Aus Emil Doeplers "Walhall, die Götterwelt der Germanen" Original: Public Domain, Komposition: Franziska Holzfurtner

Deutscher Gin und Deutscher Sang

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Hipster sind kein Problem, wenn sie Englisch sprechen. Schlimmer ist, dass sich unter ihrer vermeintlich progressiven Hülle oft deutschtümelndes Machotum verbirgt.

Stellen Sie sich vor, in einer Kleinstadt im südlichen Mittelsachsen gründete eine Gruppe Verwaltungsbeamter mittleren Alters eine Schnapsbrennerei, die sich damit brüstet, nur echten deutschen Korn aus echtem deutschen Getreide zu brennen, ein altes germanisches Heilmittel. In der Firma arbeiten bis auf die Sekretärin nur Männer, und diesen Schnaps nennen sie dann „Thorstrunk“. Auf dem Etikett prangt der Thorshammer.

Denken Sie, das wäre bald unter einem anderen Namen als der „Nazischnaps“ bekannt?

Kaum. Aber wenn der Korn ein Gin ist und wenn er aus dem Rheinland und nicht aus Naziland ist, wenn er außerdem von bärtigen Hipsterlackaffen statt untersetzten Familienvätern gemacht wird, dann heißt er „Siegfried“ und ist der heißeste Scheiß, seit Whiskey wieder out ist.

Lassen wir Hipstern möglicherweise zu viel durchgehen, weil sie so verdammt cool aussehen?

M’Lady!

Wer sich einmal die von Hipstern betreuten Geschäftszweige ansieht, stößt auf eine überraschend wenig subtile Geschlechtertrennung: Während Hipsterinas mit selbstgebasteltem Schmuck, Backwaren oder Second-Hand-Klamotten handeln, hat ein männlicher Hipster eine Schrauberwerkstatt, eine Bar oder einen Steakgrill.


 Zu faul zum Lesen? Dann lassen Sie sich diesen Artikel einfach vorlesen von David Harnasch:

Musik: Rocket Power Kevin MacLeod (incompetech.com); Licensed under Creative Commons: By Attribution 3.0 License


In den „Managements“ dieser schwer maskulinen „Start-Ups“ sitzen dann nur Männer mit geometrischen Tattoos und speckigen Hüten zusammen, mit der einzigen Ausnahme „Jill on Social Media“ – wie „Key of Awesome“ sie in ihrer Hipsterparodie nennen.

Doch nicht nur die Firmen selbst sind Sausageparties, auch die Kundschaft wird strikter geteilt als eine Dorfkirche 1912. „Todi’s Barbershop“ in Berlin-Wilmersdorf beispielsweise hat seine Scheibe großflächig mit dem Hinweis „It’s a man’s world – sorry Ladies“ beklebt, was angesichts der Deklaration als „Herrenfriseur“ wirkt wie ein 8-jähriger, der einen „Mädchen unerwünscht“-Zettel an seine Zimmertür hängt. Die Hipsterkultur feiert alles ab, was sich schon kleine Jungs als besonders männlich vorstellen: Bärte, Schnaps, Rumwerkeln, Holzfällerhemden und möglichst große Fleischstücke.

Diese infantile Männlichkeit zeigt sich auch im jovialen Herumgeschwänzel, das bei den „Fedora Tippers“ des Internets lächerlich wirkt und eine leicht misogyn angehauchte Unsicherheit gegenüber Frauen nur unzureichend versteckt. Für den Hipster ist das Teil des „altmodischen Charmes“. An Männer gerichtete Angebote wie die Seite des Lifestyle-Ladens „Soul Objects“ in Berlin-Prenzlauer-Berg schaffen eine verschämte kleine Nische für „Soul Sisters“, in der sie dann Schokolade, Babystrampler oder blubbernde Roséweine anbieten. Derlei unbeholfene oder misogyne Inhalte werden lediglich mit progressiver Ästhetik ausgespachtelt und schließlich mit einer satten Schicht Ironie übertüncht.

Mit seiner Mischung aus betonter Sensibilität, Schöngeistigkeit und Rückbesinnung auf alte Rollen neigt sich der Hipster wieder gefährlich dem viktorianischen Männlichkeitsideal zu. Es ist auch letztlich die viktorianische Ästhetik, die er zitiert, und in dieser Ästhetik gibt es erst einmal keinen Platz für Frauen. Wahre Freundschaft, wahrer Genuss, wahre Qualität findet man eben nur von Mann zu Mann. „Sorry Ladies.“

Oder ein Puppenheim…

Die Welt der Hipsterfrau ist hingegen ganz anders, sie ist voller Pastell, Bäckereiwaren und süßer Tiere. Sie sieht den ganzen Tag aus wie eine Ballerina in der Mittagspause oder als trüge sie die Kinderklamotten ihrer Eltern auf. Sie trägt einen zerzausten Dutt, zuckerwattefarbene Kaschmirpullover, zu kurze Achtziger-Jahre-Latzhosen. Sie ist niemals professionell oder sexy. Sie ist immer irgendwie süß, verwuschelt oder verträumt, höchstens auf kindliche Weise burschikos. Eine viktorianische Kindsfrau, die sich durchs Leben bastelt und liest und Teegesellschaften mit ihren Katzen gibt.

Wer auf Youtube „introvertiert“ sucht, findet hauptsächlich Frauen ab 20, die über ihre angebliche Introvertiertheit sprechen, was natürlich etwas skurril ist. Der Introvertiertheits-Hype ist im Internet omnipräsent und er bestärkt Frauen darin, sich zurückzuziehen, häuslich zu sein und damit auf Netzwerke, Erfolg und finanzielle Validierung ihrer Arbeit zu verzichten.

Und was machen die introvertierten Frauen den ganzen Tag zuhause? Pinterest, ein Online-Sammelalbum für visuelle Inspiration, schlägt ihnen die Themen Hochzeit, Baby, Kochen, Abnehmen sowie Handarbeit und Werken vor. Die Seite ist berühmt-berüchtigt dafür, besonders verlobte Frauen ins Bastelburnout zu gängeln. 70 Prozent der Frauen auf Pinterest besitzen ein Hochzeits-Pin-Board, bevor sie überhaupt verlobt sind. Sogenannte Minimalismus- oder Aufräumphilosophien, wie etwa „KonMari“ oder „die magische Küchenspüle“, vermitteln, dass Haushaltsführung eine Form der Zen-Meditation und Seelenhygiene ist. Selbstverständlich für Frauen, die laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung immer noch 60 Prozent mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer. Die Hipsterinas im Bastelwahn halten das für Konsumkritik.

Hauptsache, die Frau ist beschäftigt, während Hipsterino sich sein 250-Gramm-grassfed-Simmenthaler-Dry-Aged-T-Bone-Steak reindreht. Und das nennt man dann Fortschritt.

I bims, der Nationalismus

Neben den verstörenden Macho-Tendenzen hat sich allmählich ein noch verstörenderer Nationalismus wieder breitgemacht. Theoretisch ist der Hipster ja eigentlich immer noch linksliberal, schließlich hat er meistens an einer deutschen Uni studiert, ohne groß aufzufallen. Fast sämtliche Trends, die er aufgreift, kommen aber aus den USA. Damit kommt er logischerweise nicht besonders gut zurecht. Es ist klar, dass der teutsche Hipster kein Craft-Bier aus Amerika importieren kann, er muss es selber machen. Aber wenn er sich auf die „gute alte Zeit“ und „gutes altes Handwerk“ in Deutschland rückbesinnen möchte, kommt ihm ärgerlicherweise der Nationalsozialismus in die Quere.

Er knüpft also an bestehende Konzepte der Biobewegung, „lokal“, „regional“, „Oma und Opa“, „traditionell“ und „artisanal“ an und argumentiert weniger über den historischen Kontext als über die komplexe Umwelt, Gesundheit und Konsumkritik. Er versucht, diffuse Sentimentalitäten anzusprechen, indem er beispielsweise eine längst eingestellte Biersorte wie „Diamant-Bräu“ in Magdeburg wiederaufleben lässt, vermeidet aber peinlich jedwede historische Kontextualisierung jenseits der Wiederverwendung des Logos.

Reißt er das Steuer zu weit herum, um den amerikanischen Einfluss zu überdecken, entstehen oft etwas fragwürdige Dinge. Wie Siegfrieds teutscher Gin mit germanischer Lindenblüte, oder „Adler“, der Gin aus der „Preußischen Spirituosen Manufaktur“ (nur echt mit dem Deppenleerzeichen), auf dessen Etikett ein ziemlich nazi-esk anmutender Reichsadler prangt. Oder man nennt seinen Burgerladen in Berlin-Moabit „Wilhelms Burger“, ohne zu ahnen, dass ein Herr Wilhelm Burger früher mal Leiter der Standortverwaltung in Auschwitz war, wo er sich vermutlich genau wie in Moabit durch „Industrie- und Bunkerlampen eine gemütliche Atmosphäre geschaffen“ hat.

Mit alten deutschen Namen einen nostalgischen Rahmen zu evozieren, ist vom Prinzip her nicht schlecht. Ich habe Diamant-Bier und Slyrs-Whisky beispielsweise sehr gern getrunken und mich dabei ein bisschen nostalgisch gefühlt.

Nichts als Ironie

Das Problem ist jedoch, dass die bei einigen Hipstern vorhandene mangelnde Ernsthaftigkeit auch zu einem Mangel an ernsthafter Selbstreflexion führt. Die Gründer von „Wilhelms Burger“ wollten ihren Laden vermutlich nicht nach einem Mann benennen, der für die Beschaffung von Zyklon B verantwortlich war. Sie fühlten sich so progressiv, dass allein die Idee, irgendetwas das sie tun, könne etwas mit Rechtsradikalen zu tun haben, in ihren Augen total lachhaft sein musste. Und selbst wenn, ist das kein Problem, denn es ist ja nur ironisch gemeint.

Und das ist der eigentliche Punkt, nämlich das fehlende Problembewusstsein. Indem die Hipsterkultur nichts von dem, was sie an „altmodischem“ Kram tut, ernst nimmt, betrachtet sie sich von vornherein als progressiv und spricht sich auch prophylaktisch von allem Anruch frei.

Dass das aber nicht reicht und auch schnell aus den Augen verloren werden kann, zeigt beispielhaft der Komiker und Schauspieler Gavin McInnes, dessen Name allein schon der feuchte Traum eines jeden Hipsters ist. Hinzu treten ein wunderbar gepflegter Bart, das religiöse Tragen von Hosenträgern sowie der Umstand, dass er „Vice“ mitgegründet hat. McInnes machte Schlagzeilen, als er 2016 Donald Trump unterstützte. Sein Konzept „Whestern Chauvinism“ ist alles, was ich in Bezug auf Hipster-Geschlechterrollen und diffusen Nationalismus beschrieben habe, und noch mehr.

Genau das passiert, wenn die typischen Hipsterleiden Authentizitätssehnsucht und Zivilisationsmüdigkeit die Gewalt über das linke Unbehagen gewinnen. Die romantische Träumerei von der Heimeligkeit früherer Zeiten weicht genau wie ihre Vorlage aus dem frühen 20. Jahrhundert einem drängenden Streben; sämtliche Ironielagen verblassen und dann ist das alles plötzlich todernst, der Siegfried, die Ballerina, der Wilhelm Burger und eben auch Donald Trump: er ist wenigstens authentisch.

Selbstverständlich werden nicht sämtliche Hipster Berlins morgen zu brachialen Nazis. Aber sie schaffen ein Biotop, in dem fast alles möglich ist, weil man von vornherein einen Ironie-Persilschein hat. Die Gavins dieser Welt sind nicht so dumm, diese Entwicklung nicht für ihre Zwecke zu nutzen.




Franziska Holzfurtner studierte Religionswissenschaft in München mit einem Schwerpunkt auf Säkularisierungsgeschichte. Sie promoviert dort derzeit zu theologischen Konzepten im Weltbild der zeitgenössischen Umweltbewegung. Sie ist mit Leib, Seele und Verstand ihrer bayerischen Heimat zugetan, ihre Hood ist Milbertshofen. Sie ist derzeit Stipendiatin der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.


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