Ein ehemaliger KGB-Agent (vorne) im Zwiegespräch. en.kremlin.ru

Konspiratives Treffen in Helsinki

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Die Ausflüchte des amerikanischen Präsidenten in der Russlandaffäre erinnern an die Ausreden enttarnter Stasi-Spitzel. Es ist Zeit, das Offensichtliche anzuerkennen: Kommende Woche treffen sich ein IM und sein Führungsoffizier.

Mittlerweile bin ich betagt genug, dass ich mich noch an eine linksradikale Parole aus den Siebziger- und Achtzigerjahren erinnere:

Amis verjagen – NATO zerschlagen!

Hätte mir damals jemand gesteckt, dass dies einst die Politik eines amtierenden amerikanischen Präsidenten sein würde, ich hätte den Betreffenden gefragt, welches Zeug er geraucht hat. Aber nun ist es so, wie es ist. Unglaublich und beängstigend.

Keine Geduld mehr habe ich für Leute, die krampfhaft nach harmlosen Erklärungen für Trumps Verhalten suchen. Das kommt unter anderem daher, dass ich die Stasi-Debatte der Neunzigerjahre bei klarem Bewusstsein erlebt habe; und ich bin seither nicht geblitzdingst worden, d.h. ich erinnere mich noch genau. Das Procedere war in jedem Fall, von Sascha Anderson bis Monika Maron, das gleiche.

  1. Der IM erklärte, er sei nie ein IM gewesen.
  2. Der IM erklärte, er sei gegen seinen Willen als IM geführt worden.
  3. Der IM erklärte (nachdem seine Karteikarte aufgetaucht war), er könne sich nicht erinnern, und außerdem sei das Ganze völlig unbedeutend gewesen.
  4. Der IM erklärte, er habe niemandem geschadet.
  5. Nachdem sich Opfer des IM zu Wort gemeldet hatten, die von ihm an die Stasi verraten worden waren, erklärte er aggressiv-wehleidig, ER sei das eigentliche Opfer, und seine Ankläger seien Hexenjäger.

Dasselbe Muster jetzt bei Trump: Es gab keine Kontakte mit den Russen. Fake News! Die Kontakte mit den Russen waren harmlos, es ging um Adoptionen von Kindern. Überhaupt: Was soll daran falsch sein, sich mit den Russen zu treffen? Wollen Sie vielleicht einen Dritten Weltkrieg? Putin ist gut, die NATO ist böse! Und überhaupt: Deutschland ist am putinfreundlichsten von allen! Warum sollen wir Amerikaner also nicht putinfreundlich sein? Robert Mueller ist ein Hexenjäger! Usw. Kurzum, ich glaube, dass Jonathan Chait Recht hat.

Es ist genau das, wonach es aussieht.

Trump wurde 1987 als Einflussagent des KGB gewonnen. Das berühmte Pinkelvideo existiert. Trump, der kein Kapitalist, sondern ein Kapitalistendarsteller ist, wurde mit russischem Geld über Wasser gehalten. Der KGB hat ihn in der Hand. Wenn er nächste Woche Putin trifft, ist das keine Begegnung von zwei Staatsoberhäuptern: Der IM trifft seinen Führungsoffizier.

Wenn Trumps Verteidiger wenigstens ehrlich wären

Was mir beinahe Respekt abnötigen würde: Wenn die Verteidiger von Donald Trump, sei es hier oder in Deutschland, wenigstens ehrlich wären. Wenn sie also sagen würden: „Jawohl, wir sollten mit Russland verbündet sein, und die NATO ist ein Sch…haufen. Russland ist ein weißes, christliches Land. Uns droht der Ansturm der muslimischen, oder genauer gesagt, der dunkelhäutigen Massen. Dagegen müssen wir zusammenstehen. Solche Kinkerlitzchen wie liberale Werte können wir uns bei dem welthistorischen Konflikt, der uns bevorsteht, nicht leisten. Dann machen die Barbaren uns alle. Wir brauchen grausame Führer, die sich nicht scheuen, tschetschenische Zivilisten zu bombardieren und honduranische Kinder in Käfige zu stecken. Wir brauchen Trump und Putin. Alles andere ist Gutmenschengewäsch.“

Natürlich wäre das Macho-Gerede. Es wäre außerdem ganz einfach falsch, denn die russischen Spetznatz-Mörder hatten in Syrien gerade überhaupt kein Problem damit, gemeinsame Sache mit der Hisbollah zu machen. (So viel zur Abwehr der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Terror.) Aber es wäre wenigstens – auf ekelhafte und rassistische Weise – Tacheles. Jene Trump-Unterstützer dagegen, die abstreiten, was offen zutage liegt, verdienen nur Verachtung.


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Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".