22. Januar 2017

Majuskelkrampf

Klingt wie eine Sportverletzung und ist genauso nützlich: Binnenmajuskel.

Die Bahn kam zuerst. Klingt unglaubwürdig, zugegeben. Aber meiner Wahrnehmung nach waren es die Werbefachleute des Konzerns, die als erste in die Namen aller möglichen Züge und Produkte einen Großbuchstaben gequetscht haben. Geboren waren der InterCity, der InterRegio und die BahnCard – und damit die Behauptung, ein oller Interregio werde womöglich nicht schneller, aber immerhin schicker, wenn man ihn InterRegio schreibt.

Der treffende Begriff für diesen Großbuchstaben im Wortinneren wäre deshalb „Werberversalie“. Er nennt sich offiziell allerdings Binnenmajuskel – was wiederum klingt wie ein Fachwort aus einem Lust-und-Liebe-Ratgebertext in der „Brigitte“. Oder wie eine Sportverletzung. Zerrung des Binnenmajuskels, schmerzhaft, vier Wochen Füße hoch. Und kühlen!

Wie auch immer: Binnenmajuskel sind im Deutschen eigentlich nicht vorgesehen, außer als besondere Schreibweise für den Namen Gottes in alten Bibel-Ausgaben und der Tora (GOtt, HErr) sowie für Eigennamen. Und genau da – also bei den Eigennamen, nicht in der Bibel – haben die Werber ihn für sich entdeckt. Seitdem haben sich etwa die Hamburger HafenCity und die StädteRegion Aachen von irgendwelchen Agenturen diesen Unsinn aufschwatzen lassen.

Man kann Binnenmajuskel oder Werberversalie getrost als Petitesse abtun, zumal die Bahn selbst schon wieder Intercity schreibt. Doch meine zugleich steile wie unwiderlegte These lautet, dass der InterCity eine Unterform jener Zerstückelungskrankheit ist, die mit falschen Bindestrichen und dem Deppenleerzeichen einhergeht. Es sind Symptome derselben Malaise, sie sitzen gewissermaßen im selben Zug. Dashalb lautet der erste Schritt zur Besserung: Aussteigen. Aber Vorsicht – zerren Sie sich an der Bahnsteigkante bloß nicht ’nen Majuskel.

Über uns

Ein Autorenblog für alle, die gern streiten und nicht an den Weltuntergang glauben. Die Salonkolumnisten schreiben über Politik und Kultur – klug, pointiert und in vielen Stimmen, die sich oft uneins sind. Verteidiger der offenen Gesellschaft, Gegner jeder Schwarzmalerei.

Folgen Sie uns

Aus dem Archiv

1

City on the Hill: Defunded

Trumps vollendeter Nihilismus, ein ganz kleiner Aufstand der Militärs und immer wieder Minneapolis: Hannes Stein und Richard Volkmann mit Streit zum Senat
2

Die braunen Angstmacher

Wir haben ein Problem mit Terrorismus von rechts. Das ist nicht neu. Aber er hat seine Strategie erweitert. Und fühlt sich anscheinend
3

Hegemonie und Rebellion

Die Karnevalsrede von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer war missglückt und unangebracht, doch der doktrinäre Rigorismus ihrer Kritiker gefährdet die Streitkultur einer offenen Gesellschaft.
Nachoben

Don't Miss

Volk mit Räumlichkeit

Ob bürokratisch, umgangssprachlich oder einfach falsch – es gibt Wörter

In der Kommunikationsfalle

Boris Palmer hat es wieder getan und laut seinem persönlichen