Rammstein Universal-Music

Der Fluch des vorschnellen Urteils

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Der Rammstein-Video-Trailer zum neuen Titel „Deutschland“ hat für Empörung gesorgt. Zu sehen ist eine an eine KZ-Hinrichtung erinnernde Szenerie, deren provokantester Moment ein flüchtiger Schwenk über einen gelben Stern ist, wie ihn jüdische Naziopfer zu tragen hatten. Ein Tabubruch?

Die Reaktionen waren prompt, sehr prompt. Und sie kamen von Absendern, mit denen der Autor meist konform geht. Diesmal allerdings nicht. Die Aussagen, die die „Bild“-Zeitung zu dem Trailer eingeholt hatte, waren vernichtend: Karin Prien, Sprecherin des Jüdischen Forums in der CDU, spricht von einer „widerlichen Geschmacklosigkeit“, die nur dazu diene, „Klicks zu erzeugen“. Und Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, sekundierte: „Die Inszenierung der Musiker von Rammstein als todgeweihte KZ-Häftlinge stellt die Überschreitung einer roten Linie dar.“ Wirklich?

Die Antwort ist nein. Denn die Empörung, heutzutage ja eher von vermeintlich politisch-korrektem Reflex denn von Reflexion gespeist, kam zu früh. Man sollte auch ein Buch nicht nach der dritten Seite verdammen, sondern es zuende lesen, bevor man öffentliche Urteile abgibt. Man kann Rammstein zwar vorwerfen, aus einem wirklich ausgesprochen gelungenen und kunstvollen Video, das länger als neun Minuten ist, just die provozierenden KZ-Szenen verwendet zu haben – doch auch das ist völlig durch die Kunstfreiheit gedeckt. Denn die Band behandelt in ihrer allegorischen Reise durch die deutsche Geschichte das Thema Nazizeit und Massenmord mit dem ästhetisch wie sprachlich größtmöglichen Abscheu:

„Überheblich, überlegen
Übernehmen, übergeben
Überraschen, überfallen
Deutschland, Deutschland über allen“

heißt es da etwa. Das ist beim schlechtesten Willen nicht misszuverstehen. Und weder werden KZ-Opfer verhöhnt noch werden sie instrumentalisiert. Der dramaturgische Kniff, die Häftlingsszenen als Teaser für das Gesamtvideo zu nehmen, mag verstören – aber halt als theatralisches Element – und nicht mehr, als es Thomas Bernhard, Christoph Schlingensief oder Peter Zadek getan hätten.

Ahnungslose Kritiker

Wer der Band unterstellt, sie arbeite mit rechten Chiffren, ist wirklich ahnungslos. Rammstein entlarvt diese – in Wort und Bild. Und als Germania, das mythisch verklärte Bindeglied einer romantisierenden deutschen Geschichtsklitterung, firmiert ausgerechnet Ruby Commey, Schauspielerin am Berliner Ensemble – und pechschwarz. Sie ist es, die als Wechselbalg-Gebärende die Geschichte der Pippinschen Reichsteilung und der Multhiethnizität des Transitlandes Deutschland all denen als Friss-oder-Stirb-Argument entgegen schleudert, die von einem Dritten oder sonstigen rassereinen Reich träumen mögen. Diese Träume verwandeln Rammstein in „Deutschland“ nämlich mit Regietheater-Präzision in blutig-verhurte Albträume. Und sie taugen in ihrer Komplexität auch eher nicht zu einem Trailer.

Die „Deutschland“-Inszenierung ist eine wirklich meisterhafte Metapher auf alles, was so seit der Varus-Schlacht für deutsch gehalten wird und wurde. Teils rauschhaft durcheinander, teils scheinbar chronologisch – aber immer große Kunst. All diejenigen, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden eingeschlossen, die eingedenk des Trailers in Schnappatmung verfielen, sei das Statement von Iris Rosenberg, der Sprecherin von Yad Vashem ans Herz gelegt:

„Yad Vashem kritisiert nicht generell künstlerische Arbeiten, die an Holocaust-Bilder erinnern. Wir glauben, dass eine respektvolle künstlerische Darstellung des Subjekts legitim sein kann, solange es die Erinnerung an den Holocaust keinesfalls beleidigt, herabsetzt oder schändet. Und nicht nur als bloßes Werkzeug dient, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu gewinnen. Deshalb fordert Yad Vashem Künstler auf, verantwortungsvoll zu handeln und die Erinnerung an die Opfer des Holocaust sowie die Überlebenden zu respektieren, die die Schrecken der Epoche überstanden haben.“

Genau das haben Rammstein getan. Und all die Empörten, sie hätten sich mal besser zu den jüngsten unerträglichen Äußerungen des deutschen UN-Botschafters im Kontext mit Gaza und Israel geäußert. Bei dessen unerhörten Vergleichen von Tätern und Opfern, der Gleichstellung von islamistischen Terroristen mit einem demokratischen Land, da schwieg die Nation – und besonders laut der Zentralrat der Juden.




Schreibt, berät und berät Schreibende sowie (Medien-)Unternehmen. Ist aber zuvörderst und mit Herzblut Journalist, Kommentator und Autor mit den Schwerpunkten internationale und nationale Politik, Jüdisches, Kultur und – als journalistisches Hobby –, American Football. Lebt in Hamburg und nach Möglichkeit in seinem Seelenversteck in Florida.