Karotten. © Tobias Blanken

Schafft zwei, drei, viele vegane Menüs

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Warum es in jeder öffentlichen Kantine ein veganes Menü geben sollte. An allen Tagen. Und wie man religiös aufgeladene gesellschaftliche Konflikte entschärft.

Veganes Essen ist großartig. Nicht unbedingt – das hängt vor allem von der Zubereitung ab – geschmacklich, sondern funktional. Veganes Essen ist das „One size fits all“ der menschlichen Ernährungsweisen, der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich Veganer, Vegetarier, Pescetarier, Muslime, Juden, Hindus und etliche weitere Religionsgemeinschaften einigen können.

Natürlich gibt es immer noch die Strenggläubigen, die es nicht ohne offizielle Halāl-, Koscher- oder Bio-Zertifizierung essen würden, aber für die übergroße Mehrheit reicht „vegan“ völlig aus, um den Speiseanforderungen ihrer jeweiligen Glaubensüberzeugung gerecht zu werden. Gibt es mindestens ein veganes Menü in der Kantine, gibt es für Veganer, Vegetarier, Muslime, Juden und Hindus eine gangbare Alternative zu den Standardgerichten, bei deren Zubereitung womöglich das gemischte Hack aus Rinder- und Schweinefleisch in guter deutscher Markenbutter gebraten wird.

Würde – was unbedingt zu befürworten ist – jede Kantine zusätzlich zu den üblichen Gerichten ein veganes Menü anbieten, wäre unzähligen Minderheiten geholfen, da ihnen damit zumindest immer ein Menü offensteht, mit dem sie nicht gegen ihre Überzeugung verstoßen.

Veggie-Day ist eine halb gare Forderung

Wer meint, er könne jetzt fröhlich-spöttisch „Blanken, du Künast!“ rufen, der liegt daneben. Renate Künast kann nicht nur Lincoln und Washington nicht unterscheiden, ihrem Staats- und Gesellschaftsverständnis geht das wunderbare „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ komplett ab. Es ging ihr nie darum, mit dem Veggie-Day die Wahlfreiheit zu stärken. Es sollte nicht jeder nach seiner Façon glücklich (beziehungsweise satt) werden, nein, sie wollte das von ihr präferierte Essen möglichst vielen Kantinengängern mit sanftem staatlichen Druck schmackhaft machen. Einen Tag in der Woche gibt es keine Wahl, an einem Tag in der Woche kommt nur vegetarisches Essen auf den Kantinentisch. Basta.

Sicherlich schadet es keinem Menschen, einmal die Woche in der Kantine vegetarisch zu essen, niemand bricht sich ein Bein ab, wenn es mal keine halb angebrannten Frikadellen (liebe Berliner, Buletten sind gemeint) gibt. Das Problem ist nicht das vegetarische Essen, sondern die Denke hinter Künasts Vorschlag. Weil in ihrem grünen Milieu sehr viel Wert auf vegetarisches Essen gelegt wird, soll der Rest der Bevölkerung auch mit Chili sin Carne & Co. beglückt werden. Und das fast schon mit einer quasi-religiösen Überzeugung, missioniert wird mit einer Selbstüberhöhung, als sei die eigene Ernährungsweise der allein seligmachende Weg zu Gesundheit, langem Leben und einer ökosozialen Gesellschaft, in der der Mensch dem Menschen ein Mensch ist.

Der amerikanische Ökonom Tyler Cowen, Autor von An Economist Gets Lunch: New Rules for Everyday Foodies, hat jüngst konsterniert konstatiert, dass Musik „less of a source of identity and social connection“ ist – diese Funktion übernimmt mittlerweile die Nahrungsaufnahme. Musik wird zwar noch gehört, hat aber nicht mehr die gesellschaftliche Bedeutung wie einst Bob Dylan, Woodstock oder Nina Simone. „Source of identity and social connection“ ist stattdessen das Essen, insbesondere bei den Bessergebildeten. „These days, it could be said that food is the opiate of the educated classes“, so Tyler Cowen. Und damit erklärt sich auch der enorme Impact, den Künasts Veggie-Day-Forderung ausgelöst hat. Es ging bei der Debatte nie nur um so profane Dinge wie fettige Frikadellen oder fades Chili sin Carne, Künast hat vielmehr einen regelrechten Kulturkampf ausgelöst. Vielleicht wissentlich, vielleicht unwissentlich, bei Künast ist das meist schwer zu sagen, hat sie eine Kontroverse in Gang gebracht, bei der sich erschreckend schnell Wut und Hass entladen haben – nicht in ihrem grünen Milieu, sondern bei denen, die sich durch Künasts Forderung bedroht wähnten.

In dem Moment, in dem Künast Identitätspolitik in die Küche getragen hat, mutierte das Schnitzel bei ihren Gegnern zum Identitätsmarker, der by any means necessary verteidigt werden muss, inklusive den mittlerweile obligatorischen Morddrohungen auf Facebook. Dem Schnitzel kam eine Symbolik zu, als sei es die deutsche Statue of Liberty, als gäbe es ein heiliges Menschenrecht auf Fleisch- und Wurstwaren in deutschen Kantinen. ¡No pasarán!, die eigene bedrohte Identität musste im Kampf gegen die imaginierte Ökodiktatur verteidigt werden. Alle bescheuert.

Noch leidenschaftlicher, noch hingebungsvoller, noch brutaler werden Konflikte ausgetragen, wenn Religion ins Spiel kommt. Religionskonflikte sind die Mutter aller Kulturkämpfe, der Mercedes unter den Identitätskonflikten. Über Hunderte, ja Tausende von Jahren auf allen Erdteilen exerziert, könnte das Köpfeeinschlagen (metaphorisch und wörtlich) durchaus als gelebte Traditionspflege durchgehen. Kommt Religion ins Spiel, brennt der Baum, aber richtig.

Brandbeschleuniger Religion

2016 haben mehrere Universitäten – unter anderem in Dortmund, Essen und Duisburg – ihre Gebetsräume geschlossen, besondere Aufmerksamkeit wurde dabei der TU Berlin zuteil, da betroffene muslimische Studenten mit öffentlichen Freitagsgebeten gegen die Schließung demonstrierten. Die Studenten fühlten sich diskriminiert, der Uni-Präsident rechtfertigte die Schließung mit den Worten: „Es ging um die Grundsatzfrage: Wollen wir an unserer Universität religiöse Veranstaltungen oder nicht? Ich bin der Meinung, dass Hochschulen und Religion voneinander getrennt sein sollten.“ Ein Streit, der in den nächsten Jahren immer wieder aufs Neue ausgetragen wird, da es in Deutschland unzählige Universitäten und andere staatliche Bildungseinrichtungen gibt, einzelne Muslime und muslimische Verbände auf der anderen Seite aber immer selbstbewusster auftreten, wenn es ums Einfordern ihrer Rechte geht.

Apropos selbstbewusst, die damals angehende Juristin Betül Ulusoy hat 2015 dagegen geklagt, dass ihr aufgrund ihres Kopftuches ein Rechtsreferendariat im Bezirksamt Neukölln verwehrt wurde – nur um nach erfolgreicher Klage selbst den Rückzieher zu machen. Ätsch, ich habe längst was Besseres, die Muselgrusel-Fanbase von AfD und PI-NEWS war natürlich schwer empört, aber Ulusoy hat das gemacht, was zivilisierte Menschen tun, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, sie hat den Rechtsweg beschritten. Seitdem ist mit jedem neuen Kopftuch-Urteil die öffentliche Debatte aufs Neue entbrannt, die Kontroverse, ob im Staatsdienst religiöse Zeichen zur Schau gestellt werden dürfen, wird auch in Zukunft intensiv geführt werden. Schließlich geht es um Grundsätzliches, ums Ausverhandeln und Austarieren der Trennung von Kirche und Staat. Der alte Klassiker, aktueller denn je. Und er wird auf allen Ebenen und Bereichen durchdekliniert werden.

So, jetzt stellen wir uns einfach einmal vor, was wohl passiert, wenn der Kulturkampf ums Kantinenessen erneut geführt wird, dieses Mal aber nicht über Künasts Nahrungsmittelpräferenzen, sondern mit Religion als Brandbeschleuniger. Wenn der öffentliche Streit – der in Deutschland leider auch immer Talkshowauftritte von Kubicki, Wagenknecht, Todenhöfer, Bosbach und Käßmann beinhaltet – nicht mehr darüber geführt wird, ob Chili sin Carne verpflichtend auf den Essensplan kommt, sondern geschächtetes Fleisch. Wenn alle öffentlichen Kantinen immer auch Halāl-Gerichte anbieten sollen, nicht an einem „Halāl-Day“, sondern die ganze Woche, an allen Tagen.

Richtig, der Baum wird brennen. Und er wird lichterloh brennen, im Gegensatz zum Veggie-Day bleibt es nicht bei den obligatorischen Morddrohungen auf Facebook, irgendwer – vermutlich selbsternannte Abendlandverteidiger, gerne aber auch Salafisten oder militante Tierschützer – wird zum Molotowcocktail greifen, um seiner erbärmlichen Vorstellung von einer besseren Welt mit abgefackelten Menschen Ausdruck zu verleihen.

Nicht ohne mein Schweineschnitzel

Das Szenario mag sich im ersten Moment arg hypothetisch anhören, aber die Abendlandverteidiger laufen sich bereits warm. Schon jetzt haben sie einen Schweinefleisch-Fetisch entwickelt, der sich nicht über Geschmack, Zubereitung oder Nährwert herleiten lässt, sondern allein über die Präsenz von Muslimen.

Auf Muselgrusel-Webseiten wie PI-NEWS wird mit einem Schwein um Spenden geworben, Pegida-Gänger tragen Schilder mit Aufschriften wie „Ich bin für Schweinefleisch auf dem Gartengrill! Bin ich deshalb ein Nazi?“, in asylkritischen Foren geben sich besorgte Bürger Pseudonyme wie „Pork Eating Crusader“, selbst Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, CSU, entblödete sich nicht, Schweinefleisch als essentiellen, aber bedrohten Teil einer ausgewogenen Ernährung hinzustellen. Andere Leute werden wegen Job- oder Beziehungsproblemen um den Schlaf gebracht, beim Abendlandverteidiger ist’s ein imaginiertes Schweinefleischverbot, das ihn fiebrige Nächte verbringen lässt.

Auch wenn sich diese Leute derbe fürs Essen von Schweinefleisch abfeiern, sind sie doch die größten Tierschützer, sobald es ums Schächten geht. Hier entdecken sie ihr Herz für die bedrängte Kreatur, hier benehmen sie sich, als seien sie langjähriges Fördermitglied bei People for the Ethical Treatment of Animals, hier verfügen sie plötzlich über Empathie, auch wenn sie ansonsten für ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer nur ein Schulterzucken übrighaben. Oder klammheimliche Freude.

Jede Horrorstory, jedes blutige Bild, jedes blutige Video von Schächtungen wird von den Abendlandverteidigern im Internet geteilt, als würde es kein Morgen geben. Und sie sind nicht allein, geht es ums Schächten, springen Tierschützer, gelangweilte Hausfrauen, Hartz-IV-Empfänger und Promi-Sternchen auf den Zug auf, es hagelt Likes, Shares und Retweets. Große Empörung, ganz viel Gesinnung, Deutschland, ein Land von Tierschützern.

Building a wall of separation between Church & State

Das Ausverhandeln und Austarieren der Trennung von Kirche und Staat wird in Deutschland gerne so wahrgenommen, als müsste sich der Staat der Religion erwehren. Und das zulasten der Religiösen, sei es Betül Ulusoy, der nur aufgrund ihres Kopftuches Steine in den Weg gelegt werden, seien es die muslimischen Studenten, die ihren Gebetsraum verlieren, weil der Uni-Präsident eine Grundsatzentscheidung durchsetzt. Gleichzeitig schwingt mit, dass die Trennung der religiösen von der staatlichen Sphäre ein Ergebnis der Entfernung von Gott ist, dass die Trennung geschichtlich erst möglich wurde, als die Bindungs- und Orientierungskraft der christlichen Religion im Zeitalter der Aufklärung nachließ.

Und es stimmt sogar, die Säkularisierung ging in Europa mit einer Zurückdrängung der Religion einher, mit den Erinnerungen an den Dreißigjährigen Krieg war der Impetus, den Staat vor dem Zugriff der Religiösen zu schützen, eine treibende Kraft bei der Trennung der beiden Sphären. Es stimmt aber nicht mehr, wenn man über den europäischen Tellerrand hinausschaut, nach Amerika. Dort war der gegenteilige Impetus, also das Schützen der Religiösen vor dem Zugriff des Staates, die treibende Kraft. Und die Trennung war nicht das Ergebnis einer Entfernung von Gott, sondern wurde von Religiösen vorangetrieben.

Der Ausdruck „The separation between church and state“ geht auf einen Brief zurück, den Thomas Jefferson strenggläubigen Baptisten schrieb. „I contemplate with sovereign reverence that act of the whole American people which declared that their legislature should ‚make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof,‘ thus building a wall of separation between Church & State“, lautet der gesamte Satz, das „building a wall“ war keine Drohung Jeffersons, sondern ein Versprechen an die Religiösen, die eben dies gefordert hatten. Ideengeschichtlich treibende Kraft hinter der Trennung war in Amerika eben nicht der Dreißigjährige Krieg, sondern die Verfolgung und Diskriminierung von religiösen Minderheiten auf dem alten Kontinent. Das amerikanische Freiheitsversprechen war auch immer ein Versprechen an die Religiösen, dass die religiösen und staatlichen Sphären strikt voneinander getrennt bleiben.

Und das ist auch der Grund, warum jede Debatte über Halāl-Speisen in staatlichen Kantinen schon im Vorfeld abgewürgt werden muss. Religiöse Konflikte – hallo, Dreißigjähriger Krieg! – werden nicht dadurch entschärft, dass der Staat sich auf eine Religionsgemeinschaft zubewegt, sondern, indem er auf Distanz zu allen Religionsgemeinschaften geht. Religiöse Verfolgung – hallo, Quäker, Puritaner und Baptisten! – wird durch das Errichten einer „wall of separation between Church & State“ unterbunden, allein die Trennung der beiden Sphären kann in religiös diversen Gesellschaften Religionsfreiheit gewährleisten.

Würden – gleich, wie hehr die Motive auch sein mögen – staatliche Kantinen Halāl-Gerichte anbieten, würde das Gegenteil passieren. In die Mauer zwischen Kirche und Staat würde ein weiteres Loch geschlagen werden, der Staat würde sich in die Sphäre der Religion begeben, wenn er Speisevorschriften aus Koran und Sunna bei der Nahrungsmittelzubereitung Verbindlichkeit attestiert. Nicht nur das, würden staatliche Kantinen zwischen harām und halāl unterscheiden, wären sofort unzählige andere Religionsgemeinschaften auf der Matte, maßlos empört über die Privilegierung des Islams. Und die hässlichen Jungs und Mädels mit Schweinefleisch-Fetisch gibt es ja auch noch. Und die Tierschützer.

Vegan ist Frieden

Abgesehen von dem außerordentlich praktischen „One size fits all“ hat das pflanzliche Essen noch einen weiteren großen Vorteil. „Vegan“ ist, auch wenn viele Veganer mit quasi-religiösem Eifer am Start sind, eine weltliche Klassifizierung. Würden staatliche Kantinen immer auch ein veganes Menü anbieten, würde sich der Staat trotzdem nicht in die religiöse Sphäre begeben. Natürlich würden Juden, Hindus und Muslime neben den Veganern und Vegetariern am stärksten profitieren (und omnivore Protestanten entsprechend weniger), aber da kann trotzdem noch immer „Das ist reiner Zufall!“ gerufen werden, ohne dabei vollkommen rot anzulaufen. Höchstens ein bisschen rot.

Gute Politik zeichnet sich dadurch aus, dass sie brutale Konflikte entschärft, bevor sie wirklich ausgebrochen sind. Mit einem veganen Menü in jeder öffentlichen Kantine könnten Rufe nach Halāl-Speisen viel leichter gekontert werden, ein „Wieso, euch steht doch schon ein veganes Menü offen“ dürfte sich auch als außerordentlich hilfreich erweisen, um künftig Kulturkämpfer vom Schlage Künasts ins Leere laufen zu lassen.

Ein veganes Menü in jeder öffentlichen Kantine ist sicher nicht der allein seligmachende Weg zu Gesundheit, langem Leben und einer ökosozialen Gesellschaft, sondern nur ein Konfliktgrund weniger, warum der Mensch dem Menschen an die Gurgel geht. Und das ist eigentlich schon ganz schön viel.




Lebt und arbeitet in Berlin und Hamburg. Mag Karl Popper, Brutalismus und die Ramones.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com