Nichts ist wie es war – aber bleibt es so? Ivo Bozic

Coronaastrologie

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Die Propheten des Feuilletons sehen in der Pandemie nicht weniger als den Weltuntergang. Macht mal halblang, findet unser Autor.

Heute gebe ich meinen besten Vorsatz auf. Als ich vor 25 Jahren mein erstes Buch schrieb hatte ich ihn gefasst und mich seither ziemlich strikt daran gehalten: Hüte dich vor Prognosen! Das Buch trug den Titel „Öko-Optimismus“ und befasste sich mit den damals so angesagten Vorhersagen. Mitte der 90er-Jahre waren Zukunftsprognosen beliebt wie heute – und sie hatten einen ähnlich hohen Gruselfaktor. Saurer Regen, Atomkraft, Ozonloch, Smog und andere Umweltplagen würden zunächst die Bäume und dann die Deutschen dahinraffen. Das war populär und galt als wissenschaftlich bewiesen. In unserem Buch konfrontierten mein Co-Autor und ich die damaligen Untergangspropheten mit den Fakten. Dabei nahmen wir uns fest vor, nicht selbst ins Prognostizieren zu verfallen. So vermieden wir die Blamage mit Gegen-Prognosen möglicherweise genauso daneben zu liegen, wie die von uns demontierten Öko-Auguren. 

Nachdem ich heute einen ganzen Schwung Essays namhafter Intellektueller zur COVID-19-Pandemie gelesen habe, reizt es mich jedoch zu sehr, auch mal eine Prognose zu riskieren. Die Denker und Deuter der Feuilletons sind sich in einem einig: Nichts wird mehr sein wie zuvor. Alexander Kluge fühlt sich durch die Pandemie an die Bombardements deutscher Städte durch die Alliierten erinnert. „Wenn Sie es vergleichen wollen,“ antwortet Matthias Horx einer Interviewerin, „dann ist es wie der Zweite Weltkrieg.“ Durch das Virus ist Bazon Brock vom Kapitalismus, der Globalisierung, dem Westen, der Demokratie und überhaupt allem so maßlos enttäuscht wie einst Zonen-Gabi von ihrer ersten Banane. Und für Slavoj Zizek ist klar: „Unsere Welt hat aufgehört.“  

Ich sehe ja ein, es gibt derzeit viele Gründe, für die nächsten Monate und Jahre große Verwerfungen zu erwarten. Es ist ziemlich sicher, dass viele Menschen an dem Virus sterben werden, die Zahl der Arbeitslosen nach oben schnellt, Selbständige, Unternehmen pleite gehen und ganze Branchen extrem gebeutelt werden. Aber entspricht das dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen? Werden die COVID-19-Übelebenden in den Ruinen der Städte hungern und frieren? Könnte es sein, dass unsere Propheten wieder einmal unter dem Eindruck einer krassen Disruption die Gegenwart in die Zukunft projizieren? „Erwartet euch nicht zu viel vom Weltuntergang“, riet einst der polnische Aphoristiker Stanislav Jerzy Lec.

Und nun zu meiner ersten Prognose. Hiermit sage ich voraus: Ein Land, dass sich angesichts einer tödlichen Pandemie Sorgen um die Spargelernte macht, wird nicht untergehen.




Michael Miersch mag Menschen, aber auch Tiere, insbesondere die wilden. Weshalb er bei der Deutschen Wildtier Stiftung arbeitet. Drei Jahrzehnte lang schrieb er wilde Geschichten in so unterschiedlichen Biotopen wie Die Welt, taz, Focus, natur, Cicero und Hessischer Rundfunk. Außerdem drehte er Tierfilme und verfasste ziemlich viele Bücher.