Dresden bei Nacht © Nikater, Dresden bei Nacht, CC BY-SA 3.0

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen

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Desaströse Wahlergebnisse im Osten? Rufe nach einer neuen Mauer zwischen Ost und West sind mehr als nur kontraproduktiv – demonstrieren sie dem Ossi doch erst richtig, dass er vermeintlich nur Deutscher von Wessis Gnaden ist, schreibt Franziska Holzfurtner.

Sachsen hat Deutschland einen rechten Haken verpasst, da lässt sich nichts daran schönreden. Mit 27 Prozent ist die AfD in diesem Bundesland bei der Bundestagswahl stärkste Kraft geworden.

Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten: Ähnlich wie dies bereits bei anderen Fällen von Rechtsradikalismus im Osten geschehen ist, werden nun wieder Menschen als Ossis beschimpft. Besonders der Witz, man möge sich der unliebsamen Bundesländer doch durch Rückgängigmachen der Wiedervereinigung entledigen, ist populär.

Einer meiner Bekannten aus dem Ruhrgebiet fragte zum Beispiel, „[…] ob es doch wieder Zeit ist für einen ‚antifaschistischen Schutzwall’“, und er steht damit erschreckenderweise nicht alleine. Auch der Kanzlerkandidat der Partei, Serdar Somuncu, erklärte, er würde sich im Kontext des positiven Ergebnisses für die AfD noch mehr für die Wiederrichtung der Mauer einsetzen. Der Mediendirektor des Erzbistum Kölns schließlich, im Gegensatz zu Somuncu und meiner Bekanntschaft nicht in seiner Funktion als hauptamtlicher Hanswurst unterwegs, schlug gar einen Tausch Sachsens gegen den Atommüll Tschechiens vor und bedient damit vage Ostblock-Klischees. Die Tschechen haben sich gewiss auch gefreut.

Betrachtet man die Sache nüchtern, ist das alles andere als lustig. Es ist die Drohung, einen ganzen Bevölkerungsanteil von der demokratischen Teilhabe auszuschließen, die für sie das Ende einer Regierung bedeutete, die sie bespitzelte, einsperrte, ermordete. Die Eigenleistung Ostdeutschlands in der Beseitigung dieses Regimes wird negiert, die so tränenreiche Umarmung der beiden Staaten nach dem Fall der Mauer zur Makulatur. Kurz: Die vermeindlichen Scherzkekse demonstrieren dem Ossi so richtig, dass er in ihren Augen Deutscher von Wessis Gnaden ist.

Wer eine solche Perspektive hat, in dessen Kopf ist die Wiedervereinigung immer noch nicht vollzogen und für den gibt es anscheinend Völker, die von Natur aus dümmer und hasserfüllter sind als andere. Menschen, die hinter eine Mauer gehören. „Die da“, die ganz sicher nicht „wir“ sind. Damit ist der Fall für sie erledigt.

Eine traumatisierte Gesellschaft

Wer hingegen Deutschland als eins denkt, der muss auch das politische Versagen des Ostens als unser gemeinsames Versagen wahrnehmen und der muss anerkennen, dass die Menschen aus dem Osten nicht besonders dumm sind, sondern in der Hauptsache anders sozialisiert. Neben der unzureichenden Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit dürfte einer der Gründe für das vom Durchschnitt so stark abweichende Wahlverhalten der „neuen“ Bundesländer vor allem in der politischen Traumatisierung zu DDR-Zeiten liegen.

Denn die Vorwürfe und die Paranoia der AfD projizieren oft reale Verhältnisse der DDR auf die heutige Regierung. Autokratische Eliten, Denunziantentum, Einfluss ausländischer Mächte bis in die Wirtschaft hinein, Wahlbetrug, lügende Politiker: Ehemaligen Bürgern der DDR fällt es so leicht, in die AfD-Denke einzustimmen, weil sie das Bild von Politik widerspiegelt, mit dem sie aufgewachsen sind. Sie sind immer noch im Widerstand, so wie ein Veteran mit PTSD mental den Krieg nicht loswird. Es wäre abenteuerlich zu glauben, dass das in einer Generation überwunden werden könnte.

Gemeinsames Schicksal, gemeinsame Verantwortung

Die Trennung war das gemeinsame Schicksal von West und Ost. Ihre Folgen sind ebenfalls unser gemeinsames Schicksal und unsere gemeinsame Verantwortung. Wir können aufeinander ruhig zornig sein, aber wir dürfen angesichts dessen niemals erwägen, einander im Stich zu lassen.

Denn während manche im Westen den Osten vielleicht gerne wieder los wären, wollen die allermeisten Menschen aus der ehemaligen DDR wirklich gerne ein wertvoller Teil Deutschlands sein. Auch die AfD will das, in schrecklich fehlgeleiteter Form.

Es gibt so viele „Ossis“, die sich nicht entmutigen lassen. Die vollkommen unauffällig unsere Senioren pflegen, unsere Busse fahren, unsere Bürokomplexe putzen, unsere Unternehmen leiten, unsere Kinder unterrichten, in unseren Konzertsälen spielen und unser Land regieren.

Sie lassen mich fest an den Erfolg der Wiedervereinigung glauben. Selbst dann, wenn ich die menschenverachtenden Einlassungen meiner Mit-Wessis lese.




Franziska Holzfurtner studierte Religionswissenschaft in München mit einem Schwerpunkt auf Säkularisierungsgeschichte. Sie promoviert dort derzeit zu theologischen Konzepten im Weltbild der zeitgenössischen Umweltbewegung. Sie ist mit Leib, Seele und Verstand ihrer bayerischen Heimat zugetan, ihre Hood ist Milbertshofen. Sie ist derzeit Stipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com