Eine Lachs-Rose verschönt jeden Sushi-Teller. Doch sollte man sie auch essen? Foto: Blu3d/Wikipedia CC BY-SA 3.0

Greenpeace bastelt eine Kampagne – und alle machen mit

Greenpeace hat den Futtermittelzusatz Ethoxyquin in Fisch gefunden. Die Medien übernehmen die Pressearbeit der NGO.

Wer vorhat, seiner Familie zu Weihnachten leckeren Lachs zu servieren, könnte den Angehörigen auch gleich Strychnin in den Kaffee kippen. Diesen Eindruck kann man zumindest aus einer Fülle von Schlagzeilen aus den vergangenen Tagen gewinnen: „Diese Fisch-Produkte sind mit Chemikalien belastet“, „Pflanzengift in Lachs, Dorade & Co“., „Verbotenes Pflanzenschutzmittel im Fisch“, „Wie viel Chemie steckt im Weihnachts-Lachs der Deutschen?

Hinter den Schlagzeilen steht eine Untersuchung von Greenpeace. Die Umweltschützer haben Speisefisch aus dem Supermarkt auf Ethoxyquin getestet. Dabei handelt es sich um ein Antioxidans, das Futtermitteln beigesetzt wird, um die darin enthaltenen Vitamine zu konservieren. Für diese Anwendung ist die Substanz als Futtermittelzusatzstoff E 324 zuglassen. Früher wurde es auch im Obstanbau verwendet: Äpfel wurden in ein Ethoxyquin-Bad getaucht, um Schalenbräune zu verhindert. Seit 2011 ist diese Anwendung als Pflanzenschutzmittel nicht mehr erlaubt.

Für Fleisch gibt es einen Grenzwert von 50 Mikrogramm Ethoxyquin pro Kilogramm. Allerdings hat Greenpeace nicht Fleisch untersucht, sondern Fisch, und dort gibt es keinen Grenzwert. Schon deswegen ist die in vielen Artikeln zu lesende Behauptung, bei den untersuchten Fischen sei der zulässige Grenzwert überschritten worden, falsch. Hier wurde schlicht der Grenzwert von Fleisch verwendet. Doch der soll vor allem sicherstellen, dass Schweinezüchter ihre Tiere nicht mit Fischfutter mästen. Um das nachzuweisen, hätte man allerdings Schweinefleisch beproben und sich dann womöglich damit abfinden müssen, dass die Grenzwerte eingehalten werden.

Stattdessen wird kurzerhand der Fleisch-Grenzwert auf Fisch übertragen – und anschließend seine Übertretung moniert. Aus Sicht von Greenpeace ist das verständlich. Ebenso verständlich wie der Bezug auf die ausgelaufene Zulassung als Pflanzenschutzmittel statt auf die weiterhin bestehende als Zusatzstoff bei Futter. Mit der Überschrift: „Skandal! Erlaubte Mengen eines zugelassenen Futtermittelzusatzstoffes in Fisch gefunden“ kann man nun mal keine Kampagne starten.

Wie Greenpeace und Co. ihre Kampagnen aufziehen, dürfte bekannt sein und niemanden überraschen. Erschreckend ist vielmehr, dass sehr viele Journalisten offenbar gar nicht mitbekommen (oder womöglich kein Problem damit haben), dass sie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Greenpeace übernehmen. Bestes Beispiel ist der Artikel von n-TV, der sogar noch einseitiger ist als die Pressemitteilung der NGO selbst.

In den meisten Artikeln erfährt man wenig bis nichts über den Grund der Skandalisierung. Es reicht schon, dass „Chemie“ im Essen gefunden wurde. Dabei liefert die Publikation von Greenpeace durchaus genug Ansatzpunkte für eine eigene Recherche. Da wird beispielsweise auf Tierstudien verwiesen, die ein Gesundheitsrisiko nahelegen.

In diesen Studien haben sich Hunde als die empfindlichsten der getesteten Säugetiere erwiesen. Bei einer Tagesdosis von 10 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht des Tieres über einen längeren Fütterungszeitraum wurden Leber, Nieren und Schilddrüse geschädigt. Bei Ratten trat der Effekt bei 200 Milligramm pro Kilogramm ein.

Wenn man nun Hunde für den Menschen als Vergleich heranzieht und außerdem vom höchsten im Fisch gefundenen Wert von 881 Mikrogramm (also 0,881 Milligramm) pro Kilogramm Lachs ausgeht, was bedeutet das dann für das Lachsgericht zum Weihnachtsfest? Es braucht kein Chemiestudium, um das auszurechnen. Dafür reicht ein simpler Dreisatz: Ein 60 Kilogramm schwerer Mensch sollte demnach grob gerundet täglich keinesfalls mehr als 600 Kilogramm von diesem Extremfisch essen. Eine solche Rechnung sucht man in den Artikeln zum Thema vergebens.

Eines muss hier betont werden: Die von Greenpeace angeführten Tierstudien rechtfertigen durchaus eine erneute Überprüfung der Risiken von Ethoxyquin für den Menschen. Dass der sorglose Umgang mit der Substanz als Pflanzenschutzmittel im Obstbau untersagt wurde, ist wahrscheinlich richtig. Doch Greenpeace geht es ganz offensichtlich nicht um eine abwägende Betrachtung von Nutzen und Gefahren des Einsatzes.

Denn wie so oft ist die Sache nicht so einfach und eindeutig, wie sie auf den ersten Blick scheint oder wie Kampagnen wie die von Greenpeace sie erscheinen lassen. Ethoxyquin schützt nicht nur Fischmehl vor der Selbstentzündung durch Oxidation – weshalb sein Einsatz bei langen Transporten per Schiff sogar gesetzlich vorgeschrieben ist. Als Antioxidans wird die Substanz auch auf eine potenziell krebshemmende Wirkung untersucht. Studien mit Ratten haben gezeigt, dass Ethoxyquin diese vor durch Aflatoxine verursachtem Leberkrebs schützt. Diese Pilzgifte sind natürliche Karzinogene, die vor allem in Getreide vorkommen.

Solche Informationen wird man bei Greenpeace aufgrund der klaren Absicht natürlich nicht finden. Die NGO hat ihre Studie gezielt so aufgebaut, dass sie den Rahmen für eine Verbotskampagne liefert. Selbst wenn man am Ende dieses Ziel teilt, Aufgabe kritischer Journalisten wäre es, die Hintergründe diese Kampagne offenzulegen und zu hinterfragen, und nicht der PR-Abteilung von Greenpeace die Arbeit abzunehmen.

 




Johannes Kaufmann hat schon vieles gemacht. Zum Beispiel Chemie studiert, eine Karriere als Profifußballer angestrebt und eine Doktorarbeit über israelische Militärgeschichte geschrieben. Außerdem hat er vieles nicht zu Ende gemacht. Zum Beispiel sein Chemiestudium, die Karriere als Profifußballer oder seine Doktorarbeit. Mit Umwegen über Uni, Israel, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt etc. ist er mittlerweile als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung gelandet, wo er besonders gern über Agrarforschung, Lebensmittelsicherheit, Infektionsforschung, Gentechnik und Kometenlanderoboter schreibt.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com