Kernkraftwerk Brokdorf Pixabay / CC0

Klimapolitik für eine moderne Industriegesellschaft

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Eine industrielle Modernisierung im Einklang mit dem Klimaschutz kann funktionieren, wenn wir alle kohlenstoffarmen Energieträger einsetzen. Wie viele andere Länder zunehmend erkennen, brauchen wir die Kernenergie, damit wir dem Klima helfen und Wohlstand sichern können.

Deutschland hat jetzt als Teil der globalen Gemeinschaft die Gelegenheit, wieder Vorreiter zu sein und seine gegenwärtige, schlechte europäische Platzierung in Bezug auf hohe Energiepreise und Emissionen hinter sich zu lassen. Ein kompletter Ausstieg aus fossilen Energieträgern bei gleichzeitiger Sicherung unseres Wohlstandes in einer modernen Industriegesellschaft ist möglich. Das geht aber nur, wenn wir nicht nur auf die Kernenergie nicht verzichten, sondern diese auch massiv ausbauen.

Tag der fossilen Unabhängigkeit

Der Umweltschützer Mark Lynas rief vor kurzen zu einem fossilen Unabhängigkeitstag im Jahre 2047 auf – der Tag, von dem an wir weltweit weder Kohle noch Öl oder Gas mehr aus der Erde befördern. In Anlehnung an die große Rede „Begegnung mit dem Schicksal“ von Jawaharlal Nehru am Vorabend der indischen Unabhängigkeit 1947 fordert Lynas eine ähnliche Verabredung mit dem Schicksal 100 Jahre später, festgelegt in Glasgow bei COP26 noch in diesem Jahr.

Diese Forderung geht viel weiter als “Netto Null” – denn sie bedeutet, dass wir uns vollständig von der suchtartigen Abhängigkeit von fossilen Kohlenstoff lösen müssen. Und 2047 könnte so genauso ein bedeutungsvolles Jahr für die ganze Welt werden, wie 1947 für Indien.

Die deutsche Fixierung auf Solar und Wind überwinden

Als Barriere zur fossilen Unabhängigkeit steht die deutsche, einseitige Fixierung auf Solar und Wind im Rahmen der Energiewende. In der Praxis ist dies nichts anderes als eine weitere versteckte Sucht: Die Sucht nach Putins Klimakiller Erdgas, eine Abhängigkeit, die für Jahrzehnte durch Nordstream2 zementiert wurde, von dem Affront gegen die nordöstlichen europäischen Staaten ganz zu schweigen.

Trotz aller krampfhaften Versuche der Umdeutung vergessen wir alle: Die deutsche Energiewende hatte zum Ziel, aus der Kernenergie auszusteigen. Sie war nie primär als Mittel zur Verlangsamung des Klimawandels oder zur Emissionsminderung gedacht. Sonst wäre man kaum auf die Idee gekommen, aus der auch im Vergleich zu Solar und Wind besonders kohlenstoffarmen Kernenergie auszusteigen.

Andere Staaten erkennen die doppelte Krise

Rund um Deutschland haben Regierungen erkannt, dass wir inzwischen sowohl eine Klimakrise als auch eine Energiekrise haben.

Mit den Niederlanden wollen nun elf EU-Staaten durchsetzen, dass Kernenergie neben Solar und Wind als förderungswürdig gilt, Schweden kommt eventuell als zwölftes Land hinzu. Frankreich hatte die ursprünglichen zehn EU-Staaten angeführt, um die Kernenergie als grün einzustufen. Polen und viele andere osteuropäische Staaten wollen neue Kernkraftwerke bauen und in die Kernenergie gar einsteigen. Der Vizepräsident der Europäischen Kommission Frans Timmermans ermuntert Bulgarien, seine früheren Projekte für Kernenergie neu zu starten.

Bangladesch nimmt 2023 und 2024 zwei Reaktoren in Betrieb und wird sogar vorzeitig fertig. Die zwei Länder, in denen zwei schwere Unfälle mit Kernkraftwerken stattfanden – Japan und die Ukraine – setzen wieder auf die Kernenergie.

Bei manchen Äußerungen würde man aber fast meinen, Tschernobyl und Fukushima lägen in Deutschland.

Deutschland stellt sich stur und will anderen seine immer mehr in Isolation geratene Politik vorschreiben: Vertreter aus dem Umweltministerium stellen dabei sogar die Souveränität anderer Staaten infrage, die auf Kernenergie setzen wollen.

Es ist noch absurder, dass die SPD – der möglicherweise gemeinsamer Faktor in der alten und neuen Regierung – um fossile Energieträger kämpft und den Emissionstreiber Erdgas von der Europäischen Union als nachhaltig einstufen lassen will.

Die neue Koalition hat eine Chance zum echten Aufbruch

Vieles in den Verlautbarungen der neuen Ampel-Koalition scheint zumindest vordergründig richtige und wichtige Ziele zu formulieren. Wir müssen Deutschland als Industriestandort erhalten. Gleichzeitig müssen wir auf Innovationen setzen, um den Klimawandel zu bremsen und aus der Kohle früher auszusteigen. Das Jahr 2030 ist im Gespräch.

Das ist allerdings unmöglich, es sei denn die Regierung unternimmt einen der folgenden beiden Schritte: die Nutzung von Erdgas massiv zu erweitern oder aber den Ausstieg aus der Kernenergie zu stoppen. Nur die zweite Maßnahme hilft wirklich, um Emissionen zu mindern. Mit Erdgas tauschen wir lediglich eine fossile Quelle durch eine andere aus und gewinnen nichts.

Die neue Koalition könnte dabei noch ambitionierter sein und den Tag der fossilen Unabhängigkeit 2047 aktiv unterstützen: Ausstieg aus der Kohle bereits 2028 und mit massiven Investitionen in Innovationen noch vor 2047 kein Kohlenstoff aus der Erde mehr zu verwenden. Das hieße konkret, keines der fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Gas mehr zu verwenden.

Hierzu werden wir alle kohlenstoffarme Mittel benötigen. Solar und Wind werden nicht reichen. Wir können auf die Kernenergie nicht verzichten, wenn wir es mit Wohlstand in einer modernen Industriegesellschaft und eine effektive Klimapolitik ernst meinen.

Ein erster, notwendiger Schritt wäre, wie von 25 Intellektuellen aus aller Welt in einem offenen Brief an Deutschland gefordert: Liebes Deutschland, bitte lass die Kernkraftwerke am Netz. Sonst würden die CO2-Emissionen erst einmal steigen, nicht sinken: Diese 60 Millionen Tonnen an zusätzlichen jährlichen CO2-Emissionen müssten erst eingespart werden, bevor wir überhaupt an Emissionsminderung denken können.

Ein echter Aufbruch ist möglich, aber die Einbindung der Kernenergie von heute und morgen – mit dem Verzicht auf den Klimakiller Erdgas als Übergangslösung – muss davon ein unerlässlicher Teil sein.




Amardeo Sarma schreibt hier über Themen rund um die globale Erwärmung sowie über Themen, die für die Skeptikerbewegung relevant sind. Er ist Elektrotechniker mit Abschlüssen vom Indian Institute of Technology Delhi und von der Technischen Hochschule Darmstadt und arbeitet derzeit als General Manager bei NEC Laboratories Europe GmbH. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender des GWUP e.V., die Wissenschaft und kritisches Denken fördert und Gründungsmitglied des Ökomoderne e.V. Seit 40 Jahren ist er zudem Mitglied der SPD. Bei den Salonkolumnisten spricht er privat.