Twitter-Account von Renate Künast: Thruther gegen Monsanto Screenshot, 17.7. 15:05 Uhr / Ludger Weß

Renate Künast: Willkommen bei den Truthern!

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Die ehemalige Agrarministerin Renate Künast entwickelt wie manch andere Ex-Politiker einen Hang zu Verschwörungstheorien. Sie lässt sich mit Impfgegnern, Esoterik-Medizinern und 9/11-Truthern ein. 

Der Abstieg von Renate Künast begann spätestens 2016, als sie den Job als „deutsche Botschafterin des Monsanto-Tribunals“ übernahm, einem Schauprozess gegen angebliche „Verbrechen des US-Konzerns Monsanto gegen die Menschlichkeit“, der von Impfgegnern, Chemtrail-Gläubigen und Vertretern alternativmedizinischer Wundermittel finanziert und veranstaltet wurde. Dort ließ sie sich Seite an Seite mit Ronnie „Che Avocado“ Cummins ablichten, dessen „Organic Consumer Association“ (OCA) die Schmierenkomödie mitinitiiert, mitorganisiert und mitfinanziert hat.

Cummins ist nicht nur Gentechnik-Gegner. Die von ihm 1998 in den USA gegründete und seither geleitete OCA kämpft seit ihrem Bestehen nicht nur für die Umstellung der Welternährung auf Bio-Lebensmittel, sondern auch gegen Impfungen  und propagiert Homöopathie („Homeopathic medicine is perhaps the greenest, safest and most effective healthcare option for organic families. … Homeopathy has a laudable and extensively documented clinical record and there are literally hundreds of high quality, peer-reviewed basic science, pre-clinical and clinical studies showing its effects“). 9/11 hält Cummins für einen Inside-Job . Er und seine Vereinigung sind u.a. mitverantwortlich für einen der schlimmsten Masern-Ausbrüche der vergangenen Jahrzehnte in den USA, der 2017 vor allem somalische Immigranten in Minnesota erfasste.

Künast können Cummins Positionen nicht entgangen sein, denn sie folgt seinem Twitter-Account. Von den Verschwörungstheorien Cummins‘ und seiner Mitstreiter, darunter Carey Gillam und Gary Ruskin, denen Künast ebenfalls folgt, hat sie sich nie distanziert.

Künast goes Kopp?

Vor zwei Tagen, am 15. Juli, verbreitete Künast über ihren Twitter-Account nun einen Tweet, in dem es hieß: „Mosanto[sic!] own[sic!] by bill gates is a threat to the world“ . „Neet-to-know“ ist ein Twitter-Account, der 9/11 für einen Inside-Job hält, an dem die Rothschilds beteiligt waren  („So, liebe Kinder, wer manipuliert und finanziert beide Seiten in jedem größeren Krieg? Antwort A: Die Rothschilds“), der Impfungen neben Chemotherapie, Antibiotika und Verhütungsmitteln für gefährliche Krankmacher hält und die Verschwörungstheorie verbreitet, dass es nur deswegen noch keine effiziente Krebstherapie gibt, weil es wesentlich lukrativer ist, eine Erkrankung über die gesamte Lebensdauer zu „behandeln“ als sie innerhalb eines Tags zu beenden („Was die Mayo-Klinik Ihnen nicht verraten wird.“). Überflüssig zu erwähnen, dass „neet-to-know“ auch daran glaubt, dass wir durch HAARP und Chemtrails manipuliert werden, ATT über seine Mobiltelefone Hirntumore verbreitet, um die Bevölkerung zu dezimieren und Bill Gates, angeblich der „Besitzer von Monsanto“, Afrika durch Impfkampagnen entvölkern will.*

Wer genau hinter dem „neet-to-know“- Account steckt, dessen Tweets vor allem durch Rechtschreibschwäche auffallen, ist unbekannt; der Account twittert jedoch regelmäßig Memes der 9/11-Truther, antisemitische Verschwörungstheorien und verbreitet Fake-News über Impfen und Krebsbehandlungen und bewirbt Wunderkuren auf der Basis „natürlicher“ Substanzen.

Das Meme des von Künast an ihre 38.500 Follower verbreiteten Tweets lautete: „Wussten Sie schon: Monsanto ist der Schöpfer von Saccharin, PCBs, DDT, Agent Orange, Rinderwachstumshormon und Glyphosat, die alle mit Krebs und anderen Gesundheitsproblemen  verbunden sind.“ Es stammt von Natural News, einer Webseite des selbst ernannten „Health Rangers“ Mike Adams, einem der größten Verschwörungstheoretiker und Quacksalber der USA, der mit medizinischen Fake-News und Nahrungsergänzungsmitteln Multimillionär geworden ist und dessen Werke in Deutschland vom einschlägig bekannten Kopp-Verlag vertrieben werden.

Mehrere Hinweise auf die fragwürdige Quelle ihres Tweets ignoriert Künast bislang souverän – Immunität gegen Kritik gehört zu ihrem Markenkern. In der SPD wäre Künasts Twitter-Verhalten Anlass für ein Parteiordnungsverfahren. Bei den Grünen ist jedoch, wenn es um Biolandwirtschaft und die angeblichen Gefahren durch grüne Gentechnik geht, offenbar jeder Unterstützer willkommen, auch, wenn er sonst im Kopp-Verlag publiziert. Wie sich das mit dem auch von ihr vertretenen Anspruch der grünen Partei deckt, rechten Verschwörungstheorien und „Fake News“ entgegenzutreten und nur Fakten und wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse zu vertreten, beantwortet Künast ebensowenig wie die Partei. Auch das hat Methode: Nach den zahlreichen Anti-Gentechnik-Tweets von Künast und ihren Mitstreitern Martin Häusling, Harald Ebner, Simone Peter und anderen in den vergangenen Wochen warten mittlerweile Dutzende von Pflanzenforschern in Deutschland und Europa auf Antwort auf ihre Fragen nach den wissenschaftlichen Studien, mit denen die grünen Hardliner ihre ablehnende Haltung begründen. Bekommen haben sie bislang Memes von NGOs und Verschwörungsseiten, aber nicht einen Hinweis auf eine Studie mit Peer Review – kein Wunder, denn der wissenschaftliche Konsens in Sachen Sicherheit von gentechnisch erzeugten Pflanzen für Mensch und Umwelt ist überwältigend.

Niemand hat dieses Elend der grünen Partei bislang besser zusammengefasst als der Bioinformatiker und Pflanzengenetiker Philipp Bayer (nicht verwandt oder verschwägert mit dem gleichnamigen Konzern), der den Tweet mit dem Satz kommentierte: „The current state of German Green politics in one re-tweet“.

Habeck, übernehmen Sie!

*Update 18. Juli, 11:45 Uhr: Der Re-Tweet wurde von Renate Künasts Account kommentarlos gelöscht.




Schreibt seit den 1980er Jahren über Wissenschaft, vorwiegend Gen- und Biotechnologie. Davor forschte er als Molekularbiologe an der Universität Bremen. 2006 gehörte er zu den Gründern von akampion, das innovative Unternehmen bei ihrer Kommunikation berät. 2017 erschienen seine Wissenschaftsthriller "Oligo" und "Vironymous" bei Piper Fahrenheit. Ludger Weß kommentiert hier privat.