Wer hat ein Existenzrecht?

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Israel wird 70 Jahre alt. Unser Autor, Zionist durch und durch, fügt hier den zwei gängigen Erzählungen zur Gründung des Staates eine dritte hinzu.

Im Wesentlichen gibt es, glaube ich, zwei Erzählungen, zwei Narrative, wie der Staat Israel entstanden ist.

Geschichte Nummer eins geht ungefähr so: Gott hat den Juden das Land Israel als ewiges Erbteil gegeben. Die Juden wurden aus ihrem Land vertrieben, aber nach dem Zweiten Weltkrieg hat Gott ein Wunder bewirkt, die Vereinten Nationen haben den Juden einen Teil des britischen Mandatsgebietes Palästina zugesprochen, und so sind die Juden – oder doch ein bedeutender Teil von ihnen – in das Land zurückgekehrt, das ihnen von der Bibel verheißen wurde.

Das Problem mit dieser Geschichte ist, dass man Jude oder fundamentalistischer Christ sein muss, um an sie zu glauben. Andere Leute (Muslimen zum Beispiel) können die Achsel zucken und sagen: Der Grundbucheintrag in der Heiligen Schrift der Juden ist uns wurscht. Im Koran steht etwas anderes.

Eine liberale Wiener Kaffeehausutopie

Geschichte Nummer zwei geht wie folgt: Die Juden brauchten nach dem deutschen Genozid – dem schlimmsten Genozid in der Geschichte – ein Stück Land, in dem sie für ihre Sicherheit selbst verantwortlich waren. (Bekanntlich haben die Alliiierten im Zweiten Weltkrieg nicht eine Bombe verschwendet, um den Juden zu helfen.) Aus historischen, also kontingenten Gründen konnte jenes Territorium, das die Juden selbst verteidigen, nirgendwo anders liegen als in der Urheimat. (Uganda hätte einfach nicht vermocht, genug Juden zu mobilisieren, um dorthin zu ziehen.) Ergo und folglich: Israel.

Das Problem mit diesem Narrativ ist, dass die Araber sagen können: Was geht uns das an? Klar, der Großmufti usw. usf. – aber im Großen und Ganzen war der Antisemitismus ein europäisches Problem, nicht unseres. Warum zahlen wir jetzt seit siebzig Jahren den Preis dafür?

Ich möchte hier ein drittes Narrativ anbieten, das weder etwas mit der Bibel noch mit Auschwitz zu tun hat, sondern einfach von dem ausgeht, was der Zionismus seinem Ursprung nach gewesen ist: eine liberale Wiener Kaffeehausutopie.

Nicht der erste, aber doch der wichtigste Zionist war bekanntlich Dr. Theodor Herzl, seines Zeichens Theaterredakteur bei der „Neuen Freien Presse“. Der Zionismus war ein schlechter Roman („Altneuland“), ehe er ein gutes Pamphlet wurde („Der Judenstaat“). Der Legende nach wurde Herzl zum Zionisten, weil er als Prozessbeobachter beim Dreyfus-Prozess kapierte: Die Gojm sind alle Antisemiten – und die Antwort ist, dass wir Juden einen Nationalstaat brauchen. Aber so war es nicht. Herzl hielt Hauptmann Dreyfus zumindest am Anfang für schuldig.

Holzwurm im Gebälk

Herzls prophetische Gabe war eine andere: Er hörte den Holzwurm im Gebälk der Donaumonarchie ticken. Er hatte Angst, dass dieses zivilisierte Gebilde zusammenbrechen – und die Juden hinterher in den Trümmern schutzlos dastehen würden. So ist es dann ja auch bekanntlich gekommen.

An dieser Stelle möchte ich einflechten, dass ich enorme Probleme mit dem Begriff „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ habe.

Erfunden wurde dieses angebliche Recht von Woodrow Wilson, einem amerikanischen Präsidenten, der zwar nicht ganz so verachtungswürdig war wie das Ding, das jetzt im Weißen Haus sitzt – aber doch ein Rassist und Verächter rechtsstaatlicher Normen. Das Konzept vom „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ wirft dann auch sofort erhebliche juristische Fragen auf. Was, bitte, ist eine Nation? Wieso dürfen die Liechtensteiner, die Katalanen aber nicht? Warum war es okay, den amerikanischen Südstaaten ihr Recht auf Selbstbestimmung mit Waffengewalt vorzuenthalten? Wenn ich anfange, im Namen des Selbstbestimmungsrechtes von Riverdale – dem Stadtteil, wo ich wohne – auf Beamte des New York Police Department zu schießen, bin ich dann ein Irrer oder ein Freiheitskämpfer?

Kriege und Massaker

Aber egal, wie ich persönlich über dieses Recht denke: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Woodrow Wilsons Konzept nun mal ins Völkerrecht eingeführt. Es sorgte in der ehemaligen Donaumonarchie und im ehemaligen Osmanischen Reich – wie jeder hätte voraussagen können – sofort für Kriege und Massaker. Und die Frage, welche der neugegründeten Nationen eigentlich ein „Existenzrecht“ hatte. Fragen Sie die Ungarn, fragen Sie die Rumänen. Fragen Sie die Serben und Kroaten. (Aber nicht zu laut.) Fragen Sie die Griechen aus Kleinasien – die eigentlich christliche Türken waren, Haschisch rauchten und ihr Türkisch in griechischen Buchstaben schrieben. Und brutal vertrieben wurden. Fragen Sie die Türken aus Salonika, einer osmanischen Stadt, die seit 1912 „Thessaloniki“ genannt und 1924 ethnisch gesäubert wurde. Unter den Türken, die damals rausflogen, befand sich ein großer Dichter namens Nazim Hikmet, der hinterher sein Heimweh ein Leben lang mit dem Kommunismus verwechselte. Er schrieb:

Ich wurde 1920 geboren
Nie bin ich in meine Heimatstadt zurückgekehrt
Ich liebe es nicht, zurückzuschauen
Manche Leute wissen alles über Pflanzen, manche wissen alles über Fische
Ich kenne den Abschied.

Ich fasse zusammen: Nachdem 1918 die alten humanen Imperien im Namen des „Selbstbestimmungsrechts der Nationen“ in Scherben gehauen worden waren, bekamen die meisten Stämme ihre eigenen idiotischen Nationalstaaten ab. Die Juden nicht. Ihnen war zwar noch während des Krieges in der „Balfour-Erklärung“ ein solcher Staat versprochen worden. Aber dieses Versprechen wurde erst dreißig Jahre und einen Völkermord später eingelöst. (Die Juden aus Thessaloniki wurden alle, alle, alle nach Birkenau deportiert, nur ganz wenigen gelang die Flucht; die meisten wurden dann von der Rampe weg vergast.) Das, nebbich, ist alles.

Das war es schon.

Gab es bei der Gründung des Staates Israel Kriegsverbrechen und ethnische Vertreibungen? Ja. (Benny Morris lesen.) Und?

Ich bin – wie man aus diesen Zeilen vielleicht herausliest – ein entschiedener, aber kein enthusiastischer Zionist. Mein Freund Benni Katzenelson, sel. A., einer der weisesten Menschen, die ich je kennengelernt habre – alter Kibbutznik, Lehrer, Sozialist – sagte mir mal: „Für die Juden war der Zionismus ein Gift. Aber ein notwendiges Gift. Wenn du Krebs hast, musst du dir halt Gift in die Venen fließen lassen, um gesund zu werden. Der Zionismus war das Gift, das dem jüdischen Volk das Leben gerettet hat.“




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com