Es dürfte ca. 2008 gewesen sein, als ich in Tel Aviv die Dizengoffstraße Richtung Shoppingmall herunterlief und im Straßencafé einen distinguierten Herrn im weißen Leinenanzug sah, am Tisch mit drei selbst für Tel Aviver Verhältnisse ausnehmend attraktiven Frauen Mitte 20. Das wäre so schon ein Grund gewesen, ihn anzustarren, denn in Tel Aviv trägt man Anzug ausschließlich auf Beerdigungen und sonst nie. Vor allem aber kam er mir irgendwie bekannt vor, ohne, dass ich hätte sagen können, woher. Ich starrte, unsere Blicke trafen sich und er nickte mir höflich zu, ich erwiderte die Geste im Vorbeigehen und brauchte volle zwei Häuserblöcke, bis der Groschen fiel: War das eben Rolf Eden? Den sich selbst als Playboy inszenierenden Nachtclubbetreiber kannte ich aus Nachmittags-Talkshows, wo er zuverlässig furchtbare Machosprüche lieferte, die selbst in den 1990ern nicht mehr vermittelbar waren. Was sucht der denn ausgerechnet hier? Ockhams Rasiermesser sagt: Die schönsten Frauen der Welt, aber dafür müsste er sich ja nicht in ein Flugzeug setzen. Ich google und bin völlig überwältigt von der auf Wikipedia dokumentierten Vita dieses Mannes, der sehr viel komplexer war, als das Macho-Image, das er der Welt und dem Boulevard so zuverlässig lieferte.

Die Eckpunkte seien hier schnell abgehandelt: 1930 in Berlin geboren, 1933 Flucht mit den Eltern nach Palästina, im Unabhängigkeitskrieg mit der Palmach gekämpft und das erste der sieben Kinder gezeugt, die er mit sieben verschiedenen Frauen im Laufe seines Leben haben wird. Dann der Enge Israels nach Paris entflohen, wo er Gelegenheitsjobs unter anderem als Musiker hatte und von der Rückkehrprämie von 6.000 Mark erfuhr, die ihm in Deutschland zustünde. Mit dem Geld eröffnete er den ersten von vielen Nachtclubs, die er jeweils lukrativ verkaufte, womit er ein beträchtliches Portfolio von Mietimmobilien aufbaute.

Mein Interesse war also geweckt als im Rahmen eines Jüdischen Filmfestivals in Berlin die Doku „The Big Eden“ gezeigt wurde. Ich komme mit meiner damaligen israelischen Freundin im Kino an und vor dem Saal auf einer Bank sitzt alleine, aber offenbar gänzlich mit sich im Reinen, Rolf Eden persönlich. Ich erzähle ihm von unserer Begegnung in Tel Aviv und dass ich erst danach auf seine beeindruckende Lebensgeschichte aufmerksam wurde. Er freut sich, wünscht mir viel Freude mit dem Film und beginnt umstandslos meine Freundin auf Hebräisch anzugraben, was erstens erwartbar war, ihm zweitens von ganzem Herzen gegönnt sei und was er drittens nach ihrer Auskunft auch sehr charmant gemacht habe. Die Doku und das Buch „Immer nur Glück gehabt: Wie ich Deutschlands bekanntester Playboy wurde“, welches ebenfalls von Peter Dörfler verfasst wurde, seien jedem dringend empfohlen. Wir lernen Rolf Edens Kinder und deren (sämtlich von Eden bestens lebenslang alimentierte) Mütter, sowie ein paar Weggefährten kennen und auf diese Weise eben auch Rolf Eden selbst.

Der Genuss wird nicht geschmälert, wenn ich drei Szenen spoilere:

Der Schriftsteller Yoram Kaniuk erzählt von der gemeinsamen Zeit in der Palmach, die beiden dienten unter Jizchak Rabin. Eden hatte als einziger eine Freundin, während Kaniuk „Leute tötete, bevor ich einen Menschen küsste“. „Vor fünf Jahren hatte ich Krebs. Es gab Komplikationen. Ich war für 2 Wochen praktisch tot. Die Ärzte hatten mich schon aufgegeben. Schließlich habe ich aber doch überlebt, war aber sehr schwach und völlig pleite. Ich rief ihn an und sagte ‚Shimon, ich bin in Schwierigkeiten. Ich habe Krebs.‘ ‚Sprich mit mir nicht über Krebs!‘ Ich sagte: ‚Okay, vergiss es.‘ Er wollte nicht darüber reden. Dann schickte er mir einen Haufen Geld. Er hat mir damit das Leben gerettet. Es war einfach zwei Tage nach dem Anruf da.“

Die frühere Freundin Uschi, in die er vor Jahrzehnten sehr verliebt war: „Rolf hat mich ganz sicher geliebt […] Er hat irgendwann mal zu mir gesagt: ‚Schnuppi, du kannst heiraten und zehn Kinder haben und in deinem Leben machen, was du willst. Ich werde immer für dich da sein.‘ Ich meine – wie willst du Liebe besser beschreiben? Als wir uns getrennt haben… da ist mein Lieblingsring, den trage ich heute noch gerne. Ich kam ins Büro, um mich zu verabschieden, um ihm ein schönes Leben zu wünschen, um mich zu bedanken für die Zeit – dann legt er mir den Ring hin und sagt: ‚Den schenk ich dir zum Abschied.‘ Ich sag: ‚Das kannst du nicht machen. Du kannst mir doch nicht so nen Ring zum Abschied schenken.‘ ‚Ich hab was eingravieren lassen.‘ Dann habe ich gelesen: ‚Sieben Jahre Rolle und Schnuppi‘, da wären mir fast die Tränen gekommen. Und dann hat er gesagt: ‚Schau Schnuppi, dieser Ring ist ein Karat Diamant. Der hat zehntausend DM gekostet. Wenn Du in Not bist, verkaufe ihn. Das möchte ich Dir noch mitgeben.‘ Und das von einem Mann den du verlässt! So was habe ich nie wieder erlebt.“

Sein Sohn, der lustigerweise ausgerechnet einen Öko-Campingplatz betreibt: „Er hat diese Inszenierung perfektioniert, so dass es wirklich schwierig ist, zu dem – ich sage mal – anderen Rolf, zu dem Kern vorzudringen, wenn es den überhaupt gibt. Alle gehen davon aus dass es das geben muss unter den vielen Mänteln, die da um diesen Mann gelegt sind: Der goldene, der silberne, der mit den Diamanten, dass wenn man die alle auszieht, sich noch eine Gestalt darin befindet, die eventuell auch interessant wäre. Und so versuchen alle, wahrscheinlich auch ich, zumindest mal etwas durchblitzen zu sehen. Das ist eines seiner Geheimnisse, dass er das so spärlich verteilt, dieses Durchscheinenlassen der Kernpersönlichkeit, dass alle, denen er das zuteil werden lässt, glauben, sie seien etwas Besonderes, denn Herr Rolf Eden hat ihnen was gezeigt von seinem wirklichen Selbst. Ich glaube, dass das ein Mechanismus ist, mit dem er so langfristige Bindungen schafft. Die Leute kommen immer wieder zu ihm, selbst wenn sie das Gefühl haben, ihr eigenes Leben spielt in seinem gar keine Rolle. Und wenn man sie fragt, sagen sie, sie sind damit glücklich. Wenn sie das so sagen und empfinden, ist es doch eigentlich in Ordnung. Alle Achtung vor ihm, der es schafft, seine Welt so zu gestalten, dass alle Menschen zu ihm freundlich sind. Dass die Menschen auch noch sagen, dass er ihnen guttut, dass sie gerne mit ihm zusammen sind. Dann ist es ja eine tolle Konstruktion von ihm und seiner Welt. Und dafür muss man sagen, hat er ja schon einen Orden verdient, weil die meisten Menschen in diesem Land mehr damit beschäftigt sind, rumzunörgeln, das Schlechte zu sehen und ihr Gegenüber mit runterzuziehen in ihren eigenen Sumpf.“

Rolf Eden, der stets auf Nummer 69 auf der Liste der peinlichsten Berliner geführt wurde und sich in der Redaktion des Tip beschwerte, dass er nicht auf Nummer eins gelandet ist und der alleine deshalb schon eben ganz und gar nicht peinlich sondern sehr, sehr cool war, ist am 11.8.2022 verstorben.

Möge seine Erinnerung gesegnet sein.