Zionistischer Whisky Hannes Stein

Als hätte Single Malt mit einem Grappa gevögelt

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Neben der Sicherheit gibt es einen weiteren Grund, warum die Israelis die Golanhöhen nie wieder hergeben dürfen. Von dort kommt ein bezaubernder Whisky.

Damit das erstmal klar ist: Ich war immer für eine Zweistaatenlösung. Nicht aus Sympathie für den palästinensischen Nationalismus, sondern weil Israel nicht zugleich a) ein Staat mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit, b) eine Demokratie und c) im Besitz des Westjordanlandes und seiner arabischen Einwohner sein kann. (Es funktionieren die Kombinationen „a und b“, „b und c“ oder „a und c“; nicht jedoch „a, b und c“.)  Gleichzeitig war ich immer dafür, dass Israel den Golan annektiert. Und jedem, der anderer Meinung ist, habe ich immer nur eins gesagt: Fahr rauf! Der Blick von den Golanhöhen, die wie ein Balkon über Galiläa hängen – und von denen man zugleich bis in die Vororte von Damaskus schauen kann – sollte jeden auf der Stelle überzeugen: Wer diese strategische Höhe aufgibt, begeht potenziell Selbstmord.

Als ich neulich also in dem Laden in Riverdale, New York, in dem ich meine Alkoholika beziehe (Single Malts jeder Herkunft und Preislage; auch einen verdammt guten Arrak) einen Whisky von den Golanhöhen entdeckte – für sagenhafte 26 $ – schlug ich sofort zu. Nach Hause, entkorken, eine Nase nehmen: Aaaah! Es riecht sanft, es riecht süßlich – es riecht ein bisschen nach Karamelbonbon. Nicht nach Fusel. Schon mal gut. Einschenken, einen Schluck nehmen; was ist das?

Zionismus und Coke

Es ist ungewohnt. Es schmeckt nicht nach Malz, wie die süßeren Single Malts; es schmeckt nicht nach Torffeuer, wie die Islay Whiskys. Es schmeckt andererseits aber auch nicht nach Roggenbrot, wie die Bourbons, die ich (tja, so amerikanisch bin ich mittlerweile doch) schätzen gelernt habe. Es schmeckt wie irgendwas Merkwürdiges, ein Zwitter. War dies ein Fehlkauf? Werde ich den Rest der Flasche nur mithilfe von viel Zionismus und Coca Cola im Laufe der nächsten zehn Jahre in meinen Magen bekommen?

Mittlerweile habe ich ein bisschen gegoogelt und die Geschichte hinter dem Whisky entdeckt. Also: An diesem Getränkt ist ein sympathischer junger Mann namens David Zibell schuld, der in Frankreich geboren und in Kanada, Israel und den Vereinigten Staaten aufgewachsen ist. Er hat in Kanada mit Immobilien gehandelt und seine Karriere dann hingeschmissen, weil er sich in die Landschaft auf dem Golan verliebt hat. (Kann ich verstehen, es ist wunderschön dort oben. Noch ein Grund, den Golan nie aufzugeben!) Sein Whisky wird aus Malz und Roggen gebrannt, ist also wirklich ein Zwitter: nicht Bourbon, nicht Single Malt, sondern etwas ganz Neues.

Noch ein Schluck. Langsam beginnt mir die Sache zu gefallen. Man muss sich nur von der Vorstellung freimachen, wie Whisky zu schmecken habe: Es ist nicht so kräftig, wie ich mir einen Single Malt wünsche; es ist nicht so rustikal wie ein Bourbon, es ist … beim dritten Schluck habe ich es. Und stelle mir sofort das Gesicht meiner toten Freundin Sylke Tempel vor, die jetzt mit charmant-damenhaftem Grinsen das Verdikt abliefern würde: „Das schmeckt, als hätte ein Single Malt mit einem Grappa gevögelt.“

Tatsächlich, irgendetwas an diesem milden Whisky erinnert, so seltsam es klingen mag, an Trauben. Nein, gar nicht so schlecht. Wirklich. Sogar eher gut. Ein lieblicher Whisky! Wer hätte das gedacht. Ich werde also keine Coca Cola brauchen. Auch keine Extraportion Zionismus. Dumm nur, dass ich nicht weiß, wie ich Sylke jetzt eine Flasche davon in den katholischen Himmel schicken soll.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com