2024 – eine Dystopie

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Die Erleichterung über den Sieg der amerikanischen Demokraten vor knapp einem Jahr war zwar richtig, sollte aber langsam ernster Sorge weichen. Wir befinden uns nur in einer Atempause.

Niemand kennt die Zukunft. Sie ist hinter einem Vorhang verborgen, den kein Sterblicher beiseite ziehen kann. Und doch gibt es Voraussagen, die man zumindest im “Wenn/Dann”-Modus mit großer Sicherheit formulieren kann. Hier also ein Versuch, die nächsten vier Jahre der amerikanischen Geschichte vorherzusagen; und weil es sich bei den Vereinigten Staaten immer noch um eine Supermacht handelt, werden diese vier Jahre — ob es den Europäern nun gefällt oder nicht — auch Weltgeschichte sein. 

Wenn Donald Trump 2024 noch halbwegs gesund ist und nicht hinter Gittern sitzt, wird er sich als Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei aufstellen lassen.

Wenn Trump sich als Kandidat aufstellen lässt, wird er die Kandidatur auch gewinnen. Keiner, der es wagt, innerhalb der Republikanischen Partei gegen ihn anzutreten — nicht Ron DeSantis, der Gouverneur von Florida, nicht Chris Christie, der ehemalige Gouverneur von New Jersey, schon gar nicht Mitt Romney aus Utah — hat auch nur die geringste Chance. Trump hat mit seinem Charisma einen politischen Kult geschaffen. 

Ganz gleich, wie danach im November 2024 die Wahl ausgeht: Donald Trump wird noch am Wahlabend verkünden, er habe gewonnen, und seine Anhänger werden ihm glauben.

So weit die Gewissheiten. Nun zu den Spekulationen.

Erstens: Die Demokraten werden die Zwischenwahlen im nächsten Jahr mit hoher Wahrscheinlichkeit verlieren. Zum Teil liegt das daran, dass das amerikanische System im höchsten Sinne unfair ist: Die demokratischen Wähler sind in den urbanen Ballungszentren konzentriert, aber die ländlichen, bevölkerungsarmen Gebiete werden bevorzugt. Ein Beispiel: Wenn 51 Prozent der Wählerinnen und Wähler die Demokraten wählen, so bekommen sie im Resultat doch nur 47 Senatorensitze. Zum anderen ist es erfahrungsgemäß einfach so, dass jene Partei, die den Präsidenten ins Weiße Haus schickt, in den Zwischenwahlen empfindlich verliert. Die Wähler der siegreichen Partei haben ja ihren Willen bekommen und bleiben darum zwei Jahre später zuhause, während die Gegenseite mobilisiert ist.

Es geht nur um die Swing States

Zweitens: Weil die Demokraten die Zwischenwahlen verlieren werden, wird es den Republikanern gelingen, auf der Ebene der Bundesstaaten Leute zu installieren, die Trump absolut ergeben sind. Das ist aus folgendem Grund wichtig: Präsidentschaftswahlen werden in ungefähr 15 “swing states” entschieden. In 13 jener “swing states” stehen republikanische Kandidaten zur Wahl, die glauben, Biden sei 2020 mit unlauteren Mitteln an die Macht gekommen — Trump habe die Wahl in Wahrheit gewonnen. Sie kündigen schon jetzt an, dass sie aus ihren Bundesstaaten im Herbst 2024 Wahlleute nach Washington schicken werden, die Trump zum Präsidenten machen werden. Ganz unabhängig davon, wie die Mehrheiten in ihren “swing states” entscheiden. Und damit kommen wir zu unserem Szenario für das Jahr 2024.

Der Kandidat oder die Kandidatin der Demokratischen Partei hat die Wahl knapp gewonnen. Vielleicht hat eine deutliche Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung für ihn oder sie gestimmt — aber darauf kommt es in den Vereinigten Staaten nicht an: Ausgezählt werden nur die Stimmen der Wahlleute, und in den 15 “swing states” war das Ergebnis leider, wie immer, knapp. Gleichwohl war es eindeutig. Die Trump ergebenen Wahlleute sind jedoch überzeugt, dass ihr Mann gewonnen hat. Und anders als 2020 gibt es auf der Ebene der Bundesstaaten fast niemanden mehr, der es wagt, sich gegen Trump zu stellen. Auch im Kongress wurden alle, die nicht Trump hörig sind, längst aus der Partei gesäubert. Liz Cheney, Adam Kinzinger, Mitt Romney — gestandene Konservative allesamt, aber auch gestandene Trump-Gegner — haben keinen Einfluss und keine Ämter mehr.

Also machen Trupps Gefolgsleute in den “swing states” ihre Ankündigung wahr: Sie bestimmen unabhängig vom tatsächlichen Ergebnis Wahlleute, die für Trump stimmen. Bis hierhin ist das Szenario weniger Mutmaßung als sichere Vorhersage für den genannten Fall. Ebenfalls sehr wahrscheinlich ist, dass auf ein solches Vorgehen in den “red states” Massendemonstrationen im ganzen Land folgen würden. Nicht mehr sicher, aber ziemlich wahrscheinlich wäre, dass die an den Rändern auch gewalttätig werden — Nationalgardisten und Polizisten könnten scharf schießen, mit Toten auf beiden Seiten. Szenen voller Blut mit Schlagstöcken, Pistolen und waberndem Tränengas wären die Folge. Im Januar dann soll Vizepräsidentin Kamala Harris die Auszählung der Stimmen überwachen — ein rein symbolischer Akt, wie wir spätestens seit 2020 wissen. Aber die Vizepräsidentin weigert sich womöglich, die Stimmen der “falschen Wahlleute” gelten zu lassen, die von Trump-Getreuen geschickt wurden. Daraufhin ruft Donald Trump erneut zum Sturm auf das Kapitol auf. Nur sind es diesmal nicht ein paar tausend Leute in Faschingskostümen ohne Plan und Ziel, die auf das Kapitol losmarschieren. Es kann gut eine halbe Million Menschen sein, viele von ihnen bewaffnet, unter ihnen Angehörige der Streitkräfte, die ehrlichen Herzens überzeugt sind, dass ein Wahlsieg der Demokraten auf Betrug beruht und überdies das Land dem Chaos und Sozialismus ausliefern würde. Was 2021 eher spontan losbrach, kann nun auf jahrelange Vorarbeit zurückgreifen.

Präsident Biden hätte jetzt noch etwas mehr als eine Woche Zeit, bis seine Amtszeit endet. Am Mittag des 20. Januar wird er aufhören, Oberbefehlshaber der Streitkräfte zu sein. Wer immer dann den Amtseid leistet, ist der neue Chef. Angesichts der Hunderttausenden, die mit Konföderiertenflaggen und Maschinenpistolen anrücken, tut Biden das Einzige, was er jetzt noch tun kann — er gibt der Armee den Befehl, das Kapitol zu schützen. Aber ein Teil der Armee weigert sich, seinem Befehl Folge zu leisten. Manche Soldaten könnten ebenfalls glauben, Biden sei ein illegitimer Präsident, der von ihnen ohne guten Grund verlange, auf ihre eigenen Landsleute zu schießen. So beginnt der zweite amerikanische Bürgerkrieg, ein Krieg, bei dem es — im Unterschied zu der bewaffneten Auseinandersetzung von 1861 — keine klaren Grenzen gibt. Proud Boys liefern sich Straßenschlachten mit der Antifa. Das Land zerfällt in demokratische und republikanische Enklaven. Universitäten ernennen sich zu Räterepubliken, veranstalten linksradikale Schauprozesse und werden von Rechtsradikalen gestürmt. Gemetzel hier, Gemetzel dort. Ein Ende ist nicht abzusehen. Und die von den Vereinigten Staaten getragene Nachkriegsordnung zerfällt.

47 Millionen Amerikaner leben in einer Wahnwelt

Natürlich muss es nicht so kommen. Dies ist eine Spekulation, keine Prophezeiung. So vieles ist nicht absehbar: Trump könnte sterben. Trump könnte die Wahl 2024 tatsächlich und mit ehrlichen Mitteln gewinnen. (Doch, das ist möglich.) Joe Biden könnte sterben. Die Demokraten könnten wider Erwarten als Sieger aus den Zwischenwahlen im nächsten Jahr hervorgehen. (In diesem Fall wäre der Trumpismus erledigt.) Die Chinesen könnten versuchen, Taiwan heim ins Reich der Mitte zu holen — mit unabsehbaren Konsequenzen für die amerikanische Innen- wie Außenpolitik. Trumps Justizprobleme könnten, auch wenn er in vier Jahren nicht hinter Gittern sitzt, dazu führen, dass viele seiner Anhänger sich von ihm abwenden. 

Doch unabhängig vom Hypothetischen gibt es ein paar Tatsachen, die sich nicht wegdiskutieren lassen. Eine Untersuchung der University of Chicago ergab, dass 47 Millionen Amerikaner — will heißen: ein Fünftel aller Erwachsenen in den Vereinigten Staaten — in einer Wahnwelt leben und felsenfest überzeugt sind, dass Trump die Wahl 2020 gewonnen hat. 21 Millionen von ihnen halten es für legitim, Trump mit Waffengewalt wieder ins Präsidentenamt einzusetzen. Wenigstens sieben Millionen dieser Leute haben nach eigenen Angaben Waffen. Drei Millionen haben in den amerikanischen Streitkräften gedient, wissen also, wie man mit diesen Waffen umgeht. Sechs Millionen sagten aus, sie unterstützten rechtsextreme Milizen; eine Million sagt, dass sie immerhin Mitglieder von rechtsextremen Milizen kennt.

Noch eine Tatsache: Viele Demokraten glauben, die Geschichte sei auf ihrer Seite, da die Vereinigten Staaten ganz von allein immer bunter und multiethnischer werden — aber das stimmt nicht. Der linksliberale Meinungsforscher David Shor hat herausgefunden, dass der Kampf für die Demokratie und gegen autoritäre Lösungen eigentlich nur Leute mit Hochschulabschluss interessiert: Die bildungsfernen Schichten in Amerika lässt dieser Kampf kalt, und zwar ganz unabhängig von der Hautfarbe. Die Demokraten gewinnen zwar sehr langsam die sonnigen Bundesstaaten im Süden, aber noch schneller verlieren sie die weißen Arbeiter in den nordwestlichen Bundesstaaten. Irgendwann wird Texas ein demokratischer “blue State” sein, aber lange vorher könnten Michigan und Pennsylvania sich in republikanische “red states” verwandelt haben. Und schließlich: Trump kommt bei vielen Männern aus der lateinamerikanischen Community gut an — nicht nur bei Kubanern, die traditionell rechts wählen.

Nein, es sieht nicht gut aus. Dies ist die Ruhe vor dem Sturm.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".