Der Football-Spieler Colin Kaepernick. Mike Morbeck/CC BY-SA 2.0

Auf die Knie, wenn ihr Patrioten seid!

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Ja, die USA haben ein Rassismus-Problem, wie die zahlreichen Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze zeigen. In ihrem Kern aber funktioniert die amerikanische Zivilgesellschaft, wie der jüngste Streit um den Football-Spieler Colin Kaepernick beweist.

Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Donald Trump und mir ist dieser: Ich bin amerikanischer Patriot.

Ich liebe die heiligen Worte in der Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, in denen vom „Recht auf Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück“ die Rede ist. (Und es nimmt diesen Worten nichts von ihrer Wucht, dass sie von einem Sklavenhalter verfasst wurden, der von all seinen Sklaven nur seine Kinder befreit hat – nicht aber seine Geliebte Sally Hamings, die versklavt blieb bis zu seinem Tod.)

Ich liebe die amerikanische Verfassung, die in ihrer knochentrockenen juristischen Sprache eine Republik begründet hat, in der Religion zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte nicht mehr Sache des Staates war. (Und es nimmt dieser Verfassung nichts von ihrer Genialität, dass sie von reichen weißen Grundbesitzern, alle natürlich männlichen Geschlechts, geschrieben wurde.)

Ich liebe Abraham Lincolns Gettysburg Address. (Und es nimmt ihr nichts von ihrer erhabenen Großartigkeit, dass Lincoln nicht an die Gleichheit von Schwarzen und Weißen geglaubt hat.)

Ich liebe Martin Luther Kings Rede „I have a dream“ und gestehe, dass es mir noch nie gelungen ist, sie zu hören, ohne in Tränen auszubrechen. (Und es interessiert mich in diesem Zusammenhang keineswegs, dass Martin Luther King homophob war und an den Sozialismus geglaubt hat.)

Ich liebe das Hudson Valley; den Grand Canyon; die Niagarafälle; die Hochhäuser von Manhattan und die Ziegelhäuser der Bronx, wo ich wohne. Ich mochte die meisten Amerikaner, denen ich begegnet bin – ob weiß, schwarz oder braun, ob Anglos oder Latinos.

Die amerikanische Hymne – ein Kriegsprodukt

Und selbstverständlich stehe ich auf, wenn unsere Hymne gespielt wird, und lege die rechte Flosse ans Herz. Ich habe meinem kleinen Sohn oft das wunderschöne Buch von Peter Spiers vorgelesen, in dem die Hymne bunt bebildert wird – ach, was heißt hier vorgelesen: Natürlich musste ich ihm die Hymne jedesmal vorsingen. (Bariton. Und ich finde unsere Hymne sehr gelungen, auch wenn sie ein Produkt des Krieges von 1812 war, der vielleicht der dämlichste Krieg war, den wir je geführt haben, Vietnam eingeschlossen.)

Als der schwarze Quarterback Colin Kaepernick sich während der Hymne hinkniete, statt  fand ich das also falsch. Ich kann verstehen, warum er kniete. In meinem geliebten Vaterland werden eindeutig zu viele unbewaffnete schwarze Jungs von der Polizei erschossen, und es werden zu viele Täter hinterher von Jurys freigesprochen. (Dass viel mehr schwarze Jungs von anderen schwarzen Jungs erschossen werden, ist wahr, aber es macht die Sache nicht besser.) Vielleicht kann ich als weißer Amerikaner Kaepernicks Empörung und Trauer nicht teilen; mein Sohn ist ja nicht in Gefahr. Aber ihn verstehen und Sympathie empfinden kann ich schon.

Trotzdem fand ich falsch, dass er kniete. Meiner Ansicht nach gehört es in diesem historischen Moment zu den vornehmsten Aufgaben von uns — also Leuten wie mir, die Trump und seine Truppe verachten –, Amerikaner zu sein. UNS gehört die Hymne. UNS gehört das Sternenbanner. UNS gehören die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung. Sollen die anderen doch den Konföderiertenfetzen schwenken und das dummfröhliche Lied vom „Dixie Land“ schmettern. Sollen sie meinetwegen den ekelhaften rassistischen Pornoroman „Das Heerlager der Heiligen“ von Monsieur Raspail zu ihrer Verfassung erklären.

Die Antwort der NFL kam umgehend

Allerdings kam dann Trump mit jener Hetzrede, in der er – unter dem Gegröle seiner Fans – die National Football League dazu aufrief, alle Spieler rauszuschmeissen, die es Colin Kaepernick gleichtun und während der Hymne niederknien. Trump! Der nichts dabei fand, während des Wahlkampfes mit dem Geheimdienst einer ausländischen, feindlichen Nation zusammenzuarbeiten. Man kann wieder mal gar nicht so viel essen, wie man kotzen möcht’.

Und heute kam die Antwort an Donald Trump: Alle Mannschaften der National Football League UND alle Schiedsrichter UND die Manager knieten während der Hymne und hielten einander an den Händen. Und ich dachte nur: wie großartig. Bravo. Gut gemacht. Die amerikanische Zivilgesellschaft funktioniert noch.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Zuletzt erschien der Roman "Der Komet", erhältlich als kiwi-Taschenbuch.


Mit freundlicher Unterstützung von johannesdultz.com