Graffiti, das auf die Lage der Kinder im Allgemeinen aufmerksam macht
Eigentlich immer ein gutes Argument. Daniel Lobo, Flickr.com (CC BY 2.0)

Babys erster Aluhut

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Verschwörungstheorien und Schwurbelmedizin richten sich oft bewusst an Eltern und erreichen dort eine schwindelerregende Akzeptanz. Doch warum ist das so? Über die kultische Bedeutung von Kindern.

Facebook weiß, dass ich eine Frau über 25 bin und deshalb bombardiert es mich mit Werbung rund um Kleinkinder. Darunter ein „Anti-Strahlung Mützchen“ (nur echt mit dem Deppenleerzeichen) der eigentlich gar nicht Wollstrumpf-und-Leinenkleid-mäßigen Firma Petit Bateau.

Petit Bateau ist mehr so eine Art französisches Trigema – nur in hip. Kleidung, die kulturchristliche Millenial-Eltern sich zur Taufe ihres Kindes schenken lassen, weil sie selbst die Preise scheuen. Und zur Taufe gibt es dann halt für den kleinen Emil einen Aluhut.

Da heißt es zugreifen! Seit ich auf diesen Artikel geklickt habe, wurde er für mich übrigens unter anderem neben dem kritischen SZ-Artikel beworben. Screenshot Franziska Holzfurtner / Onlineshop Petit Bateau

Dass der Wissenschafts- und medizinfeindliche Markt meistens Mütter ins Fadenkreuz nimmt und bei diesen große Erfolge feiert, ist hinreichend bekannt. Sogar die SZ schlug schon vor einigen Jahren Alarm, Hebammen seien die schlimmsten Dummfugschleudern überhaupt, von der Homöopathie bis zur Impfgegnerschaft. Das gängige Erklärungsmuster ist, dass Frauen sich bei der sogenannten Schulmedizin nicht aufgehoben fühlten, dass der Mangel an emotionaler Betreuung dann dazu führe, dass sie sich dem nächstbesten Quacksalber an den Hals würfen, der ihnen Krankheiten andichtet und ein Bussi auf’s Bauchi gibt. Dass das letztlich wissenschaftsfeindlichen Heilpraktikern nach dem Munde redet und deren äußerst fragwürdiges Frauenbild weiterverbreitet, ist ein Thema für ein anderes Mal.

Der edle Wilde im Kinderzimmer

Die Vorstellung, dass nur Frauen im Zusammenhang mit dem eigenen Nachwuchs die Sicherungen durchbrennen wird hingegen alsbald zerstreut, wenn man sich die eher politisch oder technologisch geprägten Verschwörungstheorien ansieht: Bei der NWO- und Anti-5G-Fraktion geht es ebenfalls häufig um Kinder. In ihrer Phantasie betreiben Politiker systematisch Kinderschänderringe, reduzieren heimlich die Geburtenrate, injizieren den Kleinen Umweltgifte und so weiter. Keine „Hygiene-Demo“ ohne Kinder: Kinder mit Strahlenschutzmützchen. Kinder mit „Ungeimpft“-Davidsternen. Da steigen auch die Testosteronlevel plötzlich bis hin zur Brandstiftung und zur Waffengewalt.

Technische Daten des Aluhuts Screenshot Jan-P. Hein / Onlineshop Petit Bateau

Das Thema ist nicht die Mutterschaft oder das Testosteron, sondern das Thema sind die Kinder. Denn Kinder und Tiere – auch das ein Thema für ein anderes Mal – haben einen großen Vorteil: sie sind unschuldig, weil sie schuldunfähig sind. Wir leben in einer Welt, in der es sehr schwierig ist, Bedeutung festzulegen und damit das eigene Handeln und Denken zu legitimieren. Wir können es nicht mehr aus der Transzendenz heraus tun („Jesus hat mir gesagt, dass ich Recht habe“), deshalb müssen wir es aus der Immanenz – also der Welt heraus tun und die Welt ist leider verdammt kompliziert. Wer beispielsweise ein Bedeutungssystem konstruiert, in welchem eine bösartige, kolonialistische, weiße, christliche Mehrheit arme Muslime verfolgt und ermordet, der muss sich ständig mit der Meinung anderer Leute auseinandersetzen und mit Fakten, die diesem Weltbild widersprechen. Zum Beispiel haben Muslime die ungute Angewohnheit, lesen und schreiben zu können und dann teilweise die unterschiedlichsten Meinung zu vertreten. Einige könnten zum Ausdruck bringen, dass sie solche Unterstützung gar nicht wollen. Die Frage „bin ich ein guter Mensch?“ ist wesentlich kniffliger, als zu einer Zeit, in der wir weniger Entscheidungen treffen mussten und klarere Richtlinien für diese Entscheidungen hatten.

Glücklicherweise trifft das auf Kinder nicht zu. Kinder können nicht entscheiden und sind schuldunfähig. Sie sind somit Menschen im Naturzustand. Dieser Naturzustand ist kostbar und muss erhalten werden: deshalb bekommen unsere Kinder nur Naturholzklötzchen, dürfen nicht fernsehen, und Babynahrung ohne das Bio-Siegel gibt es kaum noch zu kaufen. Das Natürlichkeitsargument ist nicht umsonst bei der Hygieneallianz in verschiedenen Geschmacksrichtungen gleichermaßen beliebt. In Teilen entsteht es aus einer Verwechslung von Schuldunfähigkeit mit dem moralischen Konzept der Unschuld: Kinder sind nicht unschuldig, weil sie kein Leid verursachen, sie sind unschuldig, weil sie schuldunfähig sind.

Naturheilmittel gegen das Unbehagen in der Moderne

Aber das ist irrelevant. Der Schutz von Kindern ist aus genannten Gründen in unserer Gesellschaft als absoluter Wert gesetzt, das macht sie zur idealen Prodjektionfläche. Gratis obendrauf tragen wir in unserem abrahamitischen Kulturschatz noch eine ganze Reihe von Bildern, Erzählungen und Begrifflichkeiten, mit denen wir unsere Anliegen vermitteln und emotionalisieren können. Jesus sagt „lasset die Kindlein zu mir kommen“ und erscheint selbst in der Gestalt des lieben Jesuleins als pausbäckige Hipp-Werbung, in der Torah werden die grausigsten Momente mit dem Schlachten der unschuldigen Kinder markiert und in der muslimischen Welt ist die Ansicht verbreitet, dass Kinder von Natur aus den Islam besser kennen als Erwachsene, da dieser die natürliche, angeborene Religion sei.

Wenn eigentlich nicht-religiöse Menschen das Bedürfnis verspüren, ihre Aussagen mit einer dicken Schicht Emotionen und Ideen aus dem religiösen Fundus abzudichten, ist das oft ein Hinweis auf ein klaffendes Loch in ihrer Logik. Das muss nicht schlimm sein – eigentlich ist es fast immer so, wenn unsere säkulare Gesellschaft sich auf verbindliche Werte festlegen muss. Gefährlich ist, dass diejenigen, die anderen gerne Angst einjagen, diesen Mechanismus auch verwenden. „Ich mache mir Sorgen um die Kinder“ und schon spürt jeder Not und Verzweiflung, weil all das Genannte eben mitschwingt. Bei Kindern geht es gleich ins Absolute und in die Metaphysik – und vielleicht auch ein wenig an den Kern jedes Menschen selbst, der hofft, dass er einen kleinen Teil der immanenten Kindheitsunschuld behalten hat. Sich um Kinder zu kümmern ist so absolut gut, dass es schwer zu kritisieren ist. Die Reaktionen „wir machen uns nur Sorgen“ und „wir meinen es ja gut“, die man in diesem Zusammenhang so häufig bekommt, deuten darauf hin, dass die Absicht hier wichtiger ist als der tatsächliche Effekt. Selbst mit abgedrehten QAnon-Anhängern hat man noch Mitleid, weil jeder Mensch nachvollziehen kann, dass Angst um Kinder zu heftigen Reaktionen führt.

Auch die Leute, die wissen, dass Not, Verzweiflung und Metaphysik sich recht gut monetarisieren lassen, spüren all das instinktiv. Petit Bateau warb nicht umsonst mit dem Spruch „never old forever“, schaltete eine Kampagne, in der das Alter von Erwachsenen wie bei Kleinkindern in Monaten angegeben wurde und verkauft Unterhosen für erwachsene Frauen, die genauso aussehen wie ihre Baumwollhöschen für Kleinkinder.

Das Allertraurigste an der ganzen Chose ist jedoch, dass die Sorge ums kultische Kind sich nicht auf das Wohl realer Kinder auswirkt. Gelegentlich ist sogar das Gegenteil der Fall.

In meinen finstersten Stunden frage ich mich, ob manche Menschen nicht eigentlich ganz gut bedient wären damit, bei metaphysischem Unwohlsein nicht auf die Straße zu gehen, sondern vor dem herzliebsten Jesulein eine Kerze anzuzünden.




Franziska Holzfurtner studierte Religionswissenschaft in München mit einem Schwerpunkt auf Säkularisierungsgeschichte. Sie promoviert dort derzeit zu theologischen Konzepten im Weltbild der zeitgenössischen Umweltbewegung. Sie ist mit Leib, Seele und Verstand ihrer bayerischen Heimat zugetan, ihre Hood ist Milbertshofen. Sie ist derzeit Stipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.