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Zu Risiken und Nebenwirkungen

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Die Aussetzung von Impfungen wegen Thrombosen und unser Umgang mit Atomkraft zeigen: Millionen Jahre Evolution reichen nicht, uns vernünftig mit Risiken umgehen zu lassen.

Das menschliche Gehirn ist extrem schlecht dafür geeicht, Gefahren einzuschätzen. Das erklärt sich aus der Geschichte: Die Evolution hat uns dafür trainiert, vor Säbelzahntigern davonzulaufen – schrecklichen Biestern, die man auf den ersten schnellen Blick als  ungesund erkennt. Das kann jeder Volltrottel. Anders hätten wir als Spezies nicht überlebt. Schwer ist es dagegen, mit folgender Information umgehen: „Nachdem wir ohne Zwischenfälle 6,8 Millionen Dosen des Johnson & Johnson-Vakzins verimpft haben, sind sechs Fälle von schweren Thrombosen aufgetreten, die möglicherweise etwas mit dem Vakzin zu tun haben. Vielleicht auch nicht. Demgegenüber steht die Chance, an Covid19 zu erkranken, mit einem Sterblichkeitsrisiko von 4,16 Prozent oder mehr, es kommt auf Ihr Alter, Ihr Geschlecht, Ihre Vorerkrankungen und Ihren Body-Mass-Index an. Zu den Risiken von Covid19 gehören übrigens schwere Thrombosen.“

Ich habe neulich versucht, ein spaßhaftes Bild dafür zu finden – voilà: Ein T-Rex rennt hinter dir her, der dich mit seinem Abendessen verwechselt. Vor dir steht ein Jeep, voll betankt und mit dem Zündschlüssel im Schloss. Aber Vorsicht! Bei einem von zwei Millionen Fällen geht der Jeep, wenn du den Zündschlüssel umdrehst, in Flammen auf. Du hast keine Chance, dem T-Rex durch Davonlaufen zu entkommen. Was tust du?

Natürlich den Jeep, Idiot!

In Wahrheit gibt es leider kein so eindrückliches Bild: Es gibt nur Zahlen, mathematische Chancen, Wahrscheinlichkeiten. Übrigens ist es nicht nur mit Impfstoffen so, auch mit anderen Themen, um die es bei uns Salonkolumnisten immer wieder geht – nehmen wir die Atomkraft. Das menschliche Gehirn erinnert sich an Tschernobyl. Es hat gespeichert, dass es damals zu Toten gekommen ist. (Wie vielen eigentlich? Erstaunlich schwer zu beantworten.) Ergo meldet das Gehirn künftig: Atomkraft gefährlich. Danach ist es schwer, noch eine sachliche Diskussion zu führen. Wer will sich schon auf die Seite des Säbelzahntigers stellen? 

Dass in Wahrheit der menschgemachte Treibhauseffekt das viel schlimmere Risiko darstellt – mitsamt den Ressourcenkriegen, Flüchtlingswellen, Ökodiktaturen, zu denen er führen kann – das ist nicht einsichtig. Jedenfalls nicht ohne Weiteres. Wer zwei Risiken abwägen will, der muss nachdenken; er benötigt dazu Abstraktionsvermögen und starke Nerven.

Die Wahl zwischen Falsch und Verkehrt

Die Behörden können es in einem solchen Fall nur falsch machen. Das Center for Disease Control und die FDA haben nun beschlossen, Impfungen mit dem Johnson & Johnson-Vakzin erstmal auszusetzen. Meine erste Reaktion: Fehler! Idioten! Maul halten, weiter impfen! Aber das sagt sich so leicht. Wenn sich im Nachhinein erwiese, dass die FDA die Information, dass sechs Menschen nach der Impfung schwere Thrombosen hatten, verschwiegen hätte – die Hölle wäre los. Das Vertrauen wäre endgültig dahin; und das in einem Land, den Vereinigten Staaten, in dem ohnehin schon 30 Prozent der Bevölkerung erklären, dass sie sich nie und nimmer impfen lassen wollen. 

Andererseits hat Nat Silver aber recht, wenn er schreibt: Würde Gavin Newsom, der kalifornische Gouverneur, die Strände von Kalifornien sperren lassen, weil es eine geringe Chance gibt, dass Badende von einem Hai gefressen werden – und würde er die Strände eine Woche danach wieder öffnen: Viele Badende blieben danach trotzdem zuhause. Die Gefahr, dass es nun mit dem Johnson & Johnson-Vakzin ähnlich geht, ist groß. Und das wird Menschenleben kosten. 

(Die Chance, von einem Hai gefressen zu werden, ist übrigens wirklich winzig. Dass wir sie für größer halten, liegt an „Der weiße Hai“, einem großartigen Film, der zu keinem Zeitpunkt der Wahrscheinlichkeit erlaubt, ihr hässliches Haupt zu erheben.)

Will sagen: Ich glaube, CDC und FDA haben in dieser vertrackten Situation den richtigen, den weniger fatalen Fehler gemacht. Wie auch das Robert Koch-Institut den richtigen Fehler gemacht hat, als es für kurze Zeit riet, Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin auszusetzen. Eine Tragödie bleibt es trotzdem. Verdammte Evolution! Scheiß-Säbelzahntiger-Gehirn!

Abgehärtet in der Neuen Welt

Meine einzige Hoffnung: Wir Amerikaner sind von der Fernsehwerbung Kummer gewohnt. Hier ein aus dem prallen Leben gegriffenes Beispiel. Tanzendes Ehepaar, beide weißhaarig und mit Falten; im Hintergrund der Donauwalzer. Eine sonore Stimme ertönt aus dem Off: „Probleme mit dem Liebesleben? Das muss kein Problem sein, auch wenn Sie zu den älteren Semestern gehören. Wenn sie Blautop-Plus nehmen, hilft das mit neunzigprozentiger Sicherheit gegen erektile Dysfunktion.“ Das ältere Ehepaar tanzt weiter durch eine blühende Landschaft, ein Fluss schlängelt sich durch tropisches Grün, der Donauwalzer schwillt an. Die Stimme aus dem Off sagt gleichmütig: „Blautop-Plus kann zu schweren Depressionen führen. Sollten Sie Selbstmordgedanken haben, wenden Sie sich bitte sofort an Ihren Psychiater. In einigen besonders schweren Fällen wurde beobachtet, dass Männern nach Gebrauch des Produkts ihr Penis abfiel. Außerdem kann es zu einem öligen Ausfluss aus dem Anus kommen.“ Das ältere Ehepaar tanzt und lächelt beglückt. Der Mann wendet sich direkt an die Kamera: „Wann reden Sie endlich mit Ihrem Hausarzt über Blautop-Plus?“ 

Während es in Deutschland bei solchen Produkten in epigrammatischer Kürze nur heißt: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und reden Sie mit Ihrem Arzt oder Apotheker.“ Die amerikanische Variante, so hoffe ich, hat uns in der Neuen Welt ein bisschen abgehärtet. Und in drei Tagen bitte: Maul halten, weiterimpfen!




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".