Die dritte Marktwirtschaft

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Es könnte gut sein, dass wir gerade eine Geburtsstunde historischen Ausmaßes erleben – und keiner nimmt sie wahr. Hier ist ihre Geschichte – die es uns erlaubt, weniger pessimistisch in die Zukunft zu schauen.

Wir könnten es mal mit Optimismus versuchen. Ich meine das ernst. Fangen wir einfach an: Es beginnt etwas Neues, etwas wirklich Neues!!! Damit ist das Neue noch nicht vollständig in der Welt, das dürfte keinen überraschen, aber der Anfang ist gemacht. Wir können erleben, wie das Neue immer mehr Gestalt annimmt. Und bald wird es sich auf den Weg machen und auch andere Länder erfassen. Es wird Rückschläge geben, ja, viele werden sich zunächst gegen das Neue sperren, aber trotzdem wird es sich weitgehend durchsetzen, es wird das Normale, das Selbstverständliche werden. Niemand wird sich später noch vorstellen können, dass es für die meisten einmal unvorstellbar gewesen ist. Es wird bestimmend für unser Leben sein. Es beginnt jetzt – wir sind dabei und können es erleben.

Wovon ich rede? Ich rede von der ökologischen Marktwirtschaft. Mit ihr treten wir nicht weniger als in ein neues Zeitalter ein. Nach der freien Marktwirtschaft, die, wie Karl Marx es beschrieb, alles Ständische verdampfen ließ und ungeahnte Produktivkräfte freisetzte, und der sozialen, die, zumindest in den westlichen Industriestaaten, den Mehrwert des Fortschritts auch breiten Massen zur Verfügung stellte, folgt nun die ökologische Marktwirtschaft. Und das ist gut so. Da gibt es kein Vertun. Bei solch einer Art Zeitenwende ist dann auch etwas Pathos erlaubt, da darf man auch mal drei Ausrufezeichen setzen. 

Es ist egal, dass Marktliberale alter Schule warnen und antikapitalistische Degrowth-Apologeten mit den Zähnen knirschen: Es wird kein Weiter-so und auch kein ökonomisches Schrumpfen und Schrumpeln geben. Aber doch eine Art von Systemwechsel. Besser: eine große Korrektur. Nicht von heute auf morgen. Aber der Pfad ist bereitet. Und es wird weitergehen. Denn die Größe der Probleme wird es erzwingen.

PROBLEME MIT DER ENDLICHKEIT

Das liegt zum einen am Klimawandel. Dazu ist alles gesagt. Trotzdem noch einmal kurz: Wir stoßen zu viele Gase wie Kohlendioxid und Methan aus, die das thermisch-radiative Gleichgewicht des Klimas verändern und den Planeten erwärmen. Das taten und tun vor allem die reichen Länder, aber nicht nur. Auch planwirtschaftliche Inkompetenz hatte und hat erhebliche Kohlendioxid-Emissionen zur Folge. 

Es gibt noch ein weiteres großes Problem: den ungebremsten Raubbau an den natürlichen Grundlagen wie Rohstoffe, Wälder, fruchtbares Land, Trinkwasser. Die meisten Ressourcen, die tagtäglich in Produktion, Verkehr oder Haushalt verwendet bzw. verbraucht werden, sind nicht erneuerbar. Sie sind nach der Nutzung weg: verschwunden als Müll, Abgas, Verschmutzung. Und dieser Verbrauch an wertvollen, natürlichen Ressourcen hat sich seit 1970 verdreifacht. Tendenz: weiter steigend. Insgesamt verbraucht die Menschheit 60 Prozent mehr an Rohstoffen als von der Natur regeneriert werden können. In Deutschland liegt dieser katastrophale Wert noch höher. Jede Logik sagt, dass dies kein zukunftsfähiger Weg ist. Wir müssen mit der Endlichkeit der planetarischen Reichtümer wie mit unserer eigenen Endlichkeit umgehen: verantwortungsvoll, vorausschauend, klug. 

Ein drittes großes Problem: die demographische Entwicklung. Mittlerweile leben rund acht Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Bald werden es neun sein, irgendwann zehn. Auch das ist schon lange klar. Genauso lange wird behauptet, dass sich dieser Trend bald umkehrt. Tut er bislang aber nicht. Also werden wir noch mehr. Tatsächlich können wir sehr viel mehr Menschen ernähren, wärmen, verbinden und fortbewegen. Aber nicht mit den alten Mitteln.

WAS ZU TUN IST  

Ich weiß nicht, was alles getan werden muss, getan werden kann, getan werden wird. Ich bin kein Hellseher. Aber ein paar Dinge scheinen mir für die Zukunft evident zu sein. Sie werden den Kern der ökologischen Marktwirtschaft bilden.

Erstens, die Preise werden die Wahrheit sagen. Das ist eine alte Forderung. Sie bedeutet letztendlich: Die Preise werden steigen. Manches wird sogar erheblich teurer. In jeder Ware, in jedem Zeug, in jedem Produkt stecken Kosten – sogenannte „externalisierte Kosten“ –, die nicht vom Konsumenten getragen werden und auch nicht vom Produzenten, sondern von der Allgemeinheit. Und die Allgemeinheit, das sind meist die zukünftigen Generationen. Dass wir zum Beispiel sehr, sehr große Mengen Kohlendioxid (CO2) ausstoßen, geht auf Kosten unserer Zukunft. Es ist also nur gerecht und vernünftig, den Ausstoß von Kohlendioxid durch eine Steuer und einen Emissionshandel zu verteuern, um die zukünftigen Kosten in die Gegenwart zu holen – denn wir verursachen ja heute die Folgen. Der positive Effekt dieser Verteuerung: Es werden Wege gesucht, diese Kosten zu vermeiden. Hier wird der Profitgedanke durch staatlichen Nachdruck zum grünen Kumpel der Vernunft. Emissionshandel wie CO2-Steuer gibt es schon, doch sie werden in der ökologischen Marktwirtschaft noch erheblich an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig werden viele Rohstoffe knapp, Lager sind erschöpft, und immer mehr Menschen brauchen immer mehr Produkte für ein gutes Leben. Aber Knappheit treibt die Preise. Dabei kann es um Weizen gehen, um Gas, Lithium oder Holz. Was knapp ist, wird teurer. Und der Klimawandel könnte alles noch mehr verteuern. Ärmere Menschen trifft das schwerer. Deshalb müssen andere Dinge des täglichen Gebrauchs günstiger werden, Ökostrom zum Beispiel oder das Wohnen. Hier muss der Staat eingreifen. Es würde nicht überraschen, wenn die Ampelkoalition schon im nächsten Jahr ein Energiegeld ersänne, das zum Beispiel mit der Steuerrückerstattung ausbezahlt wird. Und was an Überlebenswichtigem immer noch fehlt, muss effizienter genutzt oder ersetzt werden. Dafür braucht man Effizienz und Innovation, sehr viel Effizienz und Innovation, in revolutionärem Maße quasi.

WAS AUCH NOCH ZU TUN IST

Diese Revolution soll, zweitens, den eben skizzierten „Konflikt zwischen Wachstum und Knappheit durch die Entkopplung von Wohlstand und Ressourcenverbrauch“ auflösen. Das ist eine Formulierung, die man in diesem Zusammenhang öfter hört. (Der politische Publizist Ralf Fücks hat um diesen Satz herum schon vor bald zehn Jahren ein Buch verfasst, das seiner Zeit voraus war und mithin immer noch aktuell ist.) Tatsächlich ist dieser Satz ein zentraler Artikel im Grundgesetz der ökologischen Marktwirtschaft. Aber die genannte Entkopplung kann eben nur durch eine  Effizienzrevolution und ein  Apolloprogramm für Innovationen gelingen. Für beides braucht man sehr viel Geld – schließlich soll die Effizienz, also der geringe Verbrauch von Material und Energie, durch Erfindungen hervorgebracht werden. Und dieses Geld kann nur aus zwei Quellen kommen: vom Staat und aus der Privatwirtschaft bzw. von Privatleuten. Da der Staat im Großen und Ganzen etwas klamm ist – schließlich muss er u.a. eine soziale Infrastruktur unterhalten, und etwas Anderes kommt demnächst auch noch hinzu (dazu später mehr) –, könnte er riesige Zukunftsfonds auflegen, die mit Privatmitteln Innovationen finanzieren. Und er kann gleichzeitig die Bedingungen für Risikokapitalgeber verbessern, die in Start-ups investieren. Denn Geld ist ja da. Man könnte sagen: im Überfluss. Und an Ideen, Willen und Ehrgeiz mangelt es auch nicht. Die Deutsche Energie-Agentur beispielsweise hat errechnet, dass bis 2030 rund 200 Milliarden Euro an Risikokapital für Technologien notwendig sind, um Klimaneutralität in Deutschland zu erreichen. Man sollte bei solchen Prognosen nicht jede geschmeidige Zahl für bare Münze nehmen, aber als Orientierung und Ermutigung darf man sie ernst nehmen. 

Doch es gibt ein Problem mit der Effizienz. Schon seit etlichen Jahren steigt zwar die Effizienz in vielen Bereichen, mithin nehmen Verbrauch und CO2-Ausstoß im Prinzip ab, doch werden diese Gewinne wieder aufgefressen durch noch mehr Konsum, einem exzessiven Konsum quasi, der die erhoffte Effizienzrevolution durch eine Komfortrevolution zunichte macht. Nirgends ist dieser sogenannte „Rebound“-Effekt deutlicher als bei den heißgeliebten und vielgehassten SUVs zu sehen. Noch in den 1980er-Jahren staunte man, wenn die Queen und der Bhagwan mit einem Rolls Royce durch die Gegend juckelten. Heute stellt jeder Ford Explorer, der mal locker 2,5 Tonnen Leergewicht auf die Waage bringt, an Komfort die alten Monarchensänften in den Schatten. Diese Art von Automobilen, die sich mittlerweile jeder gehobene Angestellte leisten kann und die mithin zu preiswert sind, verbrauchen für eine endliche Welt zu viel Material, zu viel Energie, zu viel Platz. Man muss kein Ökologe sein, um das zu begreifen. Es ist in den letzten Jahrzehnten ein  Überluxus entstanden, der sich als Fortschritt ausgibt, aber jeden nachhaltigen Fortschritt im Keim erstickt. In der ökologischen Marktwirtschaft kann dafür kein Raum mehr sein. Durch die oben schon erwähnte notwendige Verteuerung werden auch solche Verbrauchsexzesse auf vier Rädern teurer. Den Rest könnte eine saftige Überluxussteuer für Automobile mit einem Gewicht von zum Beispiel mehr als 1,7 Tonnen erledigen – ihre Zahl dürfte deutlich sinken. 

Und gerade spült mir Spiegel-Online unfreiwillig das nächste Beispiel herein, das verdeutlicht, was nicht geht. Wieder ist es eine Werbung für einen SUV, einen Volvo XC 40 Recharge, er wird also vollelektrisch angetrieben. Der Wagen wird gepriesen für eine Reichweite von knapp 420 km und einer Beschleunigung von null auf hundert in 4,9 Sekunden. Diese Daten springen einen geradezu an. Aber versuchen Sie mal, die Angaben zu seinem Gewicht zu finden. Das ist nicht so einfach. Wenn man seine Riesengröße anschaut, kann man sich allerdings schon denken, dass er leer tatsächlich auf 2,2 Tonnen kommt. Das soll also heißen: Man fährt luxuriös, klotzig und „klimaneutral“ durch die engen Straßen der Stadt, vor die Schulen und die Bioläden. Und selbst wenn jeder Bagger, jedes Stahlwerk und jeder Güterzug, die mit der Erschaffung dieses Ungetüms befasst sind, klimaneutral betrieben würden, so bliebe der Bau und der Betrieb dieses Gefährts eine gewaltige, dreiste, unzulässige Verschwendung – oder anders ausgedrückt: eine ökologische Sauerei. Das zeigt gut, dass die Orientierung an Klimaneutralität unzureichend ist für eine ökologische Marktwirtschaft. Sie muss Effizienz (ohne Rebound-Effekte), Nachhaltigkeit und Stoffkreisläufe zum Ziel haben. Das ist entscheidend!

WAS DARÜBERHINAUS GETAN WERDEN DÜRFTE

Drittens wird es auch in der ökologischen Marktwirtschaft Subventionen geben müssen. Subventionen wie das Dieselprivileg oder die Steuerbefreiung von Kerosin werden verschwinden, da politisch unerwünscht und ökologisch schädlich. Hingegen dürfte beispielsweise der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur, die zügig die Stahlherstellung oder den Betrieb von Schiffen, LKWs und Zügen ermöglicht, mit staatlichen Subventionen forciert werden, um die Klimaneutralität in den angepeilten Zeiträumen zu erreichen. Das gleiche gilt für die eben erwähnte Kreislaufwirtschaft, die den Ressourcenverbrauch schmälert und den Raubbau einschränkt, der auch wegen des rapiden und extensiven Ausbaus der Erneuerbaren-Energieerzeugung nicht unerheblich sein wird. Da eine lange Subventionierung allerdings die Wettbewerbs- wie auch die Innovationsfähigkeit beeinträchtigt, läuft es jeweils auf eine zeitlich beschränkte Subventionierung hinaus.  

WORAUF ES VOR ALLEM ANKOMMT

Viertens: Energie! Ohne Energie ist das hier alles nichts. Es gibt keinen Wohlstand. Es gibt keinen Fortschritt. Aber noch mehr gilt, dass es keine Klimaneutralität, keine ökologische Marktwirtschaft, keine globale Chance für den Wandel und die Korrektur unseres räuberischen Handelns gibt ohne Energie, sehr viel mehr Energie. Wenn wir wissenschaftlichen Fortschritt haben wollen, brauchen wir Energie. Wenn wir Digitalisierung wollen, brauchen wir Energie. Wenn wir uns fortbewegen, weltweit kommunizieren und auch heizen wollen – dann brauchen wir Energie. Und diese Energie wird aus erneuerbaren Quellen stammen. Von der Sonne, dem Wind, dem Wasser, der Erde. Wir werden alle nicht-fossilen Elemente nachhaltig anzapfen. Das ist eine technische und wirtschaftliche Herausforderung. Das wird ohne staatliche Förderprogramme nicht funktionieren. Doch einen Schritt vorher muss der Staat die Bedingungen schaffen, damit die Programme und Investitionen greifen können: d.h. Abbau rechtlich-regulatorischer Hemmnisse, dieSchaffung von Investitionsanreizen und begleitenden ordnungsrechtlichen Maßnahmen. Das gilt für die Gewinnung von Strom wie die von Wärme. Nehmen wir als Beispiel die Wärme, die seltener betrachtet wird, aber eigentlich die größte Baustelle mit dem allergrößten Potential bei der Dekarbonisierung und der Nachhaltigkeit ist: Die Schlüsseltechnologien dafür sind die Wärmepumpe und die Fernwärmeversorgung aus Niedertemperaturwärmequellen. Es wird in Zukunft im großen Stil Abwärme aus Industrieprozessen und Rechenzentren sowie Wärme aus fließenden Gewässern, Solar- und Geothermie gewonnen. Die entsprechenden Konzepte liegen zum Teil vor. Und auch das Know-how ist vorhanden. Was aber fehlt, das sind die Techniker, Handwerker und Betriebe, die diesen Teil der ökologischen Transformation realisieren. Die Aufgaben übertreffen die Zahl der Praktiker um einiges. Würde ein „Postcolonials in die Produktion!“ helfen? Wahrscheinlich nicht. Da schon eher die Migration, wenn man eine Ausbildungsinitiative gezielt bei Migranten intensiviert und Erfolgshungrige anwirbt und zügig ausbildet. 

DAS BLEIBT ZUM SCHLUSS    

Wenn man das alles betrachtet, wird, fünftens, deutlich, dass dem Staat erhebliche Aufgaben zukommen, die das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Regierung neu definieren. Na, nicht ganz neu definieren. Der deutsche Staat hat die Gewinnung und Nutzung fossiler Energie über Jahrzehnte in jeder Hinsicht großzügig gefördert. Und um die Atomenergie voranzubringen hat er sich nicht gescheut, eng mit der Industrie zu kooperieren – was angesichts der wahrlich prekären Materie sicher nicht falsch war. Robert Jungk urteilte in seinem Buch Der Atomstaat, Staat und Wirtschaft würden immer mehr einer großen Maschine gleichen. Das war etwas übertrieben und doch nicht falsch. Auch im „Ökostaat“ werden Staat und Wirtschaft oftmals kooperieren. Das hängt auch mit der Klimakrise zusammen. Denn es gibt keine vernünftige oder unvernünftige Art von Verzicht, die diese Krise schlagartig oder mittelfristig auf einen Reduktionspfad führen oder beenden würde. Angesichts der Zeiträume, die die ökologische Transformation benötigt, und angesichts der unglaublichen Menge an Kohlendioxid, die aktuell in Asien emittiert werden und in den westlichen Industrienationen emittiert wurden, werden wir mit dieser Krise auf lange Zeit leben müssen, gleich ob mit einer durchschnittlichen Erwärmung um 1,52 oder 1,79 oder 2,14 Grad – der Klimawandel ist da; und – man möge mir dieses Bild verzeihen – wie ein Öltanker hat er einen sehr langen Bremsweg. Deshalb kommen wir um eine Anpassung an wärmere und extremere Wetterlagen nicht herum. Auch das wird kosten. Im Inland, im Ausland. Denn es werden die reichen Länder des Nordens den armen des Südens unter die Arme greifen müssen. Und es werden die Öl- und Gasförderer (die „Fossilen“) viele Milliarden Dollar für Folgeschäden zahlen. Immer mehr Gerichte werden sie dazu verdonnern. Es sei denn, die Fossilen steigen bald und zügig um, investieren in nachhaltige Energien und Produkte. Da gibt es noch viele Bremser und Trickser, Blender und Bedenkenträger. Doch da ist auch ein großer Aufbruch zu verspüren, ein Rumor, ein Zukunftshunger, ein Fortschritt. Und auch wenn die Verhandlungen in der kommenden Ampelkoalition im Moment stocken – es würde mich nicht wundern, wenn sie trotz etlicher Kompromisse am Ende eben doch etwas Großes auf den Weg bringen. Ich bin einfach mal optimistisch. Wir werden sehen, ob zu recht. 




Lektor und gelegentlich Autor