Für Krieg nicht gemacht: Prolog, AKW Riwne 2014/15

In den Jahren 2013 bis 2015 arbeitete ich für meine Habilitationsschrift als industrial anthropologist im Kernkraftwerk Riwne, in der nordwestukrainischen Atomstadt Warasch. Tagsüber lief ich als Beobachterin mit den Betriebsschichten mit, abends schrieb ich am Küchentisch und auf dem Balkon meiner Plattenbauwohnung die ersten Kapitel meiner Arbeit, vorm Fenster sechs dampfende Kühltürme. Damals tobte der erste russische Krieg in der Ostukraine, von dem wir heute wissen, dass er nur der Auftakt zu einem noch schrecklicheren flächendeckenden Angriffskrieg war. 

Ich erinnere mich noch an eine Szene aus der Zeit des Kampfes um Mariupol im Frühsommer 2014. Wir saßen im Block 2 auf der Kraftwerkswarte, um uns herum das Summen der Lüftungsanlagen und das Vibrieren der Turbinen, das aus dem Maschinenhaus zu uns drang, der typische Sound eines ukrainischen AKW-Kontrollraums. Wir unterhielten uns darüber, wie es nun weiterginge. Der Schichtleiter hatte seine Mutter in Mariupol und überlegte, ob er mit dem Auto losfahren und sie aus der umkämpften Stadt herausholen könne. Dann ging das Gespräch weiter: Was wäre eigentlich, wenn dieser Krieg zu uns käme, in unser Kraftwerk? Alle waren sich einig: „Wir sind für alles mögliche ausgelegt, Flutkatastrophe, Erdbeben, Abriss einer Hauptkühlmittelleitung – aber einen Krieg, nein, für einen Krieg ist die Anlage nicht gemacht.“

Panzer vorm Atomkraftwerk

Acht Jahre später, in der Nacht des 4. März 2022, starrte ich auf die einlaufenden Meldungen aus Riwnes südukrainischer Schwesteranlage, Saporischschja, dem größten AKW Europas. Dort arbeiten sechs WWER-1000-Druckwasserreaktoren, baugleich mit „meinem“ Block Riwne-3 auf der obigen Abbildung. Schon am frühen Abend war die Werksstadt des AKW, Enerhodar, mit Artilleriefeuer beschossen worden, nun wollten die russischen Angreifer das Kraftwerk unter ihre Kontrolle bringen. In den folgenden Stunden kam es auf dem Campus vor dem Haupteingang zum AKW zu stundenlangen Schießereien, auch Explosionen waren zu hören. Eine Webcam übertrug das Geschehen in die Welt, obwohl außer Lichteffekten in einem schwarzen Chaos nicht viel zu erkennen war. 

Ich hörte die verzweifelten Aufrufe des Bürgermeisters der Stadt Enerhodar, die offensichtlich unter Druck der Besatzer im Rathaus entstanden waren, und am Tag darauf sah ich die aus der Warte des Blocks 3 von Saporischschja kommenden Aufzeichnungen. Vor der Kulisse des mir so vertrauten Kontrollraum-Summens ertönte es blechern aus der „gromkaja svjas“, dem Lautsprecher für die interne Kommunikation, den man auch draußen auf dem Gelände hören kann: „Stellen Sie das Feuer ein, ich wiederhole, stellen Sie das Feuer auf das kerntechnisch gefährdete Objekt ein!“. Es waren diese Momente, wo ich das Gefühl hatte, mir würde der Boden unter den Füßen weggezogen.

Als der Morgen dämmerte, konnte ich allmählich einordnen, was geschehen war. Der Strahlungspegel war unauffällig, es hatte keinen gezielten Beschuss der Reaktorgebäude gegeben, wohl aber Schäden durch Querschläger an einer Rohrleitungsbrücke und am Fernwärmesystem von Enerhodar– an den Turbinen der ukrainischen Atomkraftwerke wird auch Dampf für die Fernwärmeversorgung abgezapft. Bis auf einen Block wurden alle Reaktoren abgefahren und in den Nachkühlbetrieb überführt, Block 1 war schon vorher in Revision gewesen. Das Schulungsgebäude des Kraftwerks war durch Feuer zerstört worden, auch weil die hinzugeeilten Feuerwehrleute wegen der Kampfhandlungen nicht zum Löschen kamen. Drei ukrainische Nationalgardisten starben bei dem Angriff. 

Der nächste Angriff kommt bestimmt

Nun ist das Kraftwerk unter russischer Kontrolle , die Schichten gehen unter den vorgehaltenen Waffen der Besatzer zur Arbeit, ein weiterer Block wurde wieder angefahren, das Radioaktivitäts-Messstellennetz rund ums Kraftwerk meldet keine erhöhten Werte – wie auch, es sind ja keine aktivitätsführenden Systeme beschädigt worden. Doch wird es voraussichtlich nicht das letzte Mal sein, dass russische Panzer vor einem ukrainischen Atomkraftwerk aufrollen. Vier AKW-Standorte gibt es, der nächste Besetzungskandidat könnte die „Juschka“ sein, das AKW Juschnoukrajinsk am südlichen Bug im Gebiet Mykolajiw. Auch dort rücken derzeit russische Truppen vor. Doch anders als von Putin geplant ist es kein Durchmarsch: Die Russen sind mit erheblichem Widerstand konfrontiert, leiden an ihrer schlechten Logistik und haben unbestätigten Schätzungen zufolge jetzt bereits an die 10.000 Opfer zu verzeichnen. Das könnte die russische Führung dazu verleiten, mit weiteren Angriffen auf ukrainische Atomanlagen Terror zu verbreiten – genauso wie sie sich nicht scheut, Plattenbau-Viertel in Charkiv zusammenzuschießen.

Die wichtigste Waffe ist die Angst

Und damit wären wir bereits bei einem wichtigen, vielleicht dem wichtigsten Moment bei der Erörterung unserer Frage, welches Risiko Atomkraftwerke im Krieg darstellen. Die wichtigste Waffe des Angreifers ist nämlich nicht der direkte Schuss auf einen Kernreaktor, der auch ihm selbst schaden würde. Es ist vielmehr die lähmende Angst, er könne das tun, oder es könne versehentlich im Gefecht ein Kernreaktor getroffen werden. Es ist die Angst vor der Freisetzung radioaktiver Stoffe. Gerade die Ukraine, gezeichnet vom Tschernobyl-Trauma, ist da besonders verletzbar. Noch bevor in der Nacht zum vergangenen Freitag überhaupt klar war, welche Schäden angerichtet wurden, sprach die ukrainische Regierung in Kiew bereits von einer Nuklearkatastrophe vom Umfang von „6 Tschernobyls“, die ganz Europa in Brand setzen würde. Das leitete Präsident Selenskyj in Unkenntnis der kerntechnischen Zusammenhänge aus der Tatsache ab, dass in Enerhodar sechs Reaktoren stehen. 

Und das war der Zeitpunkt, als Frühaufstehern in Deutschland bereits die Nachricht „Brand im AKW “ genug war, um die Apotheken nach Jodtabletten abzuklappern. Unnötig festzustellen, dass die grüne Szene in Deutschland, die angesichts der Gazprom-Abhängigkeit ihrer Energiewende gerade mit Forderungen nach der Laufzeitverlängerung deutscher KKW konfrontiert sieht, die Gelegenheit nicht verstreichen ließ, um zu konstatieren, dass ein brennendes Windrad kein Problem sei, während bei einem brennenden AKW ganz Europa brenne. In einem Worte, als psychologischer Coup war der Angriff auf Enerhodar ein voller Erfolg. Er zielte – neben der Diskreditierung und Demütigung der Ukraine, die ihre Atomanlagen nicht verteidigen konnte – vor allem auf die Verbreitung von Terror. Auch im Westen, der dazu bewegt werden soll, die Ukrainer nicht zu unterstützen und zum Aufgeben zu überreden. Außerdem dient das Eroberungsziel Atomkraftwerk auch einem Rechtfertigungsmythos für den Propagandakrieg. 

Nukleare Bomben-Mythen

Denn seit einigen Tagen behauptet Moskau, die Ukraine strebe nach der Herstellung von Atomwaffen bzw. einer „schmutzigen“ radioaktiven Bombe an den ukrainischen Atomstandorten. Diese neue Variation im Rechtfertigungskatalog von Putins Krieg kommt nicht zufällig jetzt, nachdem der Vormarsch nicht so läuft wie geplant. Es ist denkbar, dass die Russen aus den besetzten Atomanlagen alsbald „Beweise“ für die üble Absicht der Ukrainer hervorzaubern werden, was wiederum der Rechtfertigung dienen kann, den Luftkrieg gegen ihre Zivilbevölkerung noch zu verschärfen. Gegen einen dämonisierten Gegner bombt es sich bekanntlich einfacher. 

Nun ist aber die Ukraine Mitglied des Atomwaffensperrvertrages und wird von der IAEA überwacht: Kameras, Plomben an den Brennelement-Beckenschützen und penible Dokumentationspflichten für die Stoffströme auf den Anlagen sorgen dafür, dass niemand unbemerkt Kernbrennstoffe – bestrahlte oder unbestrahlte – entnehmen kann. Doch in Russland fehlt jede unabhängige Presse, welche die Erzählungen der Herrschenden in Frage stellen würde, und auch im Westen gibt es genug Querdenker und Querfrontler, welche diese Mythen für bare Münze nehmen.

Die Absicht der Russen erscheint also relativ klar. Man hat kein Interesse daran, in dem Land, das man sich unterwerfen will, neben den üblichen Okkupationsaufgaben noch die Verantwortung für die Liquidierung eines Atomunfalls tragen zu müssen. Sehr wohl aber hat man Interesse an der Maximierung des Schreckens und der Horrorvorstellungen rund um die ukrainischen Atomanlagen – vor Ort und im Westen. Jede Atomangst nützt Putin: im Land zersetzt sie die Moral der Verteidiger, außerhalb bricht sie die Solidarität der Unterstützer, die ziemlich schnell fordern werden, die Ukrainer sollten sich doch besser unterwerfen, als für ganz Europa ein neues Tschernobyl auszulösen. 

Drei Mittel gegen den Angstterror

Umso wichtiger ist es, die Gegenmaßnahmen zu sichten. Dazu gehört erstens das Bestehen auf den internationalen Konventionen, zweitens die Internationalisierung des Problems mit Maßnahmen zum Schutz der Anlagen, und dazu gehören drittens Maßnahmen zur Wissensbeschaffung, zur Krisenkommunikation und zur Widerlegung von unbegründeten Ängsten. Fach- und Faktenwissen über die Anlagen und ihre tatsächliche Verletzbarkeit ist eine notwendige Voraussetzung dafür. Wir müssen uns ein Bild davon verschaffen, welche Schäden realistischerweise zu erwarten sind, wenn der Krieg zum Atomkraftwerk kommt.

Schauen wir zunächst auf die rechtliche Seite. Russland muss klar sein, dass es mit dem Waffengang am Kernkraftwerk ein Kriegsverbrechen beging. Im humanitären Völkerrecht ist die Rechtslage eindeutig. Das Zusatzprotokoll von 1977 zum Genfer Abkommen (1949), in dem der Schutz der Zivilbevölkerung im Krieg geregelt ist, enthält das ausdrückliche Verbot, Kriegshandlungen auf zivile Objekte sowie kritische Infrastrukturen wie Deiche, Staudämme und Kernkraftwerke auszudehnen.

Nun ist aber bekannt, dass dem russischen Präsidenten und seinen Militärs von Anbeginn der Putin-Ära solche Konventionen völlig gleichgültig waren; die Blutspur seiner „Spezialoperationen“ zieht sich von Groznyj über Aleppo bis nach Charkiv und Mariupol, wo gnadenlos Wohnviertel und Krankenhäuser gezielt beschossen wurden. Daher wenden wir uns der zweiten Möglichkeit zu, nämlich den Forderungen der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde und der IAEA , dem Völkerrecht wieder Geltung zu verschaffen und in einem Radius von dreißig Kilometern um die Atomanlagen eine spezielle Schutzzone zu errichten, in der Kriegshandlungen beider Seiten zu unterlassen sind. In diesen Tagen soll geprüft werden, ob die IAEA dabei eine Beobachterrolle vor Ort spielen könnte. Auch in den Verhandlungen zwischen Ukraine und Russland soll das Thema zur Sprache kommen. Es steht zu hoffen, dass eine Art Restvernunft in Moskau hier für Fortschritte sorgt.

Was passiert beim Beschuss eines Reaktors? 

Drittens brauchen Bürger und Politiker in der Ukraine wie in ihren Nachbarstaaten ein möglichst exaktes Bild davon, was ein Beschuss einer Atomanlage bewirken würde. Im folgenden stelle ich einige Informationen zusammen, die aus seriösen Quellen wie der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde sowie der Fachliteratur über die in der Ukraine betriebenen Reaktoren stammen, teilweise nehme ich Bezug auf nicht publizierte Schulungsunterlagen, Systembeschreibungen, Pläne und andere Unterlagen, die ich während meiner Forschungseinsätze einsehen konnte. 

Die WWER-1000-Reaktoren in Saporischschja, in der Juschka und in den AKW Riwne und Chmelnyckyj sind Druckwasserreaktoren, d.h. der Reaktor erhitzt das Kühlmittel im Primärkreislauf, der unter hohem Druck steht (160 bar), auf rund 310 Grad, ohne dass es siedet. Das Kühlmittel wird in den Dampferzeugern durch Tausende von Heizrohren geführt, die wiederum das Speisewasser des Sekundärkreislaufes verdampfen lassen. Das ist der Frischdampf, der zur Turbine geleitet wird, dort entspannt wird und im Kondensator kondensiert. Das Kondensat gelangt über einen Speisewasserbehälter und Vorwärmstraßen wieder in die Dampferzeuger. 

Die WWER-1000 verfügen sämtlich über vorgespannte zylindrische Stahlbeton-Containments, die von der Konstruktion her denen der französischen Anlagen vergleichbar sind. Das 1,2 m starke Containment mit Stahlliner beherbergt alle Anlagenräume des Primärkreislaufs und das Abklingbecken für die verbrauchten Brennelemente. Es steht in der Mitte eines fast 40 Meter hohen quadratischen Hilfsanlagengebäudes, beide zusammen sorgen für die charakteristische Silhouette des Reaktorgebäudes. An einer Seite des Quadrats schließt das Maschinenhaus an. 

Das Containment des VVER-1000 ist dafür ausgelegt, einem Druckaufbau von bis zu 5 bar Überdruck infolge eines Kernschmelzunfalls, dem am Standort erwartbaren maximalen Erdbeben und dem Aufprall eines kleinen Flugzeugs standzuhalten (10 Tonnen mit 720 km/h). Das ist weit weniger als beim Containment eines deutschen KKW der Vorkonvoi- oder Konvoi-Linie , das 1,8 m stark ist und dessen innenliegender Sicherheitsbehälter aus 38 mm Stahlblech gefertigt ist. Diese Schutzhülle hält auch dem Aufprall eines großen Verkehrsflugzeugs stand. Fachleute erwarten aber, dass Zufallstreffer aus schweren Waffen ein VVER-1000-Containment nicht aus dem Gleichgewicht bringen, wohl aber gezielter Dauerbeschuss. Dafür ist ein KKW nicht ausgelegt – allerdings auch kein westliches. 

Doch selbst bei gezieltem Beschuss wäre keinesfalls eine Entwicklung wie in Tschernobyl die Folge, wo der Reaktor infolge einer nuklearen Leistungsexkursion binnen Sekundenbruchteilen zerlegt wurde und sein radioaktives Inventar schlagartig freisetzte. Bei den Druckwasserreaktoren vom Typ Saporischschja oder Juschnoukrajinsk müsste der Beschuss vitale Systeme treffen, um die Anlage zu gefährden, d.h. den Primärkreislauf, die Dampferzeuger oder überlebensnotwendige Sicherheitssysteme. Erstere sind sehr gut geschützt hinter einer zweifachen Barriere aus den Mauern des Hilfsanlagengebäudes und des Reaktorcontainments untergebracht, ein direkter Treffer, es sei denn, er käme punktgenau von oben, ist damit sehr schwierig 

Die Sicherheitssysteme des Reaktors sind dreifach redundant nach einem 3×100%- Prinzip ausgelegt, d.h. ein Notkühlsystem reicht aus, um die Nachwärmeabfuhr aus dem Reaktor zu gewährleisten, zwei stehen in Reserve. Diese Notkühlsysteme befinden sich im WWER-1000 tief im Inneren des Hilfsanlagengebäudes, gut geschützt vor Beschuss. Selbst wenn ein Geschoss ein Loch in die Wand des Hilfsanlagengebäude schlüge, wäre das noch nicht gleichbedeutend mit dem Verlust eines Sicherheitssystems. Es gibt etliche Systemräume in den Randbereichen des Hilfsanlagengebäudes, die bei Beschuss das höchste Risiko hätten, getroffen zu werden, aber nur der kleinere Teil beherbergt Sicherheitssysteme. Was ich in exponierter Randlage ausmachen konnte, war die Dampferzeuger-Notbespeisung und ein Teil der Nachkühl-Armaturenräume. Würden diese Systeme beschädigt, wäre trotzdem eine gleichzeitige Zerstörung aller drei Stränge unwahrscheinlich. Das Notspeisesystem wird ohnehin nur angefordert, wenn die reguläre Speisewasserversorgung im Maschinenhaus unverfügbar wäre, etwa durch einen Raketentreffer oder im Notstromfall. Doch auch dieser Verlust wäre noch nicht das Ende der Fahnenstange, solange Not- und Nachkühlsysteme unbeeinträchtigt wären.Keinesfalls aber kann es zu einer spontanen Atomexplosion kommen, wie es viele letzte Woche suggerierten. 

Von diesen Überlegungen gibt es, wie so oft in der Kerntechnik, wiederum Ausnahmen – so gehören zwei von drei WWER-1000-Blöcken in Juschnoukrajinsk einer früheren Generation (V302, V338) an als Saporischschja-1 bis 6, Riwne-3 und 4 sowie Chmelnyckyj 1 und 2 (V320), und in Riwne-1 und 2 handelt es sich um kleinere Druckwasserreaktoren vom Typ WWER-440V213, wie sie auch in Tschechien, der Slowakei und Finnland errichtet wurden, und die ein ganz anderes Containmentkonzept und somit auch wieder andere Stärken und Verwundbarkeiten haben. Doch auch für sie gilt das Gesagte von der Grundauslegung der Sicherheitssysteme und der Unwahrscheinlichkeit eines Tschernobyl-Szenarios.

Für alle ukrainischen Atomstandorte gleichermaßen gilt aber auch, dass es neben den Reaktorgebäuden noch andere sensible Objekte gibt – etwa das Brennelemente-Nasslager am Standort Tschernobyl, das Gelände mit den Behältern für abgebrannte Brennelemente im KKW Saporischschja, die anders als in Deutschland (aber ähnlich wie in den USA) unter freiem Himmel aufgestellt sind, oder die jeweiligen Brennelement-Abklingbecken, die in allen Anlagen aber im Inneren der gut gesicherten Reaktorgebäude liegen. Im Falle der Zwischenlager stellt sich die Frage, wie lange die Gebäudestrukturen bzw. die freistehenden Behälter einem gezielten Beschuss standhalten könnten, und sie beantwortet sich ähnlich wie die Frage nach dem Beschuss eines Reaktorblocks: Irrläufer und Zufallstreffer sind kein Problem, gezielte Zerstörungabsicht wäre eins. 

Viele Journalisten fragten mich, was denn passiere, wenn so ein Reaktor spontan abgeschaltet werden müsse, etwa wegen Kriegshandlungen, wie in Saporischschja geschehen. Dazu ist zu sagen: solange die normale Stromversorgung über die Blockschienen gewährleistet ist, wird der Abfahrprozess genauso gestaltet wie in Friedenszeiten: Turbine und Reaktor werden abgeschaltet, aber Hauptkühlmittelpumpen für die Primärseite und Speisewasserpumpen für die Sekundärseite bleiben in Betrieb. Die Nachzerfallswärme des Reaktors wird über die Dampferzeuger und eine Frischdampf-Umleitstation abgeführt. Ab einer Temperatur im Primärkreislauf von rund 120 Grad und einem Druck von ca. 30 bar übernehmen die Nachkühlpumpen, die Hauptkühlmittelpumpen werden abgeschaltet. Genau das ist in Saporischschja in der Nacht der Attacke auch in zwei Blöcken geschehen.

Kriegsrisiko Stromversorgung

Es gibt aber auch Kriegsrisiken, die außerhalb der Anlage situiert sind: das betrifft die Leitungsinfrastrukturen der Übertragungs- und Verteilnetze. Treffer auf Umspannwerke oder wichtige Höchstspannungs- Übetragungsleitungen könnten im schlimmsten Falle das Landes- und Reservenetz der Ukraine oder zumindest weiter Landesteile zusammenbrechen lassen. Ins Landesnetz, die höchste Spannungsebene (in der Ukraine bis zu 750 Kilovolt), speisen die Kernkraftwerke ein, vom Reservenetz (110 Kilovolt) beziehen sie Strom für ihren Eigenbedarf, wenn sie vom Landesnetz getrennt werden, etwa wenn Blöcke im Revisionsstillstand sind. Bei schlagartigem Verlust der äußeren Stromversorgung („loss of outside power, LOOP) ist technisch ein Lastabwurf auf Eigenbedarf möglich, d.h. Reaktor und Turbogenerator rödeln dann am Mindestlastpunkt und produzieren nur die rund sechzig Megawatt, die man braucht, um die eigenen Aggregate am Laufen zu halten, bis man sich wieder aufs Netz schalten kann. 

Gelingt das nicht, fällt die Spannung auf den Eigenbedarfsschienen, die großen Verbraucher wie Hauptkühlmittelpumpen, Hauptspeisewasserpumpen und Kühlwasserpumpen laufen aus. Bei sinkender Drehzahl dieser Aggregate wird sofort eine Reaktor- und Turbinenschnellabschaltung ausgelöst, gleichzeitig sorgen Reaktorschutzsignale für ein Hochlaufen der Notstromdiesel und ein automatisches stufenweises Zuschalten der Notstromverbraucher. Sekundärseitig wird die Anlage mit Frischdampf-Abblaseventilen druckentlastet und teilabgefahren. Das ermöglichst eine rasche Druck- und Temperaturreduzierung im Reaktorkreislauf, der außerdem mit der Druckhalter-Hilfssprühung druckentlastet wird. In dieser Zeitspanne läuft der Wärmetransport vom Reaktor über Naturumlauf zu den Dampferzeugern und von dort aus über die Abblasestation in die Atmosphäre, die als Wärmesenke dient. Der Massestrom, der über Dach abgeblasen wird, wird aus dem Speisewasserbehälter und aus Nottanks ergänzt. Sind Druck und Temperatur im Primärkreislauf so weit unten, dass die Nachkühlpumpen einspeisen können, wird der Block in den Nachkühlbetrieb geschickt. Der Strom für die Nachkühlkette, d.h. Nachkühlpumpen und Versorgung des Nachwärmekühlers mit Nebenkühlwasser, wird dann mit Notstromaggregaten produziert, ebenso die Stromversorgung für die Brennelement-Beckenkühlung. Das sind die besagten „Notstromverbraucher“, die den Diesel belasten.

Ein WWER-1000 hat drei Notstromdiesel mit rund sechs Megawatt Leistungsaufnahme, von denen jeweils einer ausreicht, um den Eigenbedarf im Notstromfall zu bestreiten. Jeweils zwei Dieselaggregate eines Blocks sind zusammen mit je einem Aggregat des Nachbarblocks in einem Notstromgebäude zusammengefasst. Innerhalb des Gebäudes sind die Räume der drei Diesel voneinander isoliert. Diese räumliche Trennung bzw. Verteilung ist ein Basisprinzip der Reaktorsicherheit und wird eingehalten, damit nicht aufgrund einer einzigen Ursache (z.B. einem Brand des Gebäudes – oder einem Beschuss, wie man heute ergänzen müsste) gleich alle drei Notstromdiesel eines Blocks unverfügbar werden. Zudem lassen sich auch Notversorgungen aus den Notstromgebäuden entfernterer Blöcke verlegen, sollten die eigenen Diesel unverfügbar sein; diese Aktion wird regelmäßig im Simulatortraining durchexerziert. 

Erst wenn alle diese Maßnahmen nicht gelängen, läge ein sogenannter Station Blackout (SBO) vor, eine dem Unfall von Fukushima vergleichbare Lage. Allerdings haben die WWER-Anlagen mit ihren sehr geräumigen, horizontal verbauten Dampferzeugern ein üppiges Kühlmittel- und Speisewasserinventar, das die Anlage sehr resilient gegen solche Unfallverläufe macht. Die Betriebsmannschaften hätten im Vergleich zu vielen westlichen Anlagen nämlich mehr Zeit, um Abhilfe in Form mobiler Notstromanlagen zu organisieren. 

Der Notstromfall nach einem Netzzusammenbruch steht auch im Zentrum vieler Befürchtungen westlicher Beobachter der ukrainischen Atomwirtschaft unter Kriegsbedingungen, denn wenn eine Anlage dauerhaft im Notstromfall ist, muss sie nach spätestens neun Tagen Tagen Nachschub an Dieseltreibstoff erhalten, um die Notstromversorgung aufrecht zu erhalten. Sowohl die Treibstoffversorgung als auch die Restituierung des Landesnetzes könnten aber im Kriegsfall behindert werden.

Bislang hat das ukrainische Netz gehalten. Gut die Hälfte der AKW-Blöcke sind in Betrieb, um es stabil zu halten. Doch wenn es zusammenbräche, müssten alle diese Reaktoren aus Vollast abfahren und entsprechend auch viel mehr Nachzerfallswärme abführen als ein sicherheitshalber wegen drohender Kriegshandlungen zu einem früheren Zeitpunkt stillgelegter Block. Doch das ist derzeit das Schicksal der Ukraine: 50 Prozent ihres Strombedarfs kommen aus Kernkraftwerken, und besonders viele Kohlekapazitäten befinden sich in den umkämpften Gebieten im Süden und Osten des Landes. Etliche Kohlekraftwerke haben bei den Kriegshandlungen bereits Schäden erlitten. Die Versorgungssicherheit der Ukraine hängt also ganz wesentlich an der Kernenergie. Eine vierte Maßnahme zur Verhinderung des Missbrauchs von Kernkraftwerken als Erpressungswaffe im Krieg ist daher die Diversifizierung der Elektrizitätswirtschaft. Überlebt die Ukraine diesen Krieg als Staat, wird dies mit Sicherheit beim Wiederaufbau ein großes Thema sein: Dann wird es nicht nur um die geplante Modernisierung der Kernenergiewirtschaft gehen, zu der sich die Ukraine bekennt, sondern auch um den Ausbau der Erneuerbaren Energien, die bei der Ersetzung der Kohlekapazitäten eine bedeutende Rolle spielen könnten. 

Im Inselbetrieb: Epilog, 2022 

Ausgerechnet am 24. Februar, am Beginn des Krieges, fand im ukrainischen Verbundnetz ein lang geplanter Testlauf für den Beitritt der Ukraine zur mitteleuropäischen Regelzone des europäischen Stromverbunds ENTSO-E statt. Dieser machte es erforderlich, alle Kuppelschalter zum belarusischen und russischen Netz zu öffnen und das ukrainische Netz einen gewissen Zeitraum im Inselbetrieb laufen zu lassen, um seine Eigenständigkeit und Stabilität zu testen. Trotz Kriegsbedingungen lief dieser Test erfolgreich ab – nur wollten die Ukrainer sich danach angesichts des Krieges nicht wieder ans Netz der Angreifer anbinden. 

Auch diese Situation trägt nicht zur Vereinfachung der Lage bei. Bislang sind größere Stromausfälle nur in den unmittelbar unter Beschuss liegenden Städten gemeldet worden, in denen die lokale Verteilungsnetz-Infrastruktur zerschossen wurde, aber das ukrainische Landesnetz hat standgehalten, unter anderem dank der Kernkraftwerke und ihrer Betriebsmannschaften – Krieg, Angst, Ungewissheit, Versorgungsengpässen zum Trotz. In Saporischschja arbeiten die Atomtechniker, wie zu hören ist, inzwischen unter Kontaktsperre: es wird ihnen die Verbindung zu ihrer Aufsichtsbehörde und ihrer Betreiberfirma verweigert. Aus dem russisch besetzten stillgelegten AKW Tschernobyl werden ähnliche Probleme gemeldet, dort kann die Betriebsmannschaft seit 12 Tagen nicht abgelöst werden.

Unter solchen Umständen den regelwerkskonformen Betrieb kerntechnischer Anlagen zu gewährleisten, ist ungeheuer schwierig. Solche Zustände herbeigeführt zu haben, ist, neben allen anderen und viel entsetzlicheren Vergehen, ein Verstoß gegen Grundprinzipien der kerntechnischen Sicherheit seitens der Besatzer, und es wäre eigentlich die Pflicht des russischen AKW-Betreibers Rosatom, im Kreml vorstellig zu werden und auf eine Beendigung dieser Zustände zu drängen. Doch dürfen wir von den in 20 Jahren Putin-Herrschaft domestizierten und deformierten russischen Experten leider diesen Mut nicht erwarten – was die Atomkraftwerksleitungen in Riwne und Chmelnyzkyj veranlasste, in Aufrufen auf Youtube ihren russischen Kollegen ins Gewissen zu reden: „Wir Atomschtschiki in Russland und der Ukraine waren eine große Familie. Ihr habt hier im AKW Riwne mit uns an einem Tisch gesessen. Wo seid ihr jetzt?“, „Russen, wacht auf. Geht auf die Straße!“

Und was hat das mit uns zu tun? 

Und daher sei mit Blick auf die deutsche Energiediskussion und die bemühten Versuche einiger Aktivisten und Regierungsmitglieder, einen Konnex zwischen dem Überfall auf Saporischschja und den deutschen Kernkraftwerken herzustellen, nochmals betont: Gefährlich ist nicht das Atomkraftwerk, nicht die Menschen, die es betreiben. Gefährlich ist die Waffe, die auf das Atomkraftwerk gerichtet wird, gefährlich ist der Mensch, der diese Waffe bedient und andere Menschen damit terrorisiert. Gefährlich ist der Diktator am Anfang der Befehlskette. Gefährlich ist der Gas-Euro aus Deutschland in der russischen Kriegskasse. Daher sollten wir die Waffen und den Diktator ächten, nicht die Atomkraftwerke. Und daher ist nun ein totales Rohstoff-Embargo gegen Russland das Gebot der Stunde. Da unsere Versorgungssicherheit in dieser Situation auch durch eine Aussetzung des deutschen Atomausstiegs abgesichert werden kann, sollte dieser Schritt rasch eingeleitet werden.