Alles verloren? Vielleicht doch nicht... Demo Foto / Flickr.com (CC BY 2.0)

Tödliche Beruhigungstherapie

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag

Die sieben Kategorien der Covid-Verschwörungstheoretiker — und wie vielleicht doch noch mit ihnen geredet werden kann

Covidioten; Verschwörungs-Schwurbler; Impfgegner; Corona-Leugner. Es gibt viele Schimpfwörter, um Leute zu kennzeichnen, die die Covid-Impfung ablehnen oder keine Masken tragen oder es mitten in einer Pandemie für eine gute Idee halten, zusammen mit 50.000 anderen ein Fußballspiel zu besuchen. Indessen lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Nicht alle Impfgegner sind aus dem gleichen Holz geschnitzt. Manche sind deutsche Eichen, andere teutonische Fichten, wieder andere Palmen aus dem Morgenland. Es gibt Leute, mit denen jede Diskussion nutzlos ist. Aber es gibt auch Menschen, die für rationale Argumente vielleicht noch erreichbar sind.

Klassifizieren wir also die verschiedenen Schulen der Covid-Verschwörungstheoretiker. Grob gesprochen können wir sieben Kategorien unterscheiden: Die Möglichkeit, mit ihnen in eine rationale Diskussion einzutreten, unterscheidet sich von Fall zu Fall.

1. Covid gibt es gar nicht. Zu den prominentesten Vertretern dieser speziellen Verschwörungstheorie gehörte im Frühjahr 2020 der damalige amerikanische Präsident, der Covid als “Schwindel der Demokraten” bezeichnete. Diese Verschwörungstheorie ist besonders unheilsam, weil sie Leute dazu bringt, weiter auf Parties zu gehen und keine Schutzvorkehrungen gegen das Virus zu treffen.

Möglichkeit, diese Leute vom Gegenteil zu überzeugen: Realitätsschock. Sobald sich die Massengräber füllen, pflegen die kompletten Leugner kleinlaut zu werden. Viele von ihnen sterben auch.

2. Covid ist nur eine Art Schnupfen. Leute, die so reden, berufen sich gern auf die Statistik: 99 Prozent der Infizierten überleben, also sei doch alles gar nicht so schlimm. Hier helfen Grundkenntnisse der Mathematik zur Widerlegung. Allerdings sagen Anhänger dieser Theorie häufig auch, es sei noch gar niemand an Covid gestorben, sondern aus ganz anderen Gründen — Covid sei jeweils nur eine Begleiterscheinung gewesen. Ei billiger rhetorischer Trick: Nach dieser Logik wäre auch noch nie eine Mensch an Aids gestorben, denn das HIV-Virus bewirkt ja nur die Komplikationen (Lungenentzündung, Organversagen), die dann zum Tod führen. Die Covid-ist-Schnupfen-Fraktion lehnt alle Eindämmungsmaßnahmen ein, etwa Lockdowns, weil die angeblich mehr Schaden verursachen als die Seuche.

Möglichkeit, diese Leute vom Gegenteil zu überzeugen: siehe oben. Die Katastrophe muss allerdings immer in ihrer Nähe passieren — Bilder aus anderen Weltregionen führen eher zu rassistischen Reaktionen. (“Das liegt nur daran, dass es in Amerika so viele Übergewichtige gibt.”)

3. Covid wurde von den globalisierten Eliten (Bill Gates, George Soros) künstlich geschaffen, um die Weltbevölkerung zu dezimieren. Covid wird gar nicht von einem Virus hervorgerufen, sondern von Chemtrails, 5-G-Telefonmasten oder der Morgellons-Krankheit. Leute, die so reden, sind lästig und mindestens tendenziell antisemitisch.

Möglichkeiten, sie vom Gegenteil zu überzeugen: keine. Aber man kann sie vielleicht zur Impfung überreden, indem man ihnen sagt, dass sie damit den Juden ein Schnippchen schlagen.

4Covid betrifft mich nicht. Vor allem junge Leute reden so, die sich — das kommt bei Menschen unter 30 häufiger vor — für unsterblich halten. In dieser Behauptung steckt ein Gran Wahrheit: Das Sterblichkeitsrisiko steigt bei einer Covid-Erkrankung tatsächlich mit dem Alter. Aber es ist aber auch bei jungen Leuten erheblich, und das statistische Risiko steigt, je weiter sich das Virus verbreitet.

Möglichkeit, diese Leute vom Gegenteil zu überzeugen: mit ihnen über Long Covid reden. Appelle an das Solidaritätsgefühl bewirken eher wenig. 

5. Covid kann durch einfache Hausmittel (Vitamine, Zink) oder Wunderkuren (Ivermectin) geheilt werden. Leute, die so reden, halten Covid nicht für harmlos; sie schlottern vor Todesangst. Sie haben sich aber eingeredet, dass sie einen Zauber kennen, der die Angst bannt.  

Möglichkeiten, diese Leute vom Gegenteil zu überzeugen: die Angst ernst nehmen, Tabellen vorlegen, die zeigen, dass Impfungen der Ausweg sind.

6. Die Impfungen sind nutzlos. Leute dieser Kategorie feiern jeden Impfdurchbruch beinahe wie einen Sieg: Da seht ihr es! Haben wir es nicht gleich gesagt! Wahr ist, dass die Impfungen nicht sterilisierend wirken, dass sie nach vier bis sechs Monaten an Wirksamkeit verlieren und aufgefrischt werden müssen. Allerdings müssen viele Impfungen immer und immer wieder erneuert werden (Tetanus). Bei Covid-Vakzinen lautet die gute Nachricht, dass nach der Drittimpfung die Zahl der Antikörper um das Zehn- bis Zwanzigfache in die Höhe schießt und auch ihre Qualität sich verbessert. Kann sein, dass wir die Impfstoffe gegen neue Virusvarianten nachschärfen müssen. Zum Glück geht das relativ schnell und unkompliziert. Schon jetzt haben Impfungen Millionen Menschen gerettet, die ohne sie dieser Seuche erlegen wären.

Möglichkeit, diese Leute von Impfungen zu überzeugen: Meistens gar nicht nötig. Viele, die noch vor zwei Monaten so dahergequatscht haben, sind mittlerweile geimpft. Den Rest wird eine Impfpflicht überzeugen.     

7. Die Impfungen sind irgendwie schädlich. In diese Kategorie gehören unbedingt die Hoden der Rapperin Nicki Minaj — natürlich handelte es sich nicht um ihre eigenen Hoden, sondern die eines Freundes ihres Cousins in Trinidad: Angeblich waren sie angeschwollen, und er war nach der Impfung impotent geworden. Zum Glück fand sich nirgendwo auf Trinidad ein klinischer Fall, auf den diese Beschreibung zutraf. Dann sind da die Berichte über implantierte Mikrochips und Nanoroboter — oder die Gerüchte, dass die Impfungen zu Massensterben geführt hätten. (Nach dieser Logik müssten die Portugiesen, Spanier und Israelis, aber auch die New Yorker längst tot sein.) Dann hört man das Scheinargument, die Impfstoffe seien noch zu wenig erprobt — in Wahrheit wurde mittlerweile die halbe Weltbevölkerung vakziniert; eine größere Kontrollgruppe hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben. Oder es wird vor Langzeitfolgen gewarnt; das klingt sehr medizinisch, ist aber Unsinn, da es Langzeitfolgen bei Impfungen grundsätzlich nicht gibt.

Möglichkeit, diese Leute vom Gegenteil zu überzeugen: schwierig, da dahinter meist eine banale Furcht vor Nadeln steckt.

Kaum ein Zustand ist für den menschlichen Geist so unerträglich wie Angst oder Unsicherheit — am unerträglichsten: die Kombination aus beidem. Mit der Omikron-Variante des Virus erleben wir gerade wieder eine solche Phase, denn noch wissen wir sehr wenig. Ist Omikron wirklich übertragbarer als Delta oder sieht es nur in Südafrika so aus? Bis zu welchem Grad entgleitet Omikron unseren Impfstoffen? Fallen wir wieder in die Anfangsphase der Pandemie zurück, als wir hilf- und schutzlos waren? Macht Omikron so krank wie Delta, weniger krank oder kränker? Wir werden ein paar Wochen warten müssen, bis wir Antworten haben, und das schmerzt. 

Dass auf dem Humus der Verunsicherung gerade jetzt wieder vermehrt Verschwörungstheorien blühen, sollte niemanden verwundern. Ein Wunder wäre eher, wenn es solche Verschwörungstheorien nicht gäbe. Verschwörungstheorien haben bisher noch jede Seuche begleitet — denken wir an das böse Märchen in der Pestzeit, Juden hätten die Brunnen vergiftet.

Verschwörungstheorien bringen Ordnung ins Chaos

Auch die Leugnung von Seuchen gehört zu Seuchen beinahe unabdingbar dazu. Das menschliche Gehirne reagiert auf Katastrophen nämlich keineswegs, indem es in Panik gerät; statt dessen schafft es mit enormer Kreativität Szenarien, die ihm suggerieren sollen, alles sei in bester Ordnung. Bei der Schiffskatastrophe der “Estonia” — gesunken im September 1994; 854 Opfer — wurde ein Mann beobachtet, der seelenruhig an der Reling stand und eine Zigarette rauchte, als ob nichts wäre. Ein anderer legte sich in ein Rettungsboot. Er tat nichts weiter: legte sich hinein und blieb liegen, offenbar in der irrsinnig-seligen Hoffnung, das Rettungsboot werde sich von allein losmachen und ihn in Sicherheit bringen.      

Verschwörungstheorien haben unter anderem — vielleicht sogar vor allem — eine beruhigende Funktion. Sie bringen Ordnung in das Chaos, beschwichtigen, geben Halt. Das historisch Neue an unserer Situation ist, dass Verschwörungstheoretiker jetzt dank Facebook ein Medium haben, mit dem sie ihre Fehlinformationen in Lichtgeschwindigkeit verbreiten können. Historiker werden uns eines Tages sagen können, wieviele Millionen jenen Fehlinformationen zum Opfer gefallen sind.

Jenen Leuten aber, mit denen noch geredet werden kann, sollte anstelle von Blödsinn eine andere Beruhigungstherapie angeboten werden: die Impfspritze.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".