Das hat Willy Brandt nicht verdient

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Die Ostermärsche des Jahres 2018 sind sogar für ihre Verhältnisse ein Tiefpunkt. Da das absehbar war, hat sich unser Autor überlegt, wie ein besserer Ostermarsch aussehen müsste. Lesen Sie hier seine Rede, die niemals gehalten wurde.

Liebe Freundinnen und Freunde des Friedens, liebe Sahra, lieber Oskar,

wir haben uns heute für einen Ostermarsch vor der russischen Botschaft versammelt, weil wir etwas verstanden haben. Wir haben verstanden, dass sich die Zeiten ändern und deshalb auch wir uns ändern müssen.

Wir, als Linke und auch als Pazifisten, müssen uns neu fragen an diesem Tag: Wie sieht der Frieden aus, für den wir einstehen? Wie sieht der Krieg aus, gegen den wir demonstrieren? Sollten wir nicht die Gewissheiten, mit denen wir jahrzehntelang an Ostern auf die Straße gegangen sind, hinterfragen? Sollten wir uns nicht bewegen, wenn sich auch die Welt bewegt. Ich finde: ja, wir müssen. Und es ist ein leuchtendes Signal der Erneuerung, dass wir heute damit anfangen. Deshalb danke ich nochmal ausdrücklich, dass ihr, liebe Sahra, lieber Oskar, diese Kundgebung vor der russischen Botschaft möglich gemacht und die Anmeldung übernommen habt.

Vorhin sah ich dort hinten ein Plakat, auf dem stand „Kriegstreiber USA“. Ich war mir nicht sicher, welche USA da gemeint sind. Etwa die von Donald Trump, der vorgestern angekündigt hat, sich aus Syrien komplett zurückzuziehen? Jener Donald Trump, der findet, dass sich jetzt „die anderen“ um Syrien kümmern sollen? Was die anderen dann machen, jener russische Präsident, den Donald Trump so bewundert und sein Schlächterfreund Assad, können wir in Ost-Ghuta beobachten. Und konnten wir schon in Ost-Aleppo sehen. Wenn Russland und das syrische Regime ohne Rücksicht auf zivile Verluste eine Stadt in Schutt und Asche bombardieren.

Frieden ist teuer

Kriegstreiber USA! Am Ende seiner Amtszeit, liebe Freundinnen und Freunde, erreichte Barack Obama ein verzweifelter, ein dramatischer Brief. Geschrieben und verschickt von den letzten Ärzten von Aleppo. Sie baten den amerikanischen Präsidenten eindringlich um Hilfe. Das Weiße Haus diskutierte damals, ob man massiver in Syrien eingreifen sollte. Es gab Menschen in Obamas Umfeld, wie sein enger Berater Ben Rhodes, die für eine Intervention plädierten. Obama entschied sich dagegen. Er zweifelte am Rückhalt in der amerikanischen Bevölkerung und verwies auf die hohen Kosten.

Sind das die USA, die wir meinen, wenn wir Kriegstreiber sagen? Ist dieses ängstliche Geschehenlassen der Gräueltaten jener Friede, den wir uns wünschen? Diese Frage, liebe Freundinnen und Freunde, treibt mich um.

Wir sind gegen den Krieg, wir sind für den Frieden. Deswegen fordern wir hier und heute von Wladimir Putin: Beenden Sie den Bombenterror gegen die syrische Zivilbevölkerung! Ermöglichen Sie die Arbeit von internationalen Helfern! Stellen Sie sicher, dass Ärzte und Lebensmittel die syrische Zivilbevölkerung erreichen. Übernehmen Sie Verantwortung für Ihre Taten und ducken Sie sich nicht feige weg. Wie Sie das im Osten der Ukraine tun, wo Sie Ihren verdeckten Krieg führen. Wie Sie es auf der Krim taten, wo Sie eine russische Invasion als Aufstand des Volkes getarnt haben. Stehen Sie zu Ihren Kriegen, Präsident Putin!

Und meinen Freundinnen und Freunden aus SPD und Linkspartei, die nun vor der Dreistigkeit Putins, diesem ewigen Kriegstreiber, kapitulieren wollen und für eine Aufhebung aller Sanktionen plädieren, rufe ich zu: Knickt ein, wenn ihr unbedingt einknicken wollt. Aber nennt eure Feigheit verdammt nochmal nicht „Entspannungspolitik“. Das hat Willy Brandt nicht verdient.

Wir haben es heute, im Jahr 2018, noch mit anderen Formen des Krieges zu tun. Dieser Realität müssen wir uns stellen. Krieg ist leiser geworden, digitaler, anonymer, vielleicht auch hinterhältiger, auf jeden Fall schwerer zu fassen. Wenn wir heute hier für den Frieden marschieren, dann demonstrieren wir auch gegen einen Krieg der Hacker, der sich gegen freie Wahlen richtet. Dann demonstrieren wir gegen einen Krieg der Agenten, einem Krieg also, in dem man mit Nervengift unliebsame Gegner besucht und ausschaltet. Vor Nowitschok unter der Türklinge ist keiner sicher. Das, liebe Freundinnen und Freunde, sind die modernen Kriegswaffen, gegen die wir uns stellen müssen.

Und erlaubt mir eine letzte Bemerkung, ich komme zum Schluss. Vorhin hat unser Freund Diether Dehm auf einer Kundgebung Bundesaußenminister Heiko Maas als, ich zitiere, „gut gestylten Nato-Strichjungen“ bezeichnet. Ich finde das stillos und es ist auf einer Demonstration für den Frieden auch deplatziert. Wie wollen wir glaubhaft für mehr Verständigung und Miteinander einstehen, wenn wir Andersdenkende derart diffamieren? Wie sagte der Meister des Friedens, Mahatma Ghandi? „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt.“

In diesem Sinne, liebe Freundinnen und Freunde, Frohe Ostern und danke für eure Aufmerksamkeit!




Felix Dachsel, geboren 1987, hat Islam- und Politikwissenschaft in Freiburg und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Er war Redakteur bei der taz in Berlin und ist seit 2015 Redakteur bei der ZEIT im neuen Ressort „Z“.


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