Ein Häretiker muss sich der Inquisition stellen Wellcome Library, London (CC BY 4.0)

Es lebe die Inquisition

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Leider gibt es keinen Wettbewerb für den reaktionärsten Essay des Jahres. Gäbe es einen, so würde unser Autor versuchen, mit folgendem Beitrag den ersten Preis zu gewinnen.

Zu den vielen Verbrechen, für die sich die katholische Kirche verantworten muss, gehört nach landläufiger Meinung die Inquisition. Das ist grundfalsch und basiert vor allem auf Fehlinformationen über diese ehrwürdige Einrichtung. So glauben viele Leute, die Inquisition sei für die Hexenprozesse der frühen Neuzeit verantwortlich gewesen. Unsinn! In Gebieten, wo die Inquisition besonders stark war, in Spanien etwa, gab es nicht einen Hexenprozess. Der Hexenwahn wurde nicht von der kirchlichen (oder irgendeiner anderen) Obrigkeit angeordnet. Es handelte sich um eine authentische Massenbewegung, die von der Obrigkeit nur mühsam im Zaum gehalten wurde. Es gab diese Massenbewegung übrigens nicht nur in katholischen, sondern auch in protestantischen Ländern; auch in Schweden wurden angebliche Hexen und Hexer hingerichtet.

Die Inquisition kümmerte sich überhaupt nicht um diesen mörderischen Unsinn. Sie hatte auch nichts mit antisemitischen Ausschreitungen zu tun, da Juden dem Kirchenrecht überhaupt nicht unterworfen waren. Die Inquisition kümmerte sich ausschließlich um Häretiker. Dass sie bei ihren Ermittlungen die Folter anwandte, war nichts Besonderes – auch weltliche Gerichte griffen auf das Mittel der Folter zurück. Das Besondere war, dass die Inquisition, wenn sie folterte, einen Arzt bereitstellte, der darauf zu achten hatte, dass ihre Diener nicht allzu sehr folterten. Das war immerhin ein Fortschritt.

Dann glauben viele Kirchenkritiker, die Inquisition habe Galileo Galilei auf dem Gewissen. Das kommt vermutlich daher, dass sie seinen Fall nicht kennen. Das Neue an Galileo war nicht, dass er behauptete, die Erde bewege sich um die Sonne – das hatte vor ihm auch schon der polnische Mönch Kopernikus getan, und dem war bekanntlich überhaupt nichts passiert. Das Neue war, dass Galileo behauptete, er könne dies beweisen. Was war nun sein Beweis? Nicht die Jupitermonde, wie Brecht in seinem berühmten Theaterstück nahelegt. Nein, Galileo hielt die Gezeiten für einen Beweis. Er stellte sich vor, dass die Meere durch die Bewegung der Erde überschwappen, so wie ein Teller Suppe überschwappt, den man durch einen Raum trägt. (Eigentlich hätte er es besser wissen müssen, da er in Pisa in der Nähe des Meeres geboren worden war. Jeder Küstenbewohner ahnt zumindest, dass die Gezeiten irgendwas mit dem Mond zu tun haben.) Der damalige Papst Urban VIII., der eigentlich Maffeo Barberini hieß, Mathematiker war und etwas von den Wissenschaften verstand, hielt Galileos Beweis für Stuss. Recht hatte er. Galileo wurde dann auch keineswegs gefoltert, wie manche glauben. Ihm wurden lediglich „die Instrumente gezeigt“, ein nach damaligem Rechtsverständnis völlig normaler Vorgang. Es gibt übrigens keinen Hinweis, dass Galileo jemals etwas Anderes war als ein gläubiger Katholik.

Wurscht, wer sich um wen dreht

Letztlich war der Inquisition völlig wurscht, ob sich die Erde um die Sonne dreht oder ob es sich andersherum verhält. Die katholische Kirche war zu keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte bibelfundamentalistisch: Der Grund, warum sie zur Zeit Galileos am ptolemäischen Weltbild festhielt, war einfach der, dass es so bei Aristoteles stand. Der galt noch in der Renaissance als höchste wissenschaftliche Autorität – übrigens nicht nur bei den Christen – und man brauchte eine ziemlich lange Brechstange, um ihn auszuhebeln.

Worum es der Inquisition hauptsächlich ging, war das Monopol, die Heilige Schrift auszulegen. Dieses Monopol hatte die Kirche, versteht sich; noch am Anfang des 20. Jahrhunderts brauchte ein guter Katholik einen Dispens vom Papst, wenn er auf eigene Faust in der Bibel herumlesen wollte. Die Kirche fürchtete das Schlimmste, wenn jeder Hans und Franz sich ohne Anleitung der Heiligen Schrift bemächtigte. Dieses Schlimmste ist dann bekanntlich auch eingetreten. Der Dreißigjährige Krieg war die größte Katastrophe, die Europa vor dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Massenmord, Pest, Hungersnot – manche Gebiete in Deutschland verloren zwei Drittel ihrer Einwohner. Ohne einen häretischen Mönch namens Martin Luther wäre es nicht dazu gekommen. Im Rückblick muss man sagen: Die Druckerpresse war das größte Mordwerkzeug der Geschichte. Ohne Luther keine Reformation, keine Bibelübersetzung; ohne Druckerpresse keine Möglichkeit, diese Bibelübersetzung und 1001 papstfeindliche Traktätchen unters Volk zu bringen. Das Problem besteht letztlich darin, dass man aus der Bibel alles herauslesen kann. Und so ist aus der Bibel dann auch alles herausgelesen worden. Die Schreckensherrschaft der bibelgläubigen Wiedertäufer in Münster nahm im Kleinformat schon die Exzesse der Kommunisten des 20. Jahrhunderts vorweg.

Wenn es einen Heiligen der Atheisten gibt, so ist dieser Heilige ein gewisser Giordano Bruno, der am 17. Februar 1600 in Rom auf Betreiben der Inquisition verbrannt wurde. Schauen wir ihn uns genauer an, diesen Heiligen! Ohne Zweifel war Giordano Bruno ein Genie. Er war erst Dominikaner, dann Calvinist, landete am Schluss bei einer Art Privatpantheismus: Er lehrte, dass das Weltall unendlich sei, dass es weder Anfang noch Ende habe, dass es tausende Sonnen wie unsere Sonnen gebe, dass kein Jenseits existiere, in das die unsterblichen Seelen eingehen. Giordano Bruno war außerdem so ziemlich das Gegenteil eines Feministen. Man müsste Frauen „auf der Welt für nutzloser als einen giftigen Pilz halten, der die ganze Erde bedeckt, und für störender als eine Giftpflanze oder Viper, die den Kopf aus dem Boden streckt“, schrieb er, wenn Frauen nicht über die Fähigkeit verfügen würden, Kinder zu gebären. Das geht weit über den Antifeminismus hinaus, der zu jener Zeit üblich war; es handelt sich hier um pathologischen Hass. Giordano Bruno war ferner auch Antisemit – wohlgemerkt handelte es sich bei ihm nicht um christlichen Antijudaismus, schon aus dem Grund, dass Bruno kein Christ war. „Die Juden sind eine so pestilenzialische, aussätzige und gemeingefährliche Rasse, dass sie schon vor ihrer Geburt ausgerottet zu werden verdienen“, schrieb er. Auch diese Ausrottungsphantasien gehen weit über das damals Übliche hinaus. Kein Wunder, dass Alfred Rosenberg, der Chefideologe der Nazis, sowie Adolf H. höchstselbst diesem geistigen Vorfahren ihren tief empfundenen Respekt bezeugten.

Wie das Netz…

Eigentlich gibt es an der Inquisition nur eines zu kritisieren: dass sie leider nicht genug Ketzer verbrannt hat. Wie viel wäre der Welt erspart geblieben, wenn die Kirche es geschafft hätte, bis ins 20. Jahrhundert die unbestrittene Schirmherrin der Künste und der Wissenschaften zu bleiben! Kein „wissenschaftlich begründeter Rassismus“, kein Sozialdarwinismus, keine Eugenik, keine Euthanasie – alles zutiefst unkatholische Lehren. Keine „Protokolle der Weisen von Zion“! Kein „Manifest der kommunistischen Partei“! Ab, ab, ab auf den Scheiterhaufen!

Bevor die fünf katholischen Fundamentalisten unter den Lesern der Salonkolumnisten vor Begeisterung einen kollektiven Orgasmus bekommen, muss ich gestehen, dass ich das alles nur halb ernst meine. Es ging mir ja, wie eingangs vermerkt, nur um den 1. Preis für reaktionäre Essayistik. Allerdings sind alle historischen Fakten, die ich anführe, echt, und die Zitate stimmen selbstverständlich auch. Trotzdem denke ich irgendwie nicht, dass man Leute verbrennen, ihrer Meinung wegen ins Gefängnis stecken, ins Exil treiben soll. Auch Antisemiten und Frauenfeinde nicht. 

Nur bin ich manchmal ein bisschen verzweifelt wenn ich über das Internet nachdenke, das auf seine Art so revolutionär ist wie die Erfindung des Johannes Gutenberg aus dem Jahr 1450. Vielleicht sogar noch revolutionärer. Heute verbreitet sich jede Wahrheit mit Lichtgeschwindigkeit, aber eben auch, nebbich, jede Lüge. Ohne Internet wäre Derek Chauvin, der Mörder von George Floyd, nie und nimmer verurteilt worden. Aber ohne Internet wären auch die Aufrufe zum Genozid an den Royhingia nicht so populär geworden. Das Internet vernetzt uns global, aber es splittert uns auch in verschiedene elektronische Stämme auf, die in unterschiedlichen geistigen Welten leben und sich nicht einmal mehr darüber einigen können, ob die Erde eine Kugel oder eine Scheibe ist. Hier noch ein historischer „fun fact“: Es gibt keinen Beweis dafür, dass irgendein Idiot im Mittelalter gedacht hat, die Erde sei flach. Die größte Zahl von Leuten, die an die „flat earth theory“ glauben, lebt heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts – und zwar dank YouTube, das die Verschwörungstheorie verbreiten half, „die da oben“ enthielten den Menschen „die Wahrheit“ über die Natur des Universums vor. 

Die Inquisition hätte zumindest nicht geduldet, dass solcher Dünnpfiff im Namen der Kirche gelehrt wird. (Die „flat earth theory“ steht nicht bei Aristoteles.) Wo, ach wo ist sie, wenn man sie mal braucht?




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".