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Als New York noch ein Kaff war

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Zufällig stieß unser Autor auf ein wunderbares Buch, das im 18. Jahrhundert spielt. Es ist zum Niederknien gut geschrieben und auch noch hochaktuell.

Ich habe die letzten Tage unter anderem damit verbracht, einen großartigen Roman von Francis Spufford zu lesen. Der Roman heißt „Golden Hill“. Francis Spufford – ein Engländer, ein kluger Kopf, ein gläubiger Christ, der mit einer anglikanischen Priesterin verheiratet ist – war mir aufgefallen, weil er ein höchst merkwürdiges, höchst amüsantes Buch mit dem Titel „Red Plenty“ geschrieben hatte. Ein Zwitter: nicht Sachbuch, nicht Roman, sondern eine Mischung aus beidem. „Red Plenty“ handelt von jenem Moment in der Geschichte der Sowjetunion, als es unter Nikita Chruschtschow ganz kurz so aussah, als ob die Tyrannei zu einem glücklichen Ende finden könnte: als ob es der sozialistischen Planwirtschaft mittels einer mathematischen Wunderformel tatsächlich gelingen könnte, den Westen ökonomisch einzuholen und zu überholen. Natürlich endete das Ganze in einem haarsträubenden Desaster.

„Red Plenty“ ist dermaßen wunderbar geschrieben – in einem metaphernschönen Stil, dessen Autor ganz offenbar bei Meister Nabokov gelernt hat –, dass ich Lust bekam, mehr von diesem Francis Spufford zu lesen. Nun also: „Golden Hill“.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Zu einer Zeit, als New York noch ein holländisch-englisches Dorf von 7000 Seelen unter der Herrschaft von König George in Manhattan ist, taucht dort eines Tages ein ominöser Mr. Smith auf. Mr. Smith hat einen Schuldbrief dabei, der ihn berechtigt, bei der Firma von Mr. Lovell 1000 englische Pfund abzuheben. Lovell weiß nicht, ob er dem Fremdling trauen kann; ob der Schuldbrief echt ist. Mit anderen Schiffen sollen weitere Briefe eintreffen, die die Echtheit des Schuldbriefes bestätigen. In der Zwischenzeit wartet Mr. Smith. Er schweigt darüber, was er mit dem Geld anfangen will. Er schweigt über seine Herkunft. Naturgemäß gehen in dem Kaff New York bald die wildesten Gerüchte über ihn um: Er sei ein Betrüger, ein französischer Spion, ein türkischer Zauberer. Auf die simple Wahrheit – dass Mr. Smith und sein Schuldbrief etwas mit dem schmutzigen Geheimnis zu tun haben könnten, das die weiße Gesellschaft von Manhattan zusammenbindet – kommt natürlich kein Mensch.

Künstlerische Allegorien

Frances Spufford hat mit großem und erkennbarem Spaß einen Abenteuerroman nach dem Vorbild von Henry Fielding und Lawrence Sterne geschrieben. Er lässt seinen Helden also eine Prüfung nach der anderen bestehen. Am Anfang wird Mr. Smith erstmal Opfer eines „mugging“ (schließlich sind wir in Manhattan), dann wird er von der Gesellschaft hofiert, dann landet er im Gefängnis, dann steht er auf der Bühne und wird gefeiert, schließlich landet er – in bester Tom-Jones-Tradition – mit einer älteren Frau im Bett; aus Versehen verwundet er einen Freund beim Duell tödlich und landet beinahe am Galgen. Und am Ende geht doch alles gut aus, oder beinahe alles, und der Held beweist, dass er trotz aller Verfehlungen ein gutes Herz hat.

So weit, so traditionell. Meisterhaft ist aber, wie Francis Spufford diesen vertrauten Plot mit dem Thema der Sklaverei verbindet. Vom Ende her gesehen, wenn wir die Auflösung kennen, verstehen wir, dass sich von Anfang an alles um diesen moralischen Skandal gedreht hat und alles andere nur Beiwerk war.

In der Gefängnisszene steckt Francis Spufford seinen Helden in die Nachbarzelle von einem verkommenen Wrack: Der Zellennachbar von Smith ist ein stinkender Säufer, der sich, als eine schwarze Frau auftaucht und Smith Essen bringt, sofort vor ihr entblößt und sich ganz offen einen runterholt, um dann genüsslich zu erzählen, wie er einen schwarzen Freund an die Obrigkeit verraten und übers Rad gebrochen hat. Dieser Mithäftling ist eine Allegorie, er ist der personifizierte Rassismus in all seiner Widerwärtigkeit. Eigentlich pflegen Allegorien künstlerisch immer schiefzugehen. Spuffords Roman ist aber so gut, dass er auch das locker aushält.

Und die Sprache! Die Sprache, die Sprache! Offenkundig wurde der Roman von jemandem geschrieben, der sein Thema so lange recherchiert hat, bis er in ihm zuhause war – bis ihm der Stil des 18. Jahrhunderts der eigene war. Ebenso offenkundig ist Francis Spufford ein Schriftsteller, dem die Metaphern nur so zufliegen: Es gibt Bücher, deren Seiten man umfetzt, weil sie so spannend sind; dieses hier nicht. Die Spannung ist sehr groß, aber ich habe beim Lesen trotzdem immer wieder innegehalten, weil die Bilder, die Spufford mit Wörtern malt, so schön sind. Und am Ende, wie gesagt, handelt „Golden Hill“ von dem moralischen Schlamassel, in dem wir Amerikaner immer noch stecken und aus dem wir vielleicht nie herausfinden.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".