Aktivisten auf einer Fridays-for-Future-Demo in Berlin. © Jörg Farys / Fridays for Future (CC BY 2.0)

Wie Klima-Aktivisten auf die Ärmsten spucken

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Die Umweltbewegung inszeniert sich gerne als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. In Wirklichkeit sind den Aktivisten die Bedürfnisse der Arbeiter und Geringverdiener aber herzlich egal.

Tobt der Pöbel in den Gassen, ei mein Kind, so laß ihn schrei’n
Denn sein Lieben und sein Hassen ist verächtlich und gemein!
Während sie uns Zeit noch lassen, wollen wir uns Schönerm weih’n
Will die kalte Angst dich fassen, spül sie fort in heißem Wein!
Laß den Pöbel in den Gassen: Phrasen, Taumel, Lügen, Schein,
Sie verschwinden, sie verblassen – schöne Wahrheit lebt allein.

Dieses Gedicht von Hugo von Hofmannsthal, erinnert mich an die Klimaproteste. Der 16-jährige Hugo schrieb diese Zeilen am 1. Mai 1890 auf eine Visitenkarte seiner adeligen Eltern, während in Österreich-Ungarn der grösste Arbeiterprotest des Landes durch die Straßen marschierte. Es ist aber nicht der „Pöbel“, der mich an die Proteste der letzten Wochen denken lässt, sondern eher die arrogante Haltung des kleinen Aristokraten-Hugos, mit der er die Ärmsten in der Gesellschaft verspottet.

Kümmert ihr euch doch um den Pöbel!

Nehmen wir etwa die Forderung der Fridays-for-Future-Bewegung, Emissionen zu versteuern, um so schnell wie möglich die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Frankreich zeigte Ende 2018, wo das enden kann. Macrons Erhöhung der Benzinsteuer bekamen vor allem Geringverdiener zu spüren, die jeden Tag mehrere Stunden zur Arbeit pendeln müssen und für die der schöne Traum einer grünen Zukunft vor allem eines bedeutete: die Bedrohung ihrer Existenz.

Zwar zeigt sich die Umweltbewegung offiziell von solchen Schicksalen betroffen. So fordern die FFF-Aktivisten auf ihrer Homepage, dass die Klimaziele „sozial verträglich“ gestaltet werden und sie „keinesfalls zu Lasten von Menschen mit geringen Einkommen“ gehen sollten. Konkrete Lösungen bleiben die Aktivisten jedoch schuldig. Vielmehr schieben sie die Verantwortung auf die Regierungen, die „entsprechende Konzepte“ vorlegen sollen. Das Bündnis „Extinction Rebellion“ behauptet gar, dass es seit „Jahrzehnten genügend Lösungen und Ansätze“ geben würde, weswegen sich die Umweltschützer gar nicht erst den Kopf zerbrechen wollen. Kurz gefasst: Keine Ahnung, was wir mit dem Pöbel machen. Kümmert ihr euch doch drum!

Keine Ahnung von Politik …

Das Abgeben von Verantwortung, wenn man selbst nicht mehr weiterweiß, kommt in der Klima-Debatte häufig vor. Greta Thunberg und ihre Anhänger, der blauhaarige Musiker Rezo, aber auch manche Politiker verweisen dann häufig auf den absoluten Heilsbringer, der den Globus im Handumdrehen in eine grüne Oase verwandeln wird: „den Experten“. Motto: „Wir müssen nur auf die Experten hören, dann würde schon alles gut werden.“

Wäre es doch so einfach. Leider funktioniert so Politik nicht. Politiker vertreten die Interessen des Volkes. Wenn die Wähler lieber eine konservative Partei als eine Grüne Partei wählen, dann kann die konservative Partei nicht an den Interessen ihrer Wähler vorbeiregieren, nur, weil Wissenschaftler und Experten Zahlen auf den Tisch legen.

Das kürzlich verabschiedete Klimapaket der Koalition hat es gezeigt: Realpolitik ist mitunter zermürbend. Man muss verhandeln, Konflikte austragen, Kompromisse eingehen, Wählerinteressen berücksichtigen, komplexe Zusammenhänge verstehen und sich bessere Alternativen überlegen. Das macht keinen Spaß. Das ist anstrengend. Bequemer ist es, auf eine Demo zu gehen, gemeinsam Plakate zu malen, zu streiken, über SUVs und industrielle Landwirtschaft zu schimpfen und mit dem Finger auf einen klaren Schuldigen zu zeigen: „die Kapitalisten“, „die Industrienationen“, „die Regierungen“.

… und von Wirtschaft

„Wir stehen am Anfang eines Massensterbens und alles, was euch interessiert ist Geld und das Märchen vom ewigen Wirtschaftswachstum“, beschwerte sich Greta Thunberg auf der UN-Klimakonferenz in New York. Das ist genau das verschrobene Bild, das viele Linke, Grüne und Jugendliche von Politik haben: Der skrupellose Kapitalist, der aus reiner Profitgier die Erde ausbeutet, Arten ausrottet und den Regenwald abholzt.

Auch das entspricht nicht der Realität. Produkte mit einer hohen CO2-Bilanz werden nicht deswegen produziert, weil der gierige Kapitalist die Welt brennen sehen will, sondern, weil es eine große Nachfrage nach günstiger Ware gibt. Der Konsument bestimmt den Markt. Nicht der Kapitalist. Und der Konsument lebt weltweit – vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern – in fataler Armut und steht deswegen auf billige und somit dreckigere Produkte.

Man fragt sich, ob Greta solche Zusammenhänge nicht verstehen kann oder ob sie es nicht will. Stattdessen hielt sie auf der Konferenz in New York einen Vortrag, der an eine schlechte Szene aus einem kitschigen Hollywood-Drama erinnerte. „Wie konntet ihr nur!“ schluchzte sie mit Tränen in den Augen und behauptete, dass man ihr die Kindheit geraubt hätte.

Es ist ironisch: Die Grünen regen sich gerne über den Populismus der Rechten auf – dass man eine Masse mit Emotionen anheizt –, dabei macht Greta Thunberg genau dasselbe. In beiden Fällen wird durch Endzeitszenarien Angst verbreitet und dadurch Hass auf eine Gruppe geschürt: Bei der AfD sind es die Flüchtlinge, die Deutschland in den Abgrund treiben; bei Greta sorgen die Industrienationen mit ihrer Profitgier für den Untergang. Dass nur wohlhabende und am Profit interessierte Staaten genug Geld haben, das sie dann auch für Klimaschutzmaßnahmen ausgeben können, kommt Greta und ihren Anhängern nicht in den Sinn.

Wie weit diese Ignoranz gehen kann, zeigte ein Sharepic, das die Tagesschau nach den weltweiten Klimaprotesten auf Instagram postete: Zu sehen waren junge Aktivistinnen in Kabul, die für eine grüne Zukunft demonstrierten. Protest fürs Klima in einem von Terror, Armut und Korruption geprägten Land also, das so brachliegt, dass es nicht mal in 50 Jahren an Maßnahmen für den Klimaschutz denken kann.

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An den weltweiten Demonstrationen gegen die Erderwärmung haben sich am Freitag sogar Jugendliche in Kabul beteiligt. In der afghanischen Hauptstadt gibt es fast täglich Terroranschläge. Trotzdem demonstrierten dort viele junge Leute mit Plakaten, auf denen unter anderem stand: „Bestreitet nicht länger, dass unser Planet stirbt“ und „Kleine Hände können die Welt verändern“. Andere forderten, die Waffen niederzulegen und aufs Fahrrad umzusteigen. Der kleine Demonstrationszug wurde von Soldaten mit Schnellfeuergewehren geschützt. Die Menschen in Kabul leiden nicht nur unter den ständigen Terroranschlägen mit Hunderten Toten und Verletzten. Die Stadt erstickt auch am Smog, vor allem wegen der vielen Kohleöfen. Arme Menschen heizen zudem mit Plastikmüll. Der gefährliche Feinstaub übersteigt die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gesetzten Werte um ein Vielfaches. #tagesschau #klimastreik #fridaysforfuture #afghanistan

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Verachtung der einfachen Leute

Vor einem Jahr saß ich einmal am Berliner Landwehrkanal neben einer türkischen Mutter, die mit ihrem kleinen Sohn in der Sonne die Schwäne fütterte. Beide waren ärmlich gekleidet, wahrscheinlich kamen sie gerade so über die Runden. Das war in diesem Moment aber egal, denn es ging zärtlich zu zwischen den beiden, sie hatten Spass. Plötzlich schritt eine blonde Frau mit Jack-Wolfskin-Jacke und einem Alnatura-Jutebeutel auf die Mutter zu und schnauzte sie an: „Wissen Sie denn nicht, dass man die Schwäne nicht füttern darf? Die können daran sterben!“ Dann inspizierte die Tierschützerin die Plastiktüte mit den Brotkrümeln und schrie so laut, dass selbst die umstehenden Parkgänger aufsahen: „Auch noch Nachos! Sind Sie wahnsinnig?!?“

Das ist für mich der Inbegriff des grünen Bildungsbürgertums: Die Verachtung gegenüber den einfachen Leuten und, dass man den Umweltschutz und die sentimentale Verbundenheit zu irgendwelchen Tieren über das Wohl und den Respekt vor den Ärmsten in der Gesellschaft stellt.

„Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie eben Kuchen essen“, soll Marie-Antoinette über ihr hungerndes Volk gesagt haben. Nichts anderes dürften die Menschen mit niedrigen Einkommen verstehen, wenn Umweltaktivisten höhere Benzinpreise und teurere Flüge verlangen und gleichzeitig die Leute auffordern, in E-Autos, neue Heizungen, Bio-Produkte und teuren Ökostrom zu investieren. 

Es ist das Wegsehen vor den wirklichen Problemen, die Ignoranz des Bildungsbürgertums gegenüber den Ärmsten und Schwächsten in unserer Gesellschaft, die die AfD gerade so stark machen. Die Umweltbewegung verhält sich wie der kleine Hugo, der in seiner luxuriösen Altbauwohnung sitzt, Gedichte schreibt, teuren Wein trinkt und auf den Pöbel spuckt. Lange wird er sich das nicht mehr gefallen lassen.




Judith Sevinç Basad studierte in Stuttgart und Berlin Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literatur. Sie schreibt für Tagesspiegel Causa, WELT und FAZ über Feminismus, den Islam und Antisemitismus. In der Initiative „Liberaler Feminismus“ setzt sie sich für einen freiheitlichen Feminismus ohne Sprechverbote ein. Sie arbeitete für die von Seyran Ateş gegründete Ibn Rushd-Goethe Moschee in Berlin-Moabit, die einen liberalen und geschlechtergerechten Islam praktiziert. Im Moment lebt sie in Zürich und volontiert im Feuilleton der NZZ.