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Mindestens der Weltuntergang

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Leben wir in einer postfaktischen Ära? Sicher – und das nicht erst seit gestern. Doch was früher höchstens in Wahlkämpfen vorkam, gehört heu

Leben wir in einer postfaktischen Ära? Sicher – und das nicht erst seit gestern. Doch was früher höchstens in Wahlkämpfen vorkam, gehört heute zum politische Alltag vieler Parteien und Initiativen.

Die SPD in der Abendsonne der Ära Helmut Schmidts war sicherlich keine ausgesprochen linksradikale Partei. Der Nato-Doppelbeschluss ging auf eine Initiative des sozialdemokratischen Kanzlers zurück, die rot-gelbe Regierung setzte trotz massiver Proteste auf den Ausbau der Kernenergie und gegen Linksradikale setzte Schmidt auf eine Politik der harten Hand. Auf einer großen Wiese neben dem Kreishaus Recklinghausen war an einem Herbstabend des Jahres 1980 davon nichts zu hören. Der damalige Kanzlerkandidat von CDU und CSU, der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß, beschrieb die Koalition von Schmidt und dem biederen FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher als Ansammlung von „Kryptokommunisten“, die nur ein Ziel hätten, und zwar die Bundesrepublik an Moskau auszuliefern. Auf den Gesichtern vieler der Anhänger von Strauß sah man die Angst, die Rote Armee könne ihre Reihenhäuser noch am selben Abend besetzen – von der Wahlkampfkundgebung wäre es dann direkt in den Gulag gegangen.

Strauß‘ Wahlkampf war ein Beispiel für postfaktische Politik, wie man es besser kaum finden kann. Nur, als der Wahlkampf zu Ende war, begann der Alltag. In dem vereinbarte Strauß nur ein paar Jahre später einen Milliardenkredit für die DDR mit Alexander Schalck-Golodkowski, der kein „Kryptkommunist“ war, sondern ein bekanntes Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschland und hoher Stasi-Offizier.

Was sich früher bei Parteien vor allem auf Wahlkampfzeiten konzentrierte, ist heute der hysterische Alltag, und in dem interessieren Fakten immer weniger. Schon in den 70er Jahren erkannten Bürgerinitiativen und die Friedensbewegung, dass sich mit Untergangsszenarien gut Politik machen ließ: Die Gefahren von Kernkraftwerken wurden so stark dramatisiert, dass manch einer das Gefühl hatte, ein Reaktor sei nichts anderes als eine große Atombombe, die jederzeit explodieren könnte. Und wer für die Nachrüstung war, stand im Verdacht, fahrlässig und skrupellos den Tod von Millionen Menschen in Kauf zu nehmen. Schon damals war es schwer, über diese Fragen ruhig und sachlich zu diskutieren – auch weil die Gegenseite ebenfalls mit Slogans wie „Atomkraftgegner überwintern bei Dunkelheit mit kaltem Hintern“ zwar nicht den Weltuntergang herbeiredeten, aber zu einer Versachlichung der Debatte auch kaum beitrugen.

Der Erfolg der Umweltbewegung, und in ihrem Gefolge der Grünen, mit Untergangszenarien sollte seitdem die Politik dauerhaft verändern: Für Online-Plattformen wie Avaaz (10 Monate, um die Welt zu retten) und Organisationen wie Food Watch und Greenpeace geht es immer um Leben und Tod, bestimmt Dualismus den Blick auf die Welt, der sie in zwei Gruppen aufteilt: Die Edlen und Guten, die sie retten wollen, und jene, für die ein Menschenleben kaum zählt, denen es nur um den schnöden Mammon geht. Dass eine solche Polarisierung nur gelingt, wenn man es mit den Fakten nicht so ernst nimmt, ist naheliegend: Die Internationale Behörde für Krebsforschung (IARC) schätzt das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein, eine Bewertung, die sie für Rindfleisch, Mate-Tee oder die Reste menschlichen Haares abgegeben hat. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Agentur für Verbraucherschutz (EFSA) sind der Ansicht, dass von Glyphosat – wenn es ordnungsgemäß angewendet wird- keine Gefahr ausgeht. Auch wenn offenbar nichts eindeutig ist und schon gar kein Grund zur Panik herrscht, weiß Avaaz: „Die Gefahr ist eindeutig — dieses Gift wird in unseren Lebensmitteln, auf unseren Feldern, Spielplätzen und Straßen eingesetzt. Sorgen wir dafür, dass es vom Markt genommen wird!“ und fordert wie Greenpeace und Food Watch ein Verbot des Stoffes, der nach Ansicht von Experten in er Landwirtschaft nur durch gefährlichere und teurere Stoffe zu ersetzen ist. Fakten werden zur Nebensache und das gilt umso mehr, wenn es um den fast heiligen Krieg gegen die Kernenergie geht. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth, so etwas wie die Bundesbetroffenheitsbeauftragte der Republik, nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau, wenn es um das identitätsstiftende Thema der Grünen geht. Zum zweiten Jahrestag des Reaktorunglücks von Fukushima schrieb Roth auf Facebook: „Heute vor zwei Jahren ereignete sich die verheerende Atom-Katastrophe von Fukushima, die nach Tschernobyl ein weiteres Mal eine ganze Region und mit ihr die ganze Welt in den atomaren Abgrund blicken ließ. Insgesamt starben bei der Katastrophe in Japan 16.000 Menschen, mehr als 2.700 gelten immer noch als vermisst.“

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Auch Claudia Roth nimmt es mit Fakten nicht ganz genau Screenshot: Stefan Laurin

Ja, es starben 16.000 Menschen in Fukushima, jedoch nicht durch die Havarie des Reaktors, sondern durch den verheerenden Tsunami. Fünf Arbeiter starben bei Arbeiten nach dem GAU im Reaktor, sonst gab es bislang keine Todesopfer. Nach einem Shitstorm entschuldigte sich das „Team Claudia Roth“ für das zynische Spiel mit den Todeszahlen.

Doch das Postfaktische ist längst keine Domäne der Linken und Umweltbewegten. Auch auf der rechten Seite hat man längst erkannt, dass man, will man in die Medien kommen und die eigene Klientel begeistern, es mit der Wahrheit besser nicht so ernst nimmt. Über eine Million Flüchtlinge sind seit Anfang vergangenen Jahres nach Deutschland gekommen und ihre Integration wird kein Selbstläufer, aber eine „Umvolkung“ ist sicher nicht im Gange: Die Zahl der Muslime, und vor allem sie werden als Problemgruppe immer herausgegriffen, liegt in Deutschland bei unter fünf Millionen Menschen. Bei einer Bevölkerung von 80 Millionen kann beim besten Willen nicht von einer „Umvolkung“, von der Teile der AfD oder die NPD sprechen, die Rede sein. Auch die Abschaffung des 500 Euro-Scheins war kein Grund zur Panik. Wann und ob jemals Bargeld abgeschafft wird, steht in den Sternen. Fragt man bei Roland Döhrn, dem Leiter des Kompetenzbereichs »Wachstum, Konjunktur, Öffentliche Finanzen« beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, nach, bekommt man eine eher unspektakuläre Antwort: „Ich sehe nicht, dass irgendjemand ernsthaft vorhat, Bar­geld abzuschaffen.“ Döhrn versteht die Aufregung um das Bargeld nicht, in der Wissenschaft sei eine Abschaffung ohnehin kein Thema. Die AfD hindert das jedoch nicht, die nicht geplante Bargeldabschaffung propagandistisch auszuschlachten.

Und auch Impfgegner, Reichsbürger und Chemtrailgläubige brauchen keine Fakten, um in der Öffentlichkeit zu punkten. Und sie brauchen auch keinen Zugang zu den traditionellen Medien. Ihnen reichen Facebook und Twitter sowie, im Fall der Impfgegner, die Milieus und Medien der Anthroposophen, um ihre Zielgruppe zu erreichen – und das mit Erfolg: Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung sind gegen Impfungen und diese Zahl reicht aus, um zu verhindern, dass die Masern in Deutschland ausgerottet werden können. Dafür müssten 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, es sind aber nur knapp 93%, und so erkrankten im vergangenen Jahr 2464 Menschen an Masern – vor allem Kinder.

 

Ob Angst vor Glyhosat, der „Umvolkung“ oder dem Masernimpfstoff – mit Argumenten ist den verschiedenen Vertretern der Hysteriefraktion nicht mehr beizukommen. Fakten interessieren nicht mehr, die Welt teilt sich für sie nicht in Gruppen mit verschiedenen Meinungen auf, mit denen man reden könnte, sondern in Freunde und Feinde, mit denen es keinen Austausch oder Kompromiss geben kann.

Sie alle tragen dazu bei, dass ein offener Dialog immer schwieriger wird, dass es oft unmöglich ist, über Fakten zu reden und immer häufiger Gefühle und gefühlte Wahrheiten ins Zentrum der Debatten rücken. Und je mehr sich die Menschen daran gewöhnen, dass es keine guten Gründe braucht, um zu einer bestimmten Meinung zu gelangen, desto leichter haben es Medien wie das rechtspopulistische Portal Breitbart, das auf dem Sprung nach Deutschland ist, der Kreml-Sender RT Deutsch oder auch Putins Trolle in den sozialen Medien.



Stefan Laurin mochte schon als Kind nicht, wenn andere ihm sagten, was er tun soll und was nicht. Laurin wohnt in Bochum und arbeitet als freier Journalist unter anderem für Die Welt, Die Welt am Sonntag, die Jüdische Allgemeine, die Jungle World und Correctiv. Nebenbei ist er Herausgeber des Blogs Ruhrbarone und legt sich mit allen an, die Spaß daran haben, anderen Menschen ihre Freiheit zu nehmen.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com