Die Welt braucht Kernkraft, wusste schon Helmut Schmidt Von Avda - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Mut zur Kontroverse

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Statt technikoffen und mit den Mitteln der modernen Gesellschaft, bekämpfen wir den CO2-Ausstoß mit dogmatischen Lehrsätzen. Dabei war das Land schon mal viel weiter.

Inzwischen halten sich alle für Klimaexperten. Sie schreiben in Blogs, Feuilletons und in Kommentaren. Oder sie machen YouTube-Videos. Die einen meinen zu wissen, was alternativlos zu tun ist, um die Klimakatastrophe abzuwenden. Die anderen meinen zu wissen, dass nichts zu tun ist, weil der Klimawandel eine Lüge ist.

Für beide Seiten gilt: Du bist entweder für mich oder gegen mich. Dazwischen ist kein Platz. Oder doch?

Das Problem

Fest steht, dass der durch Menschen verursachte Klimawandel ein massives Problem ist. Bereits Berichte an die Präsidenten der USA Lyndon B. Johnson 1965 und Jimmy Carter (Charney-Report) 1979 stellten das grundsätzliche Problem fest. Wenig bekannt ist, dass auch der Arbeitskreis Energie (AKE) der Deutsche Physikalischen Gesellschaft e.V. bereits 1986 vor einer drohenden Klimakatastrophe warnte, wobei er als Ursache an erster Stelle die Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas nannte.

Der AKE warnte, dass die mittlere Temperatur auf der Erde in 50 bis 100 Jahren um mehrere Grad ansteigen könnte – also zwischen 2035 und 2085. Der Meeresspiegel könnte zudem um fünf bis 10 Meter ansteigen. Wenn nichts geschehe, würden die ersten deutlichen Klimaänderungen in ein bis zwei Jahrzehnten sichtbar sein, also zwischen 1995 und 2005. Damals lagen die Temperaturen noch im Schwankungsbereich. Wie vorhergesagt, war der Temperaturanstieg um 2000 klar erkennbar.

Lösungsansätze

Der AKE schlug rasche Schritte vor, die der “Fridays-for Future”-Bewegung (FFF) kaum gefallen würden:

„Maßnahmen zur Energieeinsparung und effizienteren Energienutzung, zum anderen der verstärkte Einsatz von Kernenergie.“

Für die Zukunft wurden Hochtemperaturreaktoren und Brutreaktoren neben Solarwärmekraftwerken und photovoltaischen Kraftwerken empfohlen. Andere vorgeschlagene Maßnahmen waren die Verbesserung des Wirkungsgrades bei fossilen Brennstoffen und die Verminderung des Energiebedarfs durch Wärmedämmung und der Einsatz von Fernwärme.

Auch früher machte sich die deutsche Politik darüber Gedanken über den Klimawandel, aber nicht die üblichen Verdächtigen: Es war niemand Geringeres, als Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Der damals amtierende Bundeskanzler wurde 1979 im Spiegel so zitiert:

„Die Verbrennung jeder Art von Kohlenwasserstoff“, so verkündete der Ökonom im Kabinett seine neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, „führt zu einer gefährlichen Aufheizung des Erdballs“ – mit verheerenden Folgen für das Klima.

Schmidts Antwort, wurde ebenfalls im gleichen Artikel so wiedergegeben:

Für den Sozialdemokraten Schmidt gibt es nur ein Schlupfloch, dem globalen Inferno zu entrinnen: „Die Welt braucht Kernenergie“, und die verantwortlichen Politiker dürfen sich dabei weder von „Umweltidioten“ noch von „Gerichten, die alles kaputtmachen“, bremsen lassen.

Das kam bei vielen in der SPD nicht gut an. Im Rückblick haben wir trotzdem eine Riesenchance verpasst. Wir sind nicht dort, wo wir hätten sein können. Das Problem des Klimawandels hat sich durch den Stopp und Verlangsamung des Ausbaus der Kernenergie weltweit und den übereilte Ausstieg nach dem tsunamibedingten Reaktorunfall von Fukushima verschärft.

Erinnern wir uns ebenfalls: 1979 wurde die Inbetriebnahme des bereits fertigen Kernkraftwerks Zwentendorf in Österreich verhindert, ein weiteres gar nicht fertiggestellt. Die damals wachsende Anti-Atom-Bewegung ließ den Bau von Kohlekraftwerken als Ersatz ohne Bedenken durchgehen. Die Bewegung trug somit maßgeblich dazu bei, dass Kohle und fossile Energieträger zum Schaden des Klimas ausgebaut werden konnten. Heute sehen sich Aktivisten dieser Bewegung gern als „Klimaretter“ und bestehen weiterhin ohne Widerspruch aus FFF-Kreisen auf die klimaschädliche Abschaltung der restlichen Kernkraftwerke.

Die andere Seite der Medaille

Wir sollten angesichts des massiven Problems des Klimawandels die andere Seite der Medaille nicht vergessen. Barack Obama schrieb im Jahre 2016: „The truth is, if you had to choose any time in the course of human history to be alive, you’d choose this one.” Im September 2017 sagte er einem Publikum von Musikern, Aktivisten und Kabarettisten: „There’s never been a better time to be alive“

Michael Specter, Autor des Buches „Denialism: How Irrational Thinking Harms the Planet and Threatens Our Lives“, sagte in einem Ted Talk: Ein Kind, das heute in Delhi geboren wird, hat eine höhere Lebenserwartung als die reichste Person vor 200 Jahren. Hans Rosling hat in seinem Buch „Factfulnessanhand von Daten dargestellt, dass die Menschheit in viel besserem Zustand ist, als die meisten meinen. Wer weiß schon, dass die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit über 70 Jahre beträgt, in Indien über 60. Oder, dass sie in England vor 200 Jahren weit unter 50 Jahren lag? Eine hervorragende und stetig aktualisierte Quelle über wo wir weltweit stehen ist auch Our World In Data von Max Roser.

Augenmaß bei Lösungen

Wenn wir die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen anschauen, sehen wir, dass von 17 Zielen die Beseitigung von Hunger an erster Stelle steht. Maßnahmen gegen den Klimawandel folgen auf Platz 13, hinter dem Zugang zu leistbarer und sauberer Energie (Platz 7). Die meisten Menschen brauchen mehr Energie. In heißen Ländern brauchen sie neben Kühlschränken und Waschmaschinen auch Klimaanlagen – gerade bei steigenden Temperaturen. Strom und Energie müssen außerdem bezahlbar sein, damit auch für Hartz-IV-Empfänger in Deutschland und die Bevölkerung in Sub-Sahara-Afrika sich Strom und Energie leisten können.

So gern manche es anders darstellen wollen: Gewiss ist der Klimawandel ein großes Problem, aber bei weitem nicht das einzige. Es geht einfach nicht an, ein Ziel auf Kosten aller anderen zu verfolgen. Deutlich zeigt sich dies am Konzept “Degrowth”, das einen Rückgang von Wachstum und Konsum vorsieht. Entwickelt von Personen in wohlhabenden Ländern, die nie Mangel erfahren mussten, wird es von Menschen in Afrika, Asien oder Lateinamerika zu Recht als Hohn empfunden.

Zeit für Kritik und Alternativen

Auch wenn Greta Thunberg, der FFF-Bewegung und ihren Ablegern das unbestrittene Verdienst zukommt, die globale Aufmerksamkeit auf ein massives Problem zu lenken, ist das kein Grund, ihr und ihren Vertretern bei ihren Lösungsvorschlägen bedingungslos zu folgen. Es gibt viel praktikablere Lösungen, als 100 Prozent erneuerbaren Energien, Degrowth, massiven persönliche Einschränkungen und einem Zurück zur Natur. Ökomodernisten zum Beispiel schlagen andere Wege vor, darunter die Nutzung intensiver Technologien wie Kernenergie und Gentechnik, dadurch weniger Flächennutzung und die Schaffung von mehr Raum für die Natur, sowie starke staatliche und überstaatliche Förderung bestehender Technologien und der Entwicklung neuer Technologien.

Der Vorteil: Diese Lösungen bieten den Menschen weltweit Wohlstand, insbesondere in den Ländern des Südens. Jonathan Symons bezeichnet in seinem Buch Ecomodernism diesen Weg als den einer globalen Sozialdemokratie. Vieles von Helmut Schmidt erinnern an Ökomodernismus, wovon die heutige SPD (noch) weit entfernt ist.

Offene Diskussion ohne Dogmen

Selbstverständlich sollten auch neue Lösungsansätze wie die der Ökomodernisten kritisch unter die Lupe genommen werden. Sie sollten, wie alles andere, nicht sakrosankt sein. Allerdings sollte eine neue, offene Diskussion um die besten Lösungen ohne Feindbilder auskommen. Wir können die Lösungen nicht nur einer besonders lautstarken Bewegung überlassen. Gerade weil die Zukunft des Planeten auf dem Spiel steht, dürfen wir keine „Homogenisierung der Klima-Berichterstattung“ bzw. der Debatte (Axel Bojanowski) zulassen. Wir benötigen einen Wettbewerb der Ideen und Lösungsansätze ohne Denktabus und Denkverbote. Nicht nur die Prognosen, auch die Vorschläge von 1979 und 1986 in Deutschland waren gar nicht so schlecht.

Allerdings sind wir in Deutschland weit davon entfernt. Wir steigen aus der Kernenergie aus. Damit haben wir nicht nur dem Klimaschutz einen Bärendienst erwiesen, sondern auch dafür gesorgt, dass der 2011 beschlossene „Atomausstieg“ bis 2035 laut Kharecha und Sato 20.000 vorzeitige Sterbefälle durch zusätzliche Luftverschmutzung verursachen wird. Seit 2011 sind es bereits etwa 5.000 Sterbefälle.

Deutschland lehnt Gentechnik für eine schnelle Anpassung der Landwirtschaft mit negativen Folgen für Länder Afrikas und Asiens ab. Neue Lösungen für Energiequellen, wie CCS (Kohlenstoff-Abscheidung und Speicherung) und BECCS (Bio-Energie CCS) werden ebenfalls abgelehnt.

Deutschland gefällt sich, Hand in Hand mit Österreich, in Dogmatismus und Denkstarre.




Amardeo Sarma schreibt hier über Themen rund um die globale Erwärmung sowie über Themen, die für die Skeptikerbewegung relevant sind. Er ist Elektrotechniker mit Abschlüssen vom Indian Institute of Technology Delhi und von der Technischen Hochschule Darmstadt und arbeitet derzeit als General Manager bei NEC Laboratories Europe GmbH. Er ist Mitbegründer und Vorsitzender des GWUP e.V., die Wissenschaft und kritisches Denken fördert und Gründungsmitglied des Ökomoderne e.V. Seit 40 Jahren ist er zudem Mitglied der SPD. Bei den Salonkolumnisten spricht er privat.