedes Krankenhaus der Welt das Recht haben, ihnen die Aufnahme zu verweigern. Für die meisten von uns — jene, die sich haben dreifach impfen lassen — ist die Gefahr, die von Covid ausgeht, schon jetzt minimal. Der einzige Grund, warum wir uns in geschlossenen Räumen noch Masken aufsetzen und Abstandsregeln befolgen, ist, dass wir andere beschützen wollen. 

Wenn die Impfverweigerer ihren Widerstand gegen Ratio und Wissenschaft auf die Spitze treiben wollen, mögen sie dies gern tun. Aber es gibt einen Moment, nach niemand mehr verpflichtet ist, dem anderen seine helfende Hand entgegenzustrecken: dann nämlich, wenn sie weggeschlagen wurde.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".