Pizzafan und Geruchsbelästigte in der Wiener U6 (c) Wiener Linien / Thomas Jantzen

Unsere Sorgen möchte ich haben

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Die Fahrgäste der Wiener Linien haben abgestimmt und die Mehrheit wünscht sich ein generelles Essverbot. Das wird nun in zwei Schritten eingeführt und sorgt schon vorab für reichlich Ärger.

Der Aufreger des Monats! Der Sturm im Achterl-Glas! Da schallt doch gleich der Ruf nach Freiheit: Essen in der Wiener U-Bahn wird verboten! Das geht doch nicht! Auf die Barrikaden!

Da sammeln sie sich alle, die um Gerechtigkeit kämpfen, und sehen ihre Rechte eingeschränkt. Sehen sozial Benachteiligte noch benachteiligter, sehen wahrscheinlich auch Gleichheit und Brüderlichkeit verdammt. Als Gegenbewegung will man Rucksäcke voll mit stinkendem Käse transportieren und dergleichen Appetitlichkeiten mehr, es gibt eine Plattform gegen die Verordnung, die mit dem Slogan „Helfen Sie uns, die Unabhängigkeit von Parteien, Politik und Wirtschaft zu sichern“ um Spenden wirbt. Und natürlich wunderbare Blogs wie „An der schönen blauen Spießigkeit“, wo die Abstimmung, deren Resultat das Verbot war, verschwörungstheoretisch auseinandergenommen wird – wie auch in vielen Kommentaren: Sogar der monatelang vergebliche Versuch, mit Plakaten Rücksichtnahme einzufordern, wird als Hinweis auf den schon vorher festgelegten Ausgang des Votums interpretiert.

„Wieder einmal hat sich eine kleine Minderheit berufsempfindsamer Mittelschichtler lautstark durchgesetzt.“ So predigt es von der Verständniskanzel. Und dann wird supersozialempfindsam heraufbeschworen, was sich so alles im Bauchladen der Gerechtigkeitsliga von eigenen Gnaden finden lässt: Der Pendler, der Stunden in Öffis verbringt (von Hunger geplagt, klar, er hat ja seit dem Mittagessen nichts zu sich genommen); die alleinerziehende Mutter, die nach einer Neun-Stunden-Schicht an der Supermarktkasse (was tat sie in der Mittagspause?) zu Kindergarten oder Schule hetzt, um die Sprösslinge abzuholen (und vielleicht gut daran täte, für ein gemeinsames Abendessen MIT den Kindern zu sorgen); Berufstätige, die mehr als einen Arbeitsplatz unter den Hut bringen müssen, um durchzukommen – wobei dieses Schicksal nicht hart genug zu sein scheint, es wird auch noch darauf hingewiesen, dass das meist Frauen und Migranten sind. Und nicht zu vergessen Bauarbeiter mit Heißhunger nach einem langen Tag, die ja bekannt dafür sind, dass sie auf Baustellen weder essen noch trinken.

Bemitleidung der Arbeiterklasse

So geht es dahin, diese Bemitleidung der Arbeiterklasse und Beschimpfung der „feinen Bürgernasen“, die sich bei ihren Fünfgangmenüs über Fast Food lustig machen. Dieses Verbot macht die U-Bahnen zur „Wellnessoase der Privilegierten“, so bramarbarsiert der Verfasser, es bedroht den Arbeiter mit „Kontrollverlust“ über sein eigenes Leben. Es wird Rassismus heraufbeschworen, Abstiegsängste werden als Menetekel an die Wand gemalt. Endlich wird auch ein Verursacher für den steigenden Hass in der Gesellschaft gefunden: Das Essverbot in der U-Bahn. Wie auch für Politikverdrossenheit. Irgendwie wird auch noch Klimawandelleugnung und die steigenden Mietpreise, sinkende Löhne und steigende Arbeitszeiten hineingeschwurbelt in die schriftliche Aufgeregtheit.

Was ich in der Liste heftig vermisse ist das Bienensterben und die Gentechnik, Glyphosat und Pegida – aber ach nein, die ist ja drin.

Ja, das sind die Sorgen eines Wieners. Er darf nicht mehr in der U-Bahn essen! (Wobei ja nur ermahnt, nicht einmal bestraft wird.) Hinweise auf Rücksichtnahme und auf eine eigenartige Definition der Freiheit, auf Höflichkeit und Empathie oder die Kosten von zwei Millionen Euro Reinigungskoten pro Jahr werden mit „Spießer!“ und „Kleinbürger!“ niedergeprügelt.

Aber auch unsere Politiker machen sich solch gravierende Sorgen. Ob man nicht endlich auf Autobahnen schneller fahren soll als 130? Ob die Polizei auf Pferden nicht viel besser dastünde? Oder ob Rauchen wie, wo und warum erlaubt oder verboten sein soll?

Unsere Sorgen möchte ich haben!

 

Unsere Gastautorin Elisabeth Hewson wechselte nach längerer Werbekarriere als Texterin und Creativ-Direktorin zur Gegenseite über und brachte ein Konsumentenmagazin heraus, nebenbei schrieb sie als Intendantin der Wiener Kinderoper im Konzerthaus Musical-Libretti. Sie lebte in London und im (für Wiener höchst ungemütlichen) Tirol, arbeitete dort für den ORF, nach Wien zurückgekehrt als freie Reisejournalistin für einige Österreichische Tageszeitungen. Auch etliche Bücher sind erschienen, querbeet von Gesundheits- und Kulinarik- bis Kulturthemen. Das aktuellste ist das „Bio Ketzer Buch“. Sie ist Mitglied bei den „Skeptikern“ und unterstützt sie beim Kampf gegen Humbug, von Homöopathie bis Rudolf Steiner.




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