Sport-Werbung von 1925 (Deutsches Hygiene Museum) Foto: Michael Miersch

Von Sartre zum Sixpack

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Die Pandemie zwingt uns zum Zuhausebleiben. Viele vermissen Fitnessstudio, Sporthalle oder Stadion – nicht so unser Autor. Er erinnert sich noch gut an die Zeiten, als Sport uncool war. Damals war die Körperkultur humaner, diverser und pluralistischer, findet er. Heute ist physische Ertüchtigung Pflicht für jeden, der im Statuswettbewerb mithalten will

Er lebte zwischen Bergen von Büchern in Zimmern, die nach kalter Asche rochen. Ein Mensch mit blasser Gesichtsfarbe, Augenringen unter der Brille, wirren Haaren und Zigarette im Mundwinkel. Seine Kleidung wechselte er selten, mal Lederjacke, mal Armeeparka, stets Bluejeans. So sah der typische junge Rebell Mitte des 20. Jahrhunderts aus. Fitnessstudios hätte er nie betreten – aber die waren ja ohnehin noch nicht erfunden. Sport interessierte ihn ebenso wenig, wie gesundes Essen oder Wasser trinken. Seine Idole waren nicht Athleten mit Waschbrettbauch, sondern Männer, deren Körper als notwendiges jedoch lästiges Anhängsel ihres Gehirns fungierte. Jean-Paul Sartre war ein charakteristischer Vertreter jener Spezies. Ein kleiner, auffallend unattraktiver Mann mit dicker Brille, dem nachgesagt wurde, dass die Frauen auf ihn fliegen – heute schwer vorstellbar.

Die Tage waren erfüllt mit Lesen, Musik hören, den Freuden und Leiden des Geschlechtslebens, Alkohol und Drogen. Nur die bravsten Streber in meiner Klasse schwänzten den Sportunterricht nicht. Reck und Barren betrachteten wir als Folterinstrumente, sportliche Disziplin als faschistoid. In meinem Bücherregal stand ein gelbes Bändchen des März Verlages: „Sport und Sexualität“. Darin argumentiert der Autor Ulrich Dix (Ex-Polizist und Ex-Leistungssportler), dass Sport „Aggressionen unvorstellbaren Ausmaßes züchtet“, „Jugendliche von ihrer Sexualität abzulenken versucht“ und durch Sport „unreflektiert und ahnungslos der Nährboden vorbereitet wird, auf dem die Herrschenden säen und ernten“. Die hessische Naturfreundejugend forderte, „Vögeln statt Turnen!“, und die Bildzeitung alarmierte ihre Leser: „Schüler wollen Liebe in der Turnhalle!“

„Dumpfe Machomacke“

Es war eine kleine Sensation als die „taz“ 1983 eine Sportseite einführte, die den ironischen Rubrikentitel „Leibesübungen“ erhielt.  Einer der damaligen Initiatoren schrieb später, wie schwierig es war, das taz-Plenum davon zu überzeugen, da insbesondere die Redakteurinnen Sportjournalismus „als dumpfe Machomacke ablehnten“. 

Später Geborene können sich kaum vorstellen, wie unbedeutend körperliche Ertüchtigung damals war –  zumindest für den Teil der Jugend, der gegen den Mief und die Verlogenheit ihrer Eltern und Lehrer aufbegehrte. Statt für den Marathon zu üben oder sich zum Fangesang in Fußballstadien zu versammeln, lag man lieber kiffend oder knutschend im Stadtpark. Natürlich gab es auch damals Fußballfans, aber das waren entweder Spießer oder Kinder. In der Altersgruppe der 15- bis 25-jährigen, die den damaligen Zeitgeist auf ihrer Seite hatten, besaßen Kenntnisse über Mittelstürmer oder Torstatistik keinerlei Statuswert. Niemand hätte damit ein Gespräch begonnen, geschweige denn einen Flirt.

Ein Hobby unter vielen

Heute klingt es unglaublich, aber das berühmte „Wunder von Bern“ war weder in der Schule noch im Freundeskreis, oder im Elternhaus je ein Thema. Mittlerweile wird der Sieg in der Fußballweltmeisterschaft 1954 retrospektiv als quasi zweiter Gründungsakt der Bundesrepublik Deutschland dargestellt. Dies entspricht jedoch der heutigen Bedeutung dieses Sports nicht der damaligen. Bei YouTube kann man die Wochenschauen des Jahres 1954 ansehen. In der Zeit bevor alle Familien Fernsehgeräte hatten informierten solche Kino-Nachrichtensendungen über das Weltgeschehen. Vom Sieg der deutschen Fußballmannschaft in Bern wird in der Wochenschau an letzter Stelle berichtet. Nicht nur, dass diverse Neuigkeiten aus aller Welt wichtiger waren. Selbst im Sportteil bekamen ein Autorennen und ein Pferderennen höhere Priorität. Fußball war ein Sport unter vielen. Und Sport war ein Hobby unter vielen.

Seither wurde das öffentliche und private Leben in einem damals unvorstellbaren Maße sportifiziert. Ob jemand surft oder sich fürs Bouldern begeistert, Fußball spielt oder Moutainbike fährt, ist wichtiger geworden als die Bücher, die er liest. Körperliche Fitness wurde zu einem Muss für alle ambitionierten jungen Menschen. Fußball gehört – zumindest für Männer – zu den Fundamenten der Persönlichkeit. Ganz im Gegensatz zu damals definieren sich die meisten Menschen mehr über ihren Körper als durch ihren Geist. Männer mit nach außen gewölbtem Bauch und Frauen, die ein paar Kommastellen über einem Body-Mass-Index von 24,9 liegen, werden mit abschätzigen Blicken als Verlierertypen identifiziert, die ihr Leben so wenig im Griff haben wie Raucher. Noch in den 70er-Jahren war die Existenz des Musculus rectus abdominis nur Medizinern bekannt. Alle anderen wussten nicht, dass sich unter dem normalen Bauchfett ein Muskel verbirgt, den man durch Hungern und hartes Training zu der sichtbaren Struktur formen kann, die heute als „Sixpack“ geläufig ist.

Die Rückkehr der Körperscham

Parallel zum Körperkult kam die Körperscham zurück. In den 70er- und 80er-Jahren sonnten sich Tausende textilfrei an Seeufern und Meeresstränden (nicht nur in der DDR, wie oftmals behauptet wird). Ob jemand eine mehr oder weniger perfekte Figur besaß, war nebensächlich. Je strenger die Normen wurden, desto mehr kam die Nacktheit wieder aus der Mode.

Alles begann mit der „Trimm-dich-Bewegung“, die 1970 vom Deutschen Sportbund ausgerufen wurde, weil immer weniger Westdeutsche in Sportvereinen organisiert waren. Jedes Dorf baute einen Waldweg zum „Trimm-dich-Pfad“ um. Überall klebte nun das kleine Trimm-dich-Männlein. Die Kampagne hatte Erfolg: Zehn Jahre später freuten sich die Sportvereine über Zuwachs. Es wurde üblich, dass Eltern ihre Kinder zu Vereinssport schicken. Und warum? Es ist zwar erwiesen, dass Bewegungsmangel ungesund ist. Aber es gibt bis heute keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Sport lebensverlängernd wirkt. Der Kardiologe Richard Rost, Vater der deutschen Fitnesswelle, formulierte es so: „Der Sportler lebt nicht länger. Er stirbt aber gesünder.“

Es heißt jetzt Joggen

Der Paradigmenwechsel von Sex, Drogen und eher geistigen Genüsse zur disziplinierten Körperertüchtigung fand in den 80er-Jahren statt. Mit Aerobic, eine Mischung aus Gymnastik und Tanz, lockte die Schauspielerin Jane Fonda Frauen in die Turnhallen. Arnold Schwarzenegger, ein muskelbepackter Österreicher, der wenige Jahre zuvor noch als bedauernswerter Sonderling gegolten hätte, wurde zum Körperidol junger Männer. Und der Wiener Unterhaltungskünstler André Heller servierte dem Bildungsbürgertum „Begnadete Körper“, eine Akrobatik-Show mit dem Nimbus der Hochkultur. Dauerlaufen wurde nun Joggen genannt. In den Parks sah man immer weniger entspannte Spaziergänger und immer mehr schwitzende Selbstertüchtiger mit leidenden Gesichtszügen. Mannequins nannte man vor der großen Sportifizierung junge Frauen, die auf Laufstegen Kleider vorführten. Niemand, nicht einmal Menschen, die sich für Mode interessierten, hätte sich den Namen eines Mannequins gemerkt. In den Achtzigern wurden Mannequins in Models umbenannt und prominent – als Qualifikation genügte ein allseits bewunderter Körperbau, der entsprechend dem Zeitgeschmack eher knochig als weiblich zu sein hatte.

Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts hat der Bauch hat die Seiten gewechselt. Für heutige Schüler ist es schwierig, sozialkritische Karikaturen und Plakate aus der früheren Bundesrepublik oder gar der Weimarer Republik richtig zu deuten. Der sportliche Typ, der aussieht als käme er gerade aus dem Fitnessstudio – das ist der Arme. Der Fettsack mit Zigarre ist der Reiche. Im 21. Jahrhundert ist es genau umgekehrt. Nirgends gibt es weniger Dicke als unter den Konzernchefs. Erfolgreiche Manager posieren in Wirtschaftsmagazinen gern mit Rennrad oder auf Skiern. Übergewicht wurde zum Ausweis für niedrigen Sozialstatus.

Das Ende des Wohlstandsbäuchleins

Während die Gerneration meines Vaters noch selbstbewusst ihr Wohlstandsbäuchlein vor sich her trug und ihre runden Frauen mit Stolz präsentierte, stehen die Dicken von heute in der Freak-Ecke. Natürlich geschieht die soziale Ausgrenzung nur zu ihrem Besten. Denn Übergewicht, so verkünden Gesundheitspolitiker, Ernährungsberaterinnen, Frauenzeitschriften und Diätindustrie, ist gefährlich. Dicksein sei ungesund, führe zu zahlreichen Krankheiten und sei eigentlich selber schon eine Krankheit. Daher müssten die Kilos an Bauch, Hüften und Waden unerbittlich bekämpft werden. Am besten von Kindesbeinen an.

Wer das andere Geschlecht beeindrucken will, sollte als Mann flachbäuchig sein, und als Frau keinen dicken Po und schlanke Oberschenkel haben. Lediglich in Form von Busen gilt weibliches Körperfett immer noch als sexy. Fast alle erfolgreichen Filmschauspielerinnen sind superschlank. Der Wunsch abzunehmen ernährt milliardenschwere Industrien. Man könne annehmen, dass die Frauen einem männlich dominierten Schönheitsideal nachjagen. Doch wenn man männlichen Versuchspersonen Fotos von Frauen vorlegt und sie nach Schönheit sortieren lässt, ergibt sich Erstaunliches: Männer wählen Bilder von Frauen aus, die rundlicher sind als die Models auf Titelblättern und in Werbespots.

Distinktion und Disziplin

Schaut man sich die Schönheitsideale von Naturvölkern an oder die unserer steinzeitlichen Vorfahren, wie etwa die Venus von Willendorf, stößt man auf Frauenbilder, die nach heutiger Bewertung als extrem fett gelten würden. Die Schlankheitsobsession entspringt somit nicht der Biologie des Mannes, sondern ist sozial konstruiert. Gesundheitspolitische Kampagnen satteln auf zeitgeistige Schönheitsideale und soziale Vorbehalte. Wer dick ist, gilt als arm und dumm, davon möchte sich der karrierebewusste Aufsteiger aus der Mittelschicht absetzen. Gesundheitsbewusstsein und Körperästhetik dienen der Distinktion. Angenehmerweise kann die Verachtung der disziplinlosen Dicken durch sozialpädagogischen Paternalismus bemäntelt werden: Man möchte ja nur den armen dicken Kindern helfen.

Fotos von vorbildlich zurichteten Körpern sind eines der häufigsten Motive in den Sozialen Netzwerken. Sie sind der Ausweis der Leistungsfähigkeit, der Disziplin des Erfolgs. Seht her, ich habe es geschafft mich selbst zu überwinden, sagen uns diese Bilder. Ich habe Opfer gebracht und Ströme von Schweiß vergossen. Ich kann mithalten. Mein Marktwert ist immens.

Mit der anschwellenden Sportpropaganda explodierte auch das Angebot für Spezialausrüstungen aller Art, von der knallbunten Wursthaut der Radfahrer bis zu albernen Stöcken für leistungsbewusstes Gehen. Außerhalb von Turnhallen und Sportplätzen wurden Trainingsanzüge zuvor bestenfalls von Männern getragen, die am Kiosk Bier tranken. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts gehören sie zur Alltagskleidung von Millionen, ebenso wie Turnschuhe.

Menschen, die studiert haben, um nicht körperlich arbeiten zu müssen, martern sich in Fitnessstudios. Politiker lassen sich beim Joggen fotografieren. Journalisten nehmen die Welt immer mehr durch die Brille des Sports wahr und stellen bei jeder Gelegenheit Ranglisten und Charts auf. Filme glänzen mit akrobatischen Stunts statt mit Handlung. Tennisarme und andere sportbedingte Krankheiten sorgten für volle Arztpraxen und Krankenhäuser. Es gibt mittlerweile mehr Sportverletzte als Menschen, die im Straßenverkehr zu Schaden kommen.

Der Siegeszug der Fitness

Sport war das Einfallstor. Das Ideal unermüdlicher Leistungssteigerung durchdrang alle gesellschaftlichen Bereiche. Der weise Aussteiger, der sich wie einst Diogenes der Druck der Arbeitswelt entzog und Lebensqualität nicht mit Besitz verwechselte wurde als Rollenmodel abgelöst vom stets fitten und motivierten Karrieristen in Turnschuhen, der stolz darauf ist, bis Mitternacht durchzuarbeiten. Der Körperdisziplin folgte die Zurichtung des Geistes.

In den 70er-Jahren hatte ich das kleine Trimm-dich-Männlein nicht ernst genommen. Ich ahnte nicht, was es vorhatte. Es veränderte die Welt. Jetzt haben wir den Fitness-Salat. Das Gegenteil von „Vögeln in Turnhallen“ hat sich durchgesetzt: Heute ist selbst beim Sex Leistungswille und „Performance“ angesagt.




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.