Die Kunst des Schweigens

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Es scheint nur auf dem ersten Blick paradox, wenn Schweigen in aller Munde ist. Aber es gibt auch für ein tiefes Schweigen manchmal gute Gründe. Wir wissen nur nicht wann und welche. Ein Versuch der Klärung.

Reden ist das Schweigen an anderer Stelle. Sehr, sehr viel ist immer zu bereden, das ist sicher. Doch bei allem Bemühen in Interviews, Vorträgen, Tweets und Talkrunden verringert das Reden den Saldo des Nicht-Besprochenen nur um eher kleine und je nach Gehalt des Geäußerten sogar nur sehr winzige Beträge. Trotzdem hat das Schweigen keinen guten Ruf. Schweigen kann einschüchtern, irritieren, es wird als unhöflich und arrogant angesehen. Wir Kommunikativen sind auf Schweigen einfach nicht eingestellt.

Dabei soll es nach einem Sprichwort mal den Goldstandard der Kommunikation gebildet haben. Aber das muss vor der Erfindung der Mikrophone und Meinungsmaschinen gewesen sein, die das unentwegte Kommunizieren zum größten, ja, wahrhaft globalisierten Markt gemacht haben.

Immerhin, gestern las ich, Twitter habe rund 70 Millionen Accounts wegen der Verbreitung von Fake News zum Schweigen gebracht. Es dürften nicht wenige davon Bots gewesen sein, also kleine an strategischer Logorrhoe leidende digitale Automaten. Ich bewundere solche Internetfirmen für ihre Fähigkeit, diese Bots von realen Personen zu unterscheiden. Aber vielleicht ist das auch ein verquerer Gedanke, es wäre im Netz da noch ein semantischer Unterschied festzumachen.

Im realen Leben habe ich jedenfalls B. immer bewundert: Er konnte mit einem plötzlichen Schweigensakkord jeden irrlichternden Sermon seines Gegenübers zurückweisen und bloßstellen, nur indem er die Anschlussfähigkeit der eben gehörten Rede durch das eigene beredte Schweigen in Zweifel zog: Das, mein Lieber, war gerade so ein Unfug, dass man dem nichts hinzufügen sollte. Dieser unausgesprochene Gedanke war tatsächlich unhöflich, das Schweigen ein Affront und doch berechtigt. Aber nicht jedem gefällt das. Denn hat die Rede nicht ein Recht auf Bestätigung oder Widerrede? Schließlich komme die gegenseitige Anerkennung aus dem Gespräch. Mag sein. Aber die Würde des Menschen hängt nicht an der Zahl oder dem Gehalt seiner Worte; sie ist bedingungslos. Nur die Anerkennung als Gleiche machen wir abhängig vom Gesagten – und trotzdem brüllen wir zurück, wenden uns spottend ab und lassen es auch mal in der kommunikativen Sackgasse namens Schweigen auflaufen, wenn die individuelle Rede oder die öffentliche Debatte zu viel Ungeheuerliches oder Belangloses beinhaltet. Es kommt also darauf an, wann man wie reagiert.

RHETORIK STATT SCHWEIGEKUNST

Es nimmt nicht wunder, dass die Redekunst, die Rhetorik, ein Kind der Demokratie ist. In dem athenischen Politiker Perikles (490 bis 429 v. Chr.) vereinigte sich der überzeugende Einsatz für die erste Demokratie mit einer großen Meisterschaft in öffentlicher Rede (bei aller Legendenbildung scheint das einigermaßen gesichert). Die Demokratie brauchte die Agora, den Versammlungsplatz. An diesem Ort konnte nur überzeugen, wer seine Argumente passend und gewandt zum Besten gab. Aus diesem Grund entstanden etliche Rhetorik-Schulen; und das, was sie zu lehren anboten, wurde selbst für die namhaftesten Philosophen ein Gegenstand des Interesses. Das gilt ja bis heute – auch wenn durch den sogenannten „herrschaftsfreien Diskurs“ (Jürgen Habermas) nicht mehr so sehr der Wettbewerb denn die Gesprächsvoraussetzungen im Mittelpunkt stehen: Der Vorteil durch die bessere Redekunst soll durch die Gewährleistung einer symmetrischen Situation nivelliert werden. Das bessere Argument zählt aber oft immer noch. Schließlich fußt auf ihm das Mehrheitsurteil der Polis, des demokratischen Souveräns.

Doch was noch nie bzw. fast nie in den Lehrbüchern der Rhetorik gelehrt wurde – allerhöchstens als kurze aufmerksamkeitssteigernde Pause –, das ist der gezielte Einsatz des Schweigens, der Verweigerung der Rede. Demosthenes suchte nach dem richtigen Wort zur rechten Zeit, Cicero nach der Vermählung von Weisheit und Eloquenz. Das war in der Antike schon der Maßstab und dürfte im Zeitalter der öffentlichen und sozialen Medien, im Raum der entgrenzten Agora, auch weitgehend gelten. Wann aber ist es besser zu reden und wann zu schweigen?

AKTUELLES SCHWEIGEN (UND NICHT-SCHWEIGEN)

Die prominentesten Fälle heiklen Schweigens oder Nichtschweigens kommen – wie kann es anders sein – aus Politik und Fußball. In der Causa „WM-Scheitern“ bieten sich Schweiger und Redner – fast wäre mir „Schwätzer“ rausgerutscht – einen heißen Kampf, angestachelt von Interviewern und Leitartiklern. Die Bewertung in gebotener Kürze: DFB-Präsident Reinhard Grindel und Team-Manager Oliver Bierhoff hätten schweigen müssen, Özil stattdessen reden. Warum? Die DFB-Funktionäre konstruieren in einem Mannschaftssport einen Sündenbock, wo kein Sündenbock zu finden ist – und jeder sieht das. Reden in der Sache ist jetzt nur noch peinlich und macht alles nur noch schlimmer (auch zum Vergnügen Erdogans). Özil hingegen hätte schon direkt nach seinem Treffen mit Erdogan über diesen Fauxpas reden müssen, weil die Bedeutung seines Treffens über Fußball und Privatem weit hinausging: es war höchst politisch, und das verlangt in der Regel eine plausible, öffentliche Erklärung. Löw macht es richtig: Er sitzt jetzt irgendwo beim Espresso, schaut vielleicht auf mediterrane Wellen und sinniert über die Fehler, die er gemacht hat. Kurz: Er schweigt und nimmt sich Zeit für ein Urteil und die Entscheidungen, die man für einen Neuanfang treffen muss.

Bleibt noch die Politik – und schon denkt man an einen bayerischen Politiker, der sich unentwegt in der Ganz- und Halböffentlichkeit um Kopf und Kragen redet und die Reste seiner Reputation ruiniert und dabei noch die Würde anderer Menschen verletzt. Alles ein bisschen viel in letzter Zeit und durch weniger Worte doch leicht zu vermeiden. Verglichen damit weiß man sofort, was man an der Kanzlerin hat, die die Gabe besitzt, die manchmal hysterischen Diskurse von Medien und Politik wie einen über die Ufer tretenden Fluss in der weitreichenden Überschwemmungslandschaft des Schweigens auslaufen und versickern zu lassen: Schweigen als Akt der nationalen Beruhigung. Nur einmal, ein wirklich entscheidendes Mal, da hat sie viel zu viel geschwiegen: nämlich als man erwarten durfte, nein, erwarten musste, dass sie, nach dem 4. September 2015, erklärte, mit welchen Mitteln, mit welcher Idee, mit welcher Strategie Deutschland und Europa die kommenden Flüchtlinge, Asylsuchenden und Migranten aufnehmen und integrieren sollte. Eigentlich warten wir bis heute darauf, nun einen veralteten Masterplan des leidigen Innenministers in den Händen haltend.

–Ein Lehrbuch der Schweigekunst muss noch geschrieben werden.




Lektor und gelegentlich Autor