Ein eingespieltes Team! Foto: Pixabay

Brief an die Mütter im Homeoffice

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Corona bringt es an den Tag: Wenn „die Strukturen“ wegfallen, werden aus berufstätigen Müttern ganz schnell Familienfrauen alten Stils. Wer hat das bestellt?

Liebe Leser, bitte weitergehen. Das hier richtet sich ausschließlich an Leserinnen. Genauer: an erwerbstätige Mütter, denn hier soll es um den Alltag mit Kindern im Homeoffice gehen. Um das Leben mit Minderjährigen, die jetzt ständig am Kühlschrank sind und 24/7 chatten. Die eine verdammt lange Zeit rumkriegen müssen, zu wenig für die Schule tun und mit ihren Geschwistern im Wohnzimmer streiten. Dieser Text tut nicht so, als seien Mütter und Väter gleichermaßen davon betroffen. Als bestünde Familie aus Vater, Mutter, Kind. Das ist nur die biologische Einheit. Im Corona-Alltag sieht es leider oft ganz anders aus.

Vergangene Woche veröffentlichte die ZEIT eine Geschichte, zu der Korrespondenten aus aller Welt ihre Beobachtungen beisteuerten. Unter dem Titel „Die Krise der Frauen“ schrieben sie aus Indien, China, Kolumbien, Südafrika und der Türkei, warum vor allem Frauen die Gekniffenen sind, wenn es um berufliche Mehrbelastungen und den Psycho-Stress in häuslicher Quarantäne geht. Mit von der Partie waren aber nicht nur Macho-Hochburgen, sondern auch Finnland, Frankreich und Israel. Was ist da los? 

Frauen sind nicht weg – sie sind nur woanders

Diese Woche funkte Julia Jäkel SOS aus dem Verlagshaus Gruner und Jahr: „In der Krise sind plötzlich alle Frauen weg“, klagte sie in einem Gastbeitrag, ebenfalls in der ZEIT. Gut, wenn es einer Chefin auffällt, dass Mütter in der Corona-Krise abtauchen, während die jobalerten Väter in ihren Mail-Accounts zu wohnen scheinen. Liebe Frau Jäkel, Sie wissen natürlich: Die Frauen sind nicht weg – sie sind nur woanders. Vielleicht knien sie gerade fluchend unter dem Schreibtisch ihrer Jüngsten, weil Hausaufgaben jetzt online gemacht werden müssen und der blöde Stecker wieder streikt. Frauen kaufen zurzeit auch viel zu essen und zu trinken ein, führen den Hund Gassi und skypen mit Oma und Opa. Weg sind die Männer. Physisch zuhause und doch nicht greifbar, jedenfalls nicht für die Familie. Woran liegt das – und wer hat das bestellt?

Macht ein wichtiges Gesicht – und die Tür zu

Liebe Mütter, nehmt Euch ein Beispiel an den Vätern. Die wissen, wie man aus jedem Homeoffice ein Wichtig-Office macht. Einen Arbeitsplatz, der eine gewisse Ausstrahlung hat. So, dass auch kleine Kinder nicht wie die Kletten an Papas Hosenbein hängen, wenn der zu tun hat. Kinder spüren einfach: Eher verdursten und verhungern sie, als dass Papa ein Zoom-Meeting mit dem Chef unterbricht. Natürlich ist der ein rührender Vater und würde die Kinder versorgen, wenn es niemand anderes täte. Aber Mama ist ja da – Corona sei Dank.

Mütter im Homeoffice, hier ein paar Life-Hacks. Stellt Euch vor: Euer Job ist die Insel. Der große Rest des Lebens ist das Wasser, das die Insel umspült. Das Wasser ist tief, das Wasser ist schön, ohne Wasser kein Leben. Aber hat man jemals gehört, dass sich eine Insel ihren Weg sucht, dass sie mäandert und tröpfelt, dass sie schmiegsam ist wie Wasser? Eben. 

Macht die Tür zu. Setzt ein wichtiges Gesicht auf. Denkt dabei an einen Leitspruch des britischen Königshauses: „Never explain, never complain.“ Keine Entschuldigung in Form von permanenter Ansprechbarkeit. Kein Arbeiten im Kinder-Gewusel, auch nicht auf der Küchentheke. Geht ins Schlafzimmer, wenn die Wohnung keine andere räumliche Möglichkeit bietet. Wenn Ihr über den Luxus eines Arbeitszimmers verfügt: Teilt es Euch mit Eurem Roommate im Corona-Homeoffice. Zwei an einem Schreibtisch geht nicht? Wo ist das Problem, einer ist doch sowieso immer im Kinderdienst.

Buzzwords und Headset fürs Wichtig-Office 

Wertet Euer Homeoffice unbedingt mit Buzzwords auf. Mit Heiße-Luft-Wörtern, die Wichtigkeit vortäuschen. Telefongespräche sind passé. Ihr habt Calls, besser noch Video-Calls mit einem Tool wie Zoom, Skype oder Microsoft-Teams. Nichts wirkt stärker auf mithorchende Familienmitglieder, als Video-Konferenzen mit vielen Teilnehmern und vielen scheppernden Tonstörungen. Stellt die Geräte richtig laut und sprecht in ein Headset, wenn Ihr in der Küche auftaucht, um Euch frischen Kaffee zu holen. Ihr wirkt damit wie ein Fernsehreporter auf Live-Schalte und schindet Eindruck bei den Kindern.

Sprecht von Disruptionen. Macht Euren Männern klar, dass Disruptionen kein Black Swan mehr sind, sondern jetzt immer häufiger auftauchen. Dass das Mittel, um sich gegen Disruption zu wappnen, Diversifikation heißt. Don’t put all your eggs in one basket. Man kennt das von der Börse. Wer jetzt noch argumentiert, dass SEIN Homeoffice wichtiger ist als IHR Homeoffice, weil er mehr Geld verdient, sollte einmal die Gardine beiseiteschieben und nach draußen schauen. Die Welt ist in Bewegung. Oft bewegt sie sich ganz anders, als man vermutet hätte. Wer hätte beispielsweise vor einem Vierteljahr gedacht, dass ausgerechnet die Reisebranche kurzfristig den Bach runtergeht? Familien heute müssen mehrere wirtschaftliche Standbeine pflegen. Best practice und mind the basket!

Mütter im Homeoffice, Euch kann jetzt niemand von außen helfen. Keine Gleichstellungsbeauftragte und kein Gutes-Homeoffice-Gesetz von Franziska Giffey. Jetzt kommt es drauf an, Arsch in der Hose zu haben. Und zu machen. 




Ellen Daniel wurde 1968 in Hofheim am Taunus geboren und studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Literaturwissenschaft in Wien, Passau, Cardiff und Florenz. Von 1994 bis 1999 war sie Pressesprecherin der Sozialdemokraten im Europaparlament und Korrespondentin verschiedenster Tageszeitungen (u.a. Nürnberger Nachrichten) in Brüssel, bevor sie nach Deutschland zurückkehrte und bis 2015 als Redakteurin im Auslands- und im Kulturressort des "Focus" tätig war. Heute ist sie Pressesprecherin der Roland Berger Stiftung. Sie lebt mit ihrer Familie in München und beschäftigt sich als Autorin mit kultursoziologischen Themen, am liebsten genüsslich im weiten Feld der Gastrosophie.