Wolf Biermann (r.) mit Marko Martin Foto: Alexander Paul Englert

Wider die anmaßenden Götter: Eine Laudatio auf Wolf Biermann

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Am 5. Oktober verlieh das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland im Exil-Archiv in der Nationalbibliothek den Ovid-Preis an Wolf Biermann – der ihn umgehend symbolisch an die in Minsk inhaftierte Oppositionspolitikerin Marija Kolesnikowa weitergab. Die Laudatio unseres Autors Marko Martin machen wir hier zugänglich.

Lieber Wolf, liebe Pamela, hochverehrte Anwesende,

wahrscheinlich läge es nahe, bei einem Preis, der nach dem antiken Verfasser der „Metamorphosen“ benannt ist, sogleich auf eine berühmte Zeile des heutigen Preisträgers zuzusteuern: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“

Weshalb auch nicht, da es doch Erfahrungen gibt – gerade dann, wenn sie zu einem Lied, ergo zu Poesie geworden sind –  die Jahrhunderte, ja Jahrtausende mühelos überspringen. Vielleicht wäre derlei aber auch ein Tick zu hurtig und allzu forsch Evidenz behauptend. So dass es, zumindest vorerst, reizvoller erscheint, anderen Parallelen, Zickzacklinien und nicht zuletzt Gegensätzlichkeiten nachzuspüren.

Als jener Publius Ovidius Naso, geboren im Frühjahr 43 vor Christus, heranwuchs, waren die Gräuel des römischen Bürgerkriegs längst Geschichte, und das legendäre Agusteische Zeitalter, die Pax Augusta, hatte begonnen. Diese sollten wir uns schon aufgrund ihrer Sklavenhalterei nicht allzu idyllisch vorstellen, indessen: Wer römischer Bürger war, konnte sich gewisser Rechte sicher sein. Dass sich Ovid später arg verwundert, dass seine Verbannung in die abgelegenste Peripherie des Reichs ohne Gerichts- und Senatsbeschluss erfolgt war, scheint jedenfalls noch ex negativo von der Existenz eines mehr oder minder funktionierenden Rechtssystems zu zeugen. Auch war seine Relegatio ja keineswegs mit einem Verlust der Bürgerrechte verbunden gewesen. Aus Rom, der damaligen intellektuellen und militärischen Mitte der Welt, in das Provinznest Tomi am Schwarzen Meer abgeschoben zu werden, mochte Statusverlust, Demütigung und existentielle Krise gewesen sein (in Christoph Ransmayrs wunderbarem Roman „Die letzte Welt“ erfahren wir von der Unwirtlichkeit jenes Un-Orts), und dennoch: Zu einer wirklichen Hölle für renitente Künstler wurde die Stadt wohl erst, nachdem sie, inzwischen umbenannt in Constanta, im zwanzigsten Jahrhundert zum Herrschaftsgebiet des größenwahnsinnigen Diktators Ceausescu geworden war; in den Büchern der Ovid-Preisträgerin Herta Müller ist nachzulesen, was es bedeutete, in jener Zeit in Rumänien leben zu müssen.

Und Wolf Biermann? Als ihm im November 1976 nach seinem Kölner Konzert die Nachricht ereilte, dass ihm seine DDR-Staatsbürgerschaft entzogen worden war, dass heißt: dass man ihn ausgebürgert hatte, zeigten die Pressefotos und Fernsehaufnahmen jener Tage das Gesicht eines zutiefst Bestürzten. Allerdings war es wohl kaum jene Ovid’sche Verwunderung über einen ausgebliebenen Verwaltungsbeschluss – da ja ohnehin klar war, welche Institution, über allen Gesetzen stehend und keinerlei Rechenschaftspflicht unterworfen, die Ausbürgerungs-Entscheidung getroffen hatte: das Politbüro der SED. (Deren Metamorphose, aber das wirklich nur ganz nebenbei, dann wiederum eine eigene Geschichte wäre, da sich die Partei, um das Gros ihrer Vermögenswerte zu bewahren, doch niemals aufgelöst, sondern lediglich ihren Namen geändert hat und bei den jüngsten Wahlen auch deshalb Stimmen verlor, weil zahlreiche ihrer altstalinistischen Wähler inzwischen zu den Neonazis der AfD übergelaufen sind. In der Tat: sehr deutsche Metamorphosen.)

1936 geboren und Sohn eines später in Auschwitz ermordeten jüdischen Kommunisten, hatte Biermann nicht nur keine Friedensepoche erlebt, sondern zugleich mit der im schrecklichsten Wortsinn hautnahen Erfahrung des Krieges und der brennenden Elbe im zerbombten Hamburg gelernt, dass es dennoch Schlimmeres gab als Krieg – nämlich die mögliche Fortdauer jener nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, die dann erst unter entsetzlichen Opfern von den Alliierten niedergerungen werden konnte. Ganz frühe Ahnung und darüber später dann diese Verse des Überlebenden: „Im Mutterleib schon war ich ein Methusalem/ Dreitausend Jahre alt war ich…“

Das von Ovid beschriebene Himmels-und Olymp-Tohuwabohu liest sich vor diesem Hintergrund beinahe possierlich. Und doch: Der uns so nah-ferne Mann aus den Abruzzen und Rom, der im Exil die „Metamorphosen“ schreiben würde, und der bis zum heutigen Tag aktive Dichtersänger mit der Gitarre haben etwas Entscheidendes gemeinsam – den illusionslosen Blick auf selbsterklärte Götter und dräuende Mächte, welche nicht nur Gehorsam erheischen, sondern infamerweise auch noch Liebe einfordern, was ihnen indessen Ovid und Biermann konsequent verweigern.       

Die Gründe für Ovids Verbannung, im Jahre 8 nach Christus reichlich brüsk verfügt und selbst nach dem Ableben von Augustus von dessen Stiefsohn Tiberius nicht zurückgenommen, liegen bis heute im Dunkeln. Er habe damals, so der Dichter in einem seiner Briefe aus Tomi, „etwas gesehen, was ich nicht sehen durfte“ – ein etwas kryptischer Satz, der vielleicht auf etwaige Insider-Geschichten am kaiserlichen Hof anspielt. Ganz anders bei unserem heutigen Preisträger: „Mit seinem feindseligen Auftreten gegen die Deutsche Demokratische Republik hat er sich selbst den Boden für die weitere Gewährung der Staatsbürgerschaft der DDR entzogen“, verlas damals mit monotoner Stimme der Nachrichtensprecher der „Aktuellen Kamera“.

Im Unterschied zu Ovid schrieb Wolf Biermann dann auch keine Bitt-Episteln um Rückkehr, und dass er damals in der Emotionalität des einige Zeit andauernden Momentums die erzwungene Übersiedlung mit den Worten kommentierte „Jetzt bin ich vom Regen in die Jauche gekommen“ sei auch deshalb erwähnt, weil er sie später selbstverständlich korrigierte. Zuvor in der DDR aber hatte er, abermals  anders als Ovid, keineswegs „etwas gesehen, was ich nicht sehen durfte“. Wie es mit DDR und ihren Herrschenden stand, war ja jedem klar, der ohne ideologische Brille zu sehen vermochte. Doch nicht nur, dass Biermann einer der ganz Wenigen war, der sich laut und deutlich zu sagen traute, was ist – er machte das Unverklausulierte sogar zum Lied, zum Gedicht, zu Poesie. Und, auch das in der Differenz und Parallelität zu Ovid eine Verbindung, er lieferte Metamorphosen schon lange vor dem erzwungenen Ortswechsel, in denen die heimischen Götter nicht gut wegkamen.

Kostprobe aus seiner Ostberliner Zeit und dem Jahr 1965: „Im `Neuen Deutschland` finde ich/ Tagtäglich eure Fressen/ Und trotzdem seid ihr morgen schon/ Verdorben und vergessen!/ Heute sitzt ihr noch im Speck/ Als dicke deutsche Maden -/ Ich konservier‘ euch als Insekt/ Im Bernstein der Balladen!/ Als Bernstein-Medaillon, als Ring,/ Als Brosche auf dem Kragen/ So werden euch die schönen Frau’n/ Im Kommunismus tragen!“

Dass der Kommunismus, um im Bild zu bleiben, allerdings keinesfalls dazu angetan war, schöne Frauen Broschen tragen zu lassen: Was Heinrich Heine bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ahnte und die Dissidenten des zwanzigsten von Manés Sperber über Hans Sahl bis zum keineswegs bigott-bürgerlichen Reiner Kunze gelernt hatten, kam dann schließlich auch bei Wolf Biermann an, der dabei jedoch nicht etwa die Rolle rückwärts zum reaktionären Renegaten machte, sondern freiheitlicher Freibeuter blieb. Und hier nun endlich, vielleicht haben Sie ja darauf gewartet: „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“

Wobei – zum Glück für ihn, zum Glück für uns – so manche Verwandlung auch ausgeblieben ist. Denn Nein, Wolf Biermann hat sich eben nicht in den preußischen Ikarus aus seiner berühmten Ballade verwandelt, hat keine grauen Flügel aus Eisenguss bekommen, und schon gar nicht ist er abgestürzt oder hat schlapp gemacht, weder in Ostberlin am Geländer über der Spree, noch später dann in Hamburg.

Weil es doch genügend Verwandlungen gibt, die nicht kafkaesk schrumpfen lassen, sondern Horizont und Seele weiten. Da der Dichter, im Traum und im Leben, erfreulicherweise eben nicht nur Kontakt hatte mit „Hexen und Drachen/ Mit alten Weibern, die mir mir Parteiverfahren machen“, sondern auch mit so vielen anderen, wobei die Liste hier natürlich nur kursorisch sein kann: Hanns Eisler, Robert Havemann, Wolfgang Heise, Reimar Gilsenbach, Jürgen Fuchs und, nach der Ausbürgerung, Rudi Dutschke und Heinrich Böll, in Tübingen Hans Sahl und in Paris Manés Sperber, nicht zu vergessen dann all die Begegnungen in Eretz Israel. Und wer glaubt, bei diesem Biermann ginge es zuvörderst nur um „me, I and myself“ – tja, der hat eben nie erlebt, wie ungebrochen neugierig der Dichter zuhören konnte, etwa wenn der damals junge Hannes Stein in Hamburg-Altona kenntnisreich von Shakespeare schwärmte oder über das Judentum sprach, und wie Biermann lauschte – vor beinahe drei Jahrzehnten war’s und just hier in Frankfurt – wenn er mit Arno Lustiger zusammensaß und ihm auch da neue Erfahrungswelten zuwuchsen. Shalom Libertad!

Nicht zu vergessen: Die Frauen. „Mit ihnen hab‘ ich nichts…als Glück gehabt“, sagt und singt der Dichter, auch hier ganz offenbar glücklicher als der Namensgeber des heutigen Preises. Metamorphosen des Emotionalen und Physischen, dazu schmerzlich-genaue Anverwandlungen weiblicher Erfahrungen wie etwa in der unvergesslichen „Ballade vom wiederholten Abtreiben“. Und Ja, so schön Ovids Beschreibung von Philemon und Baucis auch ist, die sich in ihrer Liebe nach ihrem Tod in einem Baum verwandeln – den irdischen Wolf und seine geliebte Pamela auf ebenso irdischer Bühne zu sehen und zu hören, ist ein mindestens ebenso transzendierendes Erlebnis. Was für eine Verwandlung, denn wie es in „Kurzer Lebenslauf für Pamela“ heißt: „Ach, Liebchen! In meinen Jugendtagen/ Auf alles hatt‘ ich die Antwort parat/ erst als ich dich traf, dämmerten mir/ Auch endlich die tieferen Fragen// Erst in Deinen Armen wurde ich ein Mann/ Im Spiele des Nehmens und Gebens/ Ich blieb der ich bin, seit ich dich gewann/ Und wurde ein Andrer, endlich! Das war/ In der Hälfte schon meines Lebens“

Und was das vermutete Treiben derer da oben betrifft: „Jetzt bin ich alt, nun staunen meine schwachen Augen/ Mit Brille schwer bewaffnet diese Himmel an“ – aber nicht etwa, um zu den Dortigen aufzuschließen, sondern um zu prüfen, ob nicht einer der hellsten Sterne am Nachthimmel gerade gut genug dafür sei, um seiner Liebsten als Geschenk dargebracht zu werden. Aber „Nein/Laß sein“, fällt er sich ins Wort, da doch es solcher Akrobaten-Eskapaden gar nicht mehr bedarf.

Während die Ärmsten ganz da oben, spätestens seit Ovids Dichtung wissen wir’s, dauernd damit beschäftigt sind, ihre Verwandlungen ergo Säuberungen und Strafaktionen auszuführen, wie gefangen in einem Räderwerk kleinmütig-rachsüchtiger Übergriffigkeit. Wo dort doch selbst Apollo zum sadistischen Killer geworden war und seinen Konkurrenten Marsyas häuten ließ oder Pallas Athene, hier in diesem Fall vorstellbar als eine Art antik-zänkische Margot Honecker, das Leben einer Webkünstlerin zerstört…

Und was wäre aus all dem zu lernen? Nun, und hier treffen sich Ovid und Biermann tatsächlich, etwas so Menschennötiges wie Respektlosigkeit. Kein vor blöder Bewunderung devot offener Mund nach oben – dorthin, wo die Tribünen stehen und die Fahnen hängen und sich darüber der Himmel spannt – sondern ein Erzählen und Dichten und, ja natürlich, auch ein Polemisieren gegen die Macht und die Mächtigen, da diese ja seit alters her zu Anmaßung neigen und zur Tyrannei. In Ovid und Biermann haben sie da freilich zwei, auf die sie nicht bauen können – gut so!  

Frage: Was wohl all das mit dem Publikum gemacht hat? Im Fall von Ovid können wir nur darüber spekulieren, aber fest steht: Es ist die schlechteste Tradition nicht, in der Geschichten erzählt werden nicht allein zum Ruhm der Götter und Halbgötter, sondern zu ihrer Demaskierung. Und ungefähr zweitausend Jahre später schrieb Biermann, und kehrte wieder hier wieder einmal lustvoll alles um, dass ein feiger Lobpreis der ganz und gar nicht Lobenswerten vor allem den Künstler selbst beschädigt: „Dann blas ich euch zu Riesen auf/ Hoch oben auf dem Berge/ Wenn ihr mich wirklich schaffen wollt/ Dann nennt mich ‚groß‘, ihr Zwerge“ 

Es waren Verse wie diese, nicht zu reden von der bald legendär gewordenen „Ermutigung“, die in DDR-Gefängniszellen gesummt wurden, die in mitunter kaum noch lesbaren Abschriften durchs Land gingen, auf zigmal überspielten Kassetten weitergegeben wurden und in zahlreichen Fällen die Übermittelnden, die die derart ihre Angst überwunden hatten, wiederum vor Stasivernehmer, willfährige Richter und tobende Gefängniswärter brachten. „Du, lass dich nicht erschrecken/ In dieser Schreckenszeit…“ Überwindung von Angst und jenen  tausend Gründen, mitzumachen, dabei jedoch nicht etwa die Metamorphose zur hehren, auf dauer-tragisch gestimmten Heldenpositur, da doch gleichzeitig galt: „Du, lass dich nicht verhärten/ in dieser harten Zeit/ Die allzu hart sind, brechen/ Die allzu spitz sind, stechen/ Und brechen ab sogleich.“

Zahllose Menschen, lieber Wolf, die auch Dank solcher Zeilen nicht zerbrochen sind in  jenem miesen verdammten Mauerstaat.

Zu reden wäre freilich auch von jener Verwandlung, die im Laufe der Jahrzehnte so manche Westler ereilt hatte – beim Hören der in der Ostberliner Chausseestraße heimlich aufgenommenen Schallplatten, als Fernsehzuschauer beim legendären Kölner Konzert vom November ’76 oder späterhin bei den zahlreichen Auftritten hier in der Bundesrepublik. Wer Biermann nämlich wirklich hörte oder las, konnte nicht länger die DDR schönreden und sich dann irgendwann auch nicht mehr mit der fragwürdigen Gedanken-Konstruktion behelfen, im Ostblock sei zwar vieles im Argen, aber der „wirkliche“ Kommunismus würde dem schon abhelfen. Nicht alle sind damals Biermanns argen Weg der Erkenntnis mitgegangen – wobei sie, und auch das spricht für ihn, zu solcher Gefolgschaft ja auch nie aufgefordert worden waren. Anderen dagegen hat Biermanns Beispiel Mut gemacht, etwa in jenen Wochen zu Jahresbeginn 1991, als sich so manche fragten, in welchem Land sie da lebten. Wir erinnern uns: Saddam Husseins Ankündigung, „Israel in ein Krematorium zu verwandeln“, Holocaust-Überlebende mit Gasmasken in den Kellern von Haifa und Tel Aviv, die verzweifelte israelische Bitte um Patriot-Abwehrraketen. Während genau in diesen Tagen der höchsten Gefährdung beträchtliche Teile der sogenannten deutschen Friedensbewegung vor allem damit beschäftigt waren, sich an einem geradezu inhuman abstrahierenden Pazifismus zu berauschen und Bettlaken aus den Fenstern ihrer WGs und Eigentumswohnungen flattern ließen, auf denen „Kein Blut für Öl“ zu lesen stand. Während maßgebliche westdeutsche Intellektuelle, die sich ansonsten doch ebenfalls so viel zugute hielten auf ihren Status als Aufarbeiter, Mahner, Warner, Finger-in-die-Wunde-Leger etc pp ebenfalls allerlei Krudes von sich gaben, das nicht nur von apolitischer Ahnungslosigkeit zeugte, sondern vor allem von einer ungeheuren Seelenkälte gegenüber Israel und denen, die dort lebten, die sich dahin gerettet hatten. Was für verkommenes Deutschland, nur wenige Monate nach der Wiedervereinigung! Und dann kam Biermanns „Zeit“-Essay „Kriegshetze, Friedenshetze“ und fuhr wie ein Lichtstrahl in den Nebel all der jämmerlichen Schönsprechs. Und zeugte, anders als es die Demaskierten daraufhin kolportierten, doch keineswegs vom Manichäismus eines Spätbekehrten oder vom angeblichen Neo-Bellizismus des antimilitaristischen Verfassers von „Soldat, Soldat“. Kein Vorwurf hätte falscher sein können.

Wo Biermann doch, jenseits der Gummi-Vokabel Dialektik, doch seit jeher darin geübt ist, auch gegen sich selbst zu denken, gegen das womöglich fadenscheinig Gewordene althergebrachter Interpretationen – und gegen die Gefahr, neue Gewissheiten allzu widerspruchsfrei zu verkünden. Nicht allein aus stilistischen Gründen setzt er dagegen ein ABER in Majuskeln; wer seine Konzerte besucht, hat den Ton wohl auf immerdar im Ohr: „ABER!“ Ja, hier nimmt einer die Sache mit den Verwandlungen ernst, „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“, hat wohl aber auch immer Manés Sperbers Diktum im Ohr: „Auch wer gegen den Strom schwimmt, schwimmt im Strom, wir alle sind partiell im Unrecht.“ Was für eine Herausforderung: Genau das im Bewusstsein zu halten – und dennoch nie zwischen den Stühlen der vorgefertigten Meinungen Platz zu nehmen auf dem Sessel der bequemen Äquidistanz.

Da doch auch der Zorn weiterhin gerechtfertigt ist. Da heute von Ovid und Biermann zu sprechen, bedeutet, auch an jene zu erinnern, die von den rachsüchtigen Möchtegerngöttern unserer Zeit gejagt werden ob ihres Mutes zum offenen Wort. Da sind die jungen burmesischen Dichter, die ein von Putin-Russland unterstütztes Millitärregime jagt in den Straßen von Rangun und Mandaley. Da ist der nicaraguanische Sandinist und Romancier Sergio Ramirez, dem sein ehemaliger Kampfgenosse Daniel Ortega, längst vom Alt-Revolutionär zum neuen Diktator geworden, mit Verhaftung droht. Da ist der Schriftsteller Àngel Santiesteban, der in diesem Moment auf Kuba klandestin von Wohnung zu Wohnung fliehen muss, um den Häschern der Geheimpolizei zu entkommen. Da sind die um ihr Leben fürchtenden Intellektuellen und freien Geister in Kabul, von unseren westlichen Regierungen so sträflich verraten und auch von einer auf Hypes geeichten  pseudo-kritischen „Öffentlichkeit“ längst vergessen. Nicht zu reden von all jenen in Syrien des Massenmörders Assad, von all den Verhafteten und Entführten in den Weiten Chinas und Russlands und in Lukaschenkos Minsk, in Hongkong und… Oder besser: Genau von jeden zu reden. So wie es Wolf Biermann und seine Freunde Liao Yiwu und Herta Müller seit langem tun. Da, grausige Wahrheit, die Kanaillen der Macht, mit oder ohne Schulterstücke, mit  oder ohne dunkle Sonnenbrillen, sich ja ebenfalls auf Verwandlungen verstehen – nicht zuletzt als vermeintliche „Stabilitätsgaranten“, um westlicher Schläfrigkeit noch ein zusätzliches Valium zu verabreichen.

Die Verfolgten aber erinnern uns mit Leib und Seele daran, dass die Hoffnung auf  Freiheit keine Schimäre ist und auch kein „Klischee“. Aufgeben ist keine Option, und bereits vor vier Jahrzehnten, nach dem Jaruzelski-Putsch in Polen, hatte der Dichter geschrieben:

„Du Schweinehund/ quassel nicht: Aus der Traum!// Dieser Traum ist ja alt/ wie die Menschheit jung/ und wird auch noch halten/ wenn wir nicht mehr halten/ Nie wird dieser Traum/ je fade noch schal/ schon gar nicht/ in schlimmsten Nöten/ Und es reicht nicht so’n/ kleiner Dreck-General/ um solch einen Traum zu töten“. Und dann, als Menetekel und Warnung: „Und wie sie’s auch drehen:/ In ihren Kindern/ wird dieser Traum/ gegen sie auferstehen.“

Lieber Wolf, noch einmal: Herzlichen Glückwunsch!




Geboren 1970 in Sachsen, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR. Mag weder Menschenschinder noch deren Rechtfertiger, hat die gleiche Allergie gegen Schönredner wie gegen Hysteriker. Hört "Scheiß Liberaler" gern als Lob. Wohnt, falls er nicht auf Reisen ist, in Berlin. Schreibt Romane, Erzählungen, literarische und politische Essays. In der von Hans Magnus Enzensberger gegründeten Anderen Bibliothek erschienen die Erzählbände „Schlafende Hunde“ und „Die Nacht von San Salvador“ sowie 2019 der Essayband „Dissidentisches Denken – Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters“. Marko Martin veröffentlichte auch literarische Tagebücher, so etwa „Tel Aviv – Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt“, „Madiba Days – eine südafrikanische Reise“ sowie „Das Haus in Habana – Ein Rapport“, das 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.