Genosse Stalin erklärt die Wirtschaft für eröffnet Bundesarchiv, Bild 183-R80329 / CC-BY-SA 3.0

Stalinistische Anhänger der Marktwirtschaft

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Nicht wenige Verteidiger der freien Marktwirtschaft führen sich in dieser Krise wie lupenreine Stalinisten auf.

Zu den vielen Merkwürdigkeiten, die uns die Corona-Krise beschert hat, gehört, dass viele Paladine der freien Marktwirtschaft plötzlich wie Stalinisten daherreden. Mit den „Lockdowns“ müsse es jetzt aber endlich Schluss sein, sagen sie. Die Politiker müssten dafür sorgen, dass die Wirtschaft wieder anspringt. In den Vereinigten Staaten heißt es in diesem Zusammenhang meistens, die Gesellschaft müsse wieder „geöffnet“ werden. Dahinter steht die Vorstellung von einem Chef – einem Staatsratsvorsitzenden, einem Generalsekretär – der über eine große Kurbel verfügt, mit der er den Motor der Wirtschaft starten kann.

In der Sowjetunion hätte so etwas gewiss funktioniert. Dort konnte Genosse Stalin mitten in Sibirien gewaltige Städte aus dem Boden stampfen, die dann minderwertigen Stahl produzierten, den kein Mensch brauchte. Aber kapitalistische Wirtschaften funktionieren anders: Sie sind am Konsumenten ausgerichtet. Der Kunde ist König. Und Seine Majestät, der Kunde, hat mitten in einer Seuche (wie seltsam!) nicht gar so viel Lust, sich in Shopping Malls herumzutreiben und überflüssiges Zeug zu kaufen. Wahr, es gibt Leute, die aus irgendwelchen Gründen meinen, das Virus werde um sie einen weiten Bogen machen. Vielleicht glauben sie an das Märchen, Covid-19 sei nicht gefährlicher als Grippe. Vielleicht haben sie die Berichte von den kerngesunden Vierzigjährigen nicht gelesen, die in New Yorker Krankenhäusern eintrafen, weil sie plötzlich schwere Schlaganfälle bekamen. Aber es gibt nicht nur leichtsinnige Trottel; es gibt auch noch Leute, die vor dem Virus Angst haben. So lange es keine Therapie, geschweige denn einen Impfstoff, gibt, werden diese Leute sich nicht ins Caféhaus setzen. Und noch hat mir niemand einleuchtend erklärt, wie es möglich sein soll, ein Restaurant zu betreiben, in dem die Hälfte aller Tische leer bleibt. Oder eine Fluglinie, wenn nur ein Drittel der Sitzplätze in jedem Flugzeug in Anspruch genommen wird.

Das Virus lässt nicht mit sich verhandeln, es lässt sich auch nicht wegdiskutieren. Und die Wirtschaftskatastrophe, die im Gefolge der Seuche kommt, ist nicht die Schuld von antikapitalistischen Politikern. Ich sitze nicht deshalb seit dem 12. März zuhause – und gedenke, das Haus frühestens im Herbst wieder zu verlassen – weil ich fürchte, von der New Yorker Polizei erschossen zu werden. Dieser Hausarrest wurde nicht von irgendeinem Commandante en Jefe über mich erlassen, sondern von der Wirklichkeit. Natürlich müssen wir alles tun, um denen zu helfen, die jetzt arbeitslos werden. Aber eine florierende Wirtschaft kann es erst geben, wenn die Seuche besiegt ist. Was ist daran schwer zu kapieren?




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".