Remdesivir oder der lange Weg der Erkenntnis

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Bei der Bekämpfung des Virus und der Behandlung der dadurch ausgelösten Erkrankungen irren wir uns empor.

Vielleicht fünf Monate, nachdem ein Coronavirus von einer Fledermaus auf einen Menschen übergesprungen ist – mit mindestens 3,1 Millionen Infizierten und mehr als 217.000 Toten auf der ganzen Welt – haben wir heute, am 29. April, das erste Mal ein Medikament in der Hand. Das heißt, wir stehen der Seuche nicht mehr ganz wehrlos gegenüber. Remdesivir heißt das Mittel. Es wurde von der Firma Gilead entwickelt und sollte eigentlich gegen Ebola helfen – erwies sich damals aber als nutzlos. Jetzt liegen die ersten Ergebnisse von Tests vor, in denen Remdesivir in „doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studien“ an Patienten ausprobiert wurde. (Das heißt: Eine Gruppe bekam Remdesivir, eine andere Gruppe von Patienten irgendetwas garantiert Nutzloses verabreicht, und weder Ärzte noch Patienten wussten, wer zu welcher Gruppe gehört.) Vorläufiges Ergebnis: Remdesivir kürzt den Krankheitsverlauf von 15 auf 11 Tage ab und senkt die Sterblichkeitsrate von elf auf acht Prozent.

Die klinischen Tests deuten leider auch auf schwere Nebenwirkungen hin – Nierenversagen, schlagartiges Absinken des Blutdrucks. Allerdings kann das auch an am Virus liegen. Mittlerweile wissen wir, dass Covid-19 nicht nur eine Lungenkrankheit ist, sondern alle inneren Organe angreift – und zu Blutgerinnseln überall im Körper führen kann. In New York tauchten in den Intensivstationen immer mehr Leute um die vierzig auf, deren Krankheitsverlauf eigentlich mild war – bis sie plötzlich schwere Schlaganfälle bekamen.  

Enttäuscht? Ich bin es nicht. Just der Umstand, dass Remdesivir KEIN Zaubermittel ist, deutet für mich darauf hin, dass das Zeug tatsächlich wirkt. Nun lässt sich auf diesem Erfolg aufbauen: Remdesivir wird sofort – anstelle eines Placebo – zur Kontrollsubstanz. An ihr sind von nun an alle anderen Medikamente zu messen, die ausprobiert werden. Vor allem zeigt der Erfolg von Remdesivir aber: Dies ist ein Weg, auf dem es weitergeht. Antivirale Medikamente funktionieren – im Prinzip. Just so sieht Fortschritt (sei es in der Erkenntnis, sei es in der Politik) in der harten Wirklichkeit aus: Es geht nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt für Schritt. Durch „trial and error“. Wir irren uns empor.

Der erste Schritt auf einem langen Weg

Was sind andere Wege, die man bei der Heilung von Covid-19 gehen kann? An der Emory Universoty in Georgia wurde eine Tablette mit dem Namen EIDD-2801 entwickelt, die im Prinzip wie Remdesivir funktioniert. Im Unterschied zu Remdesivir wird sie aber nicht per Tropf in einem Krankenhaus verabreicht: Jeder kann sie zu Hause nehmen. EIDD-2801 wurde schon für Menschenversuche freigegeben – hoffentlich starten diese bald. Vor allem wüsste man gern, ob EIDD-2801 auch als Prophylaktikum funktioniert.  In Deutschland soll ausprobiert werden, ob Niclosamid – eigentlich ein Bandwurmmittel – gegen Covid-19 wirkt. Das Medikament Tocilizumab, ein Mittel gegen Arthritis, könnte in lebensbedrohlichen Fällen die Überreaktion des Immunsystems auf das neue Coronavirus dämpfen – denn just sie ist es, an der viele Menschen sterben.

Der Königsweg bei der Behandlung dürfte sein, Patienten Antikörper zu verabreichen, die von Menschen gewonnen wurden, die an Covid-19 erkrankt und genesen sind. Allerdings gibt es dafür nicht genug Blutplasma. Eine Studie aus China hat aber gezeigt, dass es prinzipell möglich ist, wirksame Antikörper im Labor herzustellen. Eine weitere Studie deutet darauf hin, dass man diese Antikörper in Lamas züchten könnte.

Irgendwann wird es ein Vakzin geben. In einem Jahr, in zwei Jahren. So lange können wir aber nicht warten: Wir brauchen vorher Medikamente, die den Krankheitsverlauf lindern, die Sterblichkeitsrate möglichst weit herunter drücken. Heute sind wir auf diesem langen Weg einen ersten Schritt gegangen. 

Nota bene: Dieser erste Schritt hat nichts mit trumpistischen oder putinesken Lügen, nichts mit gewissenlosen Verharmlosungen der Krankheit („Es ist nicht schlimmer als Grippe“), nichts mit dem Versprechen von Wunderkuren, nichts mit Verschwörungstheorien zu tun. Und noch etwas: Ohne die vielfach verteufelte Pharmaindustrie wird es selbstverständlich weder Medikamente noch am Ende einen Impfstoff geben. 




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".