Mein Book of Kells – Folge 6

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Was sich so in meinem Notizbuch angesammelt hat – 30. Juli 2018

Franz Josef Strauß schrieb 1987 oder 1988, also vor rund 30 Jahren, in seinen „Erinnerungen“ über den damaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, dieser glaube nicht, „dass es rechts von der CDU ein nennenswertes Wählerpotential gibt, um das es sich zu kämpfen lohnt. Zudem geht er von der irrigen Annahme aus, dass diese Wähler ohnehin keine andere Wahl als die Union haben und man deswegen mit ihnen umspringen könne, wie man wolle. Er erkennt nicht, dass auf der rechten Seite des politischen Spektrums zwangsläufig ein Vakuum entstehen muss, wenn sich die CDU in Konkurrenz zur SPD auf einen Wettlauf nach links einlässt (…). Geißlers Ansatz, dass es praktisch nur mehr zwei politische Lager gebe, ein rot-grünes und eines aus CDU, CSU und FDP, beinhaltet, dass die Grenzen innerhalb dieser Lager fließend sein müssen. Demnach wäre es fast unerheblich, wenn die FDP zu Lasten der Union Stimmen gewinnt, weil das Gesamtergebnis doch nur einem gemeinsamen Lager zugute käme (…). Dieses Spiel funktioniert aber nur, solange CDU plus FDP die Mehrheit haben (…). Es geht nicht um rechtsradikale Narren, wie etwa um die Deutsche Volksunion des Gerhard Frey. Aber wenn sich eine Rechtspartei bildet mit einem populistischen Programm und einer charismatischen Führung, dann stimmt die ganze Lagertheorie CDU und FDP nicht mehr.“ Große Politiker erkennt man an ihrer Fähigkeit, über die Tagespolitik hinaus langfristige Entwicklungen zu erkennen.

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Ich dachte, es sei die Gicht, aber der Arzt sagt, es sei altersbedingter Verschleiß in den Gelenken. Wahrscheinlich ist das eine relativ erfreuliche Diagnose, doch man wird nachdenklich: Eine Schulfreundin war vier Monate älter als ich, als wir gemeinsam Abitur machten. Sie ging ins Showgeschäft. Heute ist sie nach den Angaben auf ihrer Internetseite zwei Jahre jünger als ich. Menschen altern anscheinend unterschiedlich schnell.

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Tagebuchnotiz Gustav Stresemanns vom 20. April 1925: „Später bei Botschafter X. Eines der üblichen Diners, die so langweilig und trocken verlaufen, dass es wirklich eine Zumutung ist, daran teilzunehmen. Dazu die Absicht, durch raffinierte Gerichte einen besonderen Eindruck zu erwecken, so dass es gut ist, vorher zu essen, ehe man zu einem derartigen Diner geht.“ In der Tat: Je aufwendiger und eleganter das Menü daherkommt, desto größer dürfte der Anteil der Gäste sein, die sich heimlich nach Erbsensuppe mit Speck sehnen – zumindest gilt das für die männlichen Gäste.

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Es ist schwer, festzustellen, wie viele Menschen in den letzten Jahren in der Türkei verhaftet wurden, weil sie dem Regime im Weg waren. Die angegebenen Zahlen schwanken zwischen 18.000 und 40.000. Darunter befinden sich 8.000 bis 10.000 Militärangehörige, fast ebenso viele Polizisten, über 2.000 Richter und Staatsanwälte, 1.400 Mitglieder der Partei HDP, hunderte Intellektuelle wie Lehrer und Wissenschaftler und etwa 100 bis 150 Journalisten. Unsere Massenmedien beschäftigen sich fast ausschließlich mit den Journalisten. Andere Menschen scheinen sie nicht zu interessieren.

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Neue wissenschaftliche Erkenntnis, eines Tages vielleicht einmal an die Mitarbeiter der Deutschen Bahn weiterzureichen: Ein Zug, der sechs Minuten später in den Bahnhof einfährt als im Fahrplan angekündigt, ist nicht pünktlich, sondern sechs Minuten zu spät.

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Ein Freund, der in der englischen Provinz lebt, berichtet, dass die Klassenlehrerin seiner Tochter hinter seinem Rücken höhnisch den Hitlergruß zeigte, als sie sich unbeobachtet wähnte. Die Szene illustriert gut, warum es nur folgerichtig ist, dass Großbritannien aus der Europäischen Union austritt: Man kann kein Land in die europäische Einigung einbinden, dessen Bevölkerung noch vollauf damit beschäftigt ist, den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen.

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Regelmäßig nach Terroranschlägen verurteilen Politiker, die dies müssen, die Tat mit den Worten, es habe sich um ein „feiges“ Attentat gehandelt. Woher stammt eigentlich diese Formulierung, die so fest eingeübt ist, dass nur selten jemandem ihre Unsinnigkeit auffällt? Vielleicht aus der Zeit, als es noch als ehrenvoll galt, jemanden im Duell zu töten? Abstrus bleibt sie in jedem Fall: Ein Terroranschlag, vor allem ein Selbstmordanschlag, ist alles Mögliche: Er ist böse, hinterhältig, grausam, menschenverachtend, teuflisch. Aber feige ist er nicht.

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Eine bemerkenswerte Veränderung der Sprache ist, dass heute die meisten Eltern ihre Kinder in „Kindertagesstätten“ oder – eine besonders hässliche Abkürzung – in „Kitas“ schicken, statt in „Kindergärten.“ Eine Tagesstätte ist ein Ort der Aufbewahrung, ein Garten dagegen ein Ort, an dem etwas gepflegt und beim Wachsen befördert wird. Was sagt diese Veränderung der Sprache über die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Kindern aus?

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Immer öfter liest man in Ausschreibungen für Professuren, es sei gewünscht, dass sich der Kandidat mit „Gender-Aspekten“ befasse. Gemeint ist damit meist, dass er sich an der Propagierung der Ideologie beteiligt, nach der es keine natürlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen gebe. Eine Professur aber, die dazu dient, offensichtlichen Unsinn zu verbreiten, ist keine. Und ein Kandidat, der offensichtlichen Unsinn propagiert, um eine Stelle zu erhalten, ist kein Professor.

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„Putinversteher“ sind diejenigen, die ihn vermutlich nicht verstanden haben.

 


Thomas Petersen berichtet in der Reihe „Mein Books of Kells“ in unregelmäßigen Abständen über das, was sich über die Jahre in seinem Notizbuch angesammelt hat. Die „Mein Book of Kells“-Reihe kann hier nachgelesen werden.




Geboren in Hamburg 1968, Projektleiter am Institut für Demoskopie Allensbach und Privatdozent an der Technischen Universität Dresden.