Netanjahus Israel

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Der Schriftsteller Amos Oz hatte eine düstere Vision für Israel. Unser Autor befürchtet nach den Wahlen, dass sie wahr werden könnte.

Seit zehn Jahren ist Benjamin Netanjahu jetzt israelischer Premierminister. Dass er die Wahl gegen den moderaten Benny Gantz knapp gewonnen hat, bedeutet: Israel wird den falschen Weg, den es unter diesem Premier eingeschlagen hat, weitergehen – vielleicht bis zum bitteren Ende, vielleicht bis zu jener Horrorvision, die Amos Oz kurz vor seinem Tod entworfen hat? Der israelische Schriftsteller und linke Zionist fürchtete, dass Israel sich über kurz oder lang in eine Diktatur verwandelt, einen jüdischen Apartheidstaat, der die arabische Mehrheit mit roher Gewalt unterdrückt, seine eigenen Kritiker verfolgt und vom Rest der Welt verachtet und boykottiert wird. Das Problem mit solchen Staaten ist aber unter anderem, dass ihre historische Haltbarkeit nicht unbegrenzt ist. Irgendwann wird die Minderheitsregierung meistens gestürzt. Am Ende, so fürchtete Oz, werde – vielleicht nach einem Blutbad – ein weiterer arabischer Staat stehen, einer, der vom Mittelmeer bis zum Jordan reicht. Und was danach wahrscheinlich mit den Juden geschieht, kann man am abschreckenden Beispiel der Christen im Nahen Osten studieren.

Nun, noch sind das nur Befürchtungen. Auf kurze Sicht denke ich, dass Netanjahu, um die Rechtsaußen in seiner Regierung zufriedenzustellen, Teile des Westjordanlandes annektieren wird, was eine Zweistaatenlösung danach, um es milde zu sagen, sehr viel schwieriger macht. Netanjahus Israel wird sich ganz fest an die Seite der autoritären, nationalistischen „Führerdemokratien“ stellen: Brasilien, Ungarn, Polen, vielleicht auch Russland. Es wird in Trumps Amerika einen verlässlichen Partner finden. Die Kluft zu den amerikanischen Juden, vor allem den jungen amerikanischen Juden, wird weiter wachsen. Greulich. Allerdings mag Israels internationales Ansehen im Moment sogar steigen. Irgendwann wird es aber einen „backlash gegen den backlash“ geben: Irgendwann werden Trump und Bolsonaro, Orban und Putin nicht mehr an der Macht sein. Ich habe Angst, dass dieser „backlash gegen den backlash“ sich dann mit voller Wucht gegen Israel richtet. (Man mag einwenden, dies alles sei nicht so neu, schließlich war Israel in der Zeit des Kalten Kriehes mit dem Apartheidregime in Südafrika verbündet. Aber dass Zweckbündnis damals hatte einen klaren Hintergrund, den kalten Krieg. Mit Bolsonaro und Orban verbündet Netanjahu sich ohne Not.)

Was weiter passiert, weiß ich nicht. Vielleicht landet Netanjahu eines Tages doch noch vor Gericht. Vielleicht gibt es eine neue Intifada, Gott behüte. Vielleicht gibt es Krieg mit dem Iran. Vielleicht kommt noch der Tag, an dem unsereins Bibi Netanjahu alles Gute wünscht, weil die Alternative der Untergang Israels wäre. Immerhin gibt es einen tröstlichen Gedanken: Die Hälfte der Israelis (mindestens) lehnt Netanjahu ab. Und die meisten höheren israelischen Militärs und Geheimdienstleute wissen sehr genau, dass die Fieberträume der extremen Rechten in Israel eben dies sind: Fieberträume. Sie wissen, dass man von den folgenden Buchstaben nach den Regeln der Logik immer nur zwei gleichzeitig auswählen kann:

(a) ein Israel, das das Westjordanland annektiert;

(b) ein Israel, das jüdisch ist;

(c) ein Israel, das demokratisch ist.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".