Ein Taxifahrer kurz vor einer versuchten schweren Körperverletzung und der Autor, ein Tourist. (c) 2018 Sofia Pearl

Tagebuch eines Digitalnomaden (4): Nahverkehrshindernisse

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Die zivilisierte Welt ist optimiert für Sesshaftigkeit und langfristige Vertragsverhältnisse, der Verzicht auf einen festen Wohnsitz kostet richtig viel Geld. Besonders teuer ist Mobilität auf kurzer Strecke – sofern die Taxilobby mächtig ist.

[Zurück zu Teil 3] Wir Digitalnomaden sind Penner mit mehr Geld. Nicht nur mit mehr Geld als es unfreiwillige Obdachlose zur Verfügung haben, sondern mit mehr Geld als Vierzigstundenwochen-Zivilisten ausgeben. Im Kapitel „Finanzen“ räume ich ein, dass ziemlich viele Nomaden eher weniger Geld als Zivilisten haben – dann aber vor der Wahl stehen, ins Zivilleben zurückzukehren, oder unfreiwillig obdachlos zu werden. Wer dauerhaft auf eine feste Bleibe verzichten will, ohne zu verelenden, benötigt eine solide Kriegskasse und ein ordentliches, halbwegs regelmäßiges Einkommen. Selbst wenn man die relativ höheren Kosten für Kurzzeitunterkünfte, regelmäßige Umzüge und Reisen von einer Etappe zur nächsten subtrahiert, bleiben Ausgaben, die Sesshafte nicht haben:

Wer nur vier Tage in einer Stadt bleibt, kauft sich keine Monatskarte für 83,20 Euro bei der BVG, sondern zahlt brav zwei Euro achtzig pro Fahrt oder sieben für ein Tagesticket. Wer nur vier Tage in einer Stadt bleibt, kommt erst recht nicht auf die Idee, sich die BVG-App oder den DB-Navigator zu installieren, dort seine Zahlungsinformationen zu hinterlegen und im Fall einer Kontrolle eine Tageskarte für sieben Euro zu kaufen und ansonsten schwarz zu fahren. Was ich nie tun würde. Weshalb ich folgende Geschichte auch nur als Beobachter schildern kann:

Ein Kontrolleur, der Meilen im Gegenlicht als solcher erkennbar war (sichtbares, aber nicht pathologisches Übergewicht, Migrationshintergrund, Ende zwanzig / Anfang dreißig, für Berliner ÖPNV-Verhältnisse dank Dusche, Rasur und Deo erfreulich wenig, aber dank Hip-Bag und Joggingklamotten doch hinreichend glaubwürdig verwahrlost – Oliver Polak, wenn man den nicht kennen würde), kontrolliert in der U6 ein Paar. Ihr sieht man den nahöstlichen Migrationshintergrund genauso wie dem Kontrolleur an. Ihr Freund ist hingegen teutonisch as fuck, dunkelblond, 1,90, blaue Augen, außerdem, da damals mindestens eine Stunde täglich als Sportschwimmer im Pool unterwegs, auch ansonsten vermutlich als Wichsvorlage für Arno Breker tauglich. Kontrolleur: „Fahrscheine bitte.“ Karlfritzpeterpaul wedelt sein Smartphone: „Würde ich Dir gerne auf dem Handy zeigen, aber man hat ja in dieser Drittweltstadt keinen Empfang.“ Kontrolleur: „Boah, ja, das ist ein Scheiß! Die Dame?“ Moran Shir’el in fließendem, akzentfreiem Deutsch: „Sekunde, ich muss meine gefaltete Immatrikulationsbescheinigung aus Papier finden, da die größte Uni der Hauptstadt des reichsten Landes Europas leider keine aus Plastik im Scheckkartenformat ausgibt.“ Kontrolleur: „Kein Problem, ich hab keine Eile.“ Zwei Stationen lang wühlt Moran Shir’el durch ihr Baggerseegepäck, bis sie den Schrieb findet. Karlfritzpeterpaul tut nicht mal mehr so, als interessiere er sich für sein Telefon. Kontrolleur: „Danke Moran! Da bräuchte ich jetzt noch einen Ausweis oder Reisepass.“ Moran Shir’el: „Tut’s auch ein deutscher Führerschein?“ Kontrolleur: „Klar.“ Begutachtet den Führerschein und verabschiedet sich: „Danke, gute Fahrt noch!“ Karlfritzpeterpaul, der noch immer kein Ticket gelöst hat, zu Moran Shir’el: „Faszinierend, wie man sich auf den Rassismus auch von Migranten verlassen kann, oder?“

Ein Parkplatz kostet in einer halbwegs gut erreichbaren Gegend einer zivilisierten Großstadt 40 Euro Monatsmiete, wenn man einen Jahresvertrag unterzeichnen kann. Oder 40 Euro in drei Tagen, wenn man im Ibis Hotel absteigt. Wir parken also im Industriegebiet und verlassen uns ansonsten auf den ÖPNV. Nun lautet die relevante Frage: Wie reguliert ist der Taximarkt?

Taxifahrt des Grauens

Die mit Abstand gruseligste Taxifahrt meines Lebens durfte ich vor ewigen Jahren in Lissabon durchleiden. Retrospektiv ist allerdings das Verhalten der portugiesischen Polizisten einer der Gründe, warum ich mich inzwischen so gerne hier aufhalte. Ich war mit einer Freundin (zu diesem Zeitpunkt strenggenommen auch eine Exfreundin, die aber weiterhin gerne mit mir auf Reisen ging) zum ersten Mal in Lissabon unterwegs. Im (zugegeben relativ furchtbaren) Partyviertel „Bairro Alto“ lernten wir die amerikanische Couchsurferin Sofia und ihren portugiesischen Gastgeber Diogo kennen. Dass die Eurokrise Portugal bereits hart getroffen hatte, konnte man an Diogos beruflicher Situation auch mit größter Mühe nicht erkennen: Er war promovierter Philosoph und also hauptberuflich Parkplatzwächter. Was auch bei Vollbeschäftigung exakt die Laufbahn ist, die 99% aller akademischen Philosophen offensteht.

Nachdem wir das Partylevel „Bairro Alto“ erfolgreich durchgespielt hatten, wollten wir in einen Club weiterziehen, gerne auch in eine fiese Großraumdisko – neugefundene Freunde haben als Gruppe um so mehr Spaß, je gruseliger die Umgebung ist. Wir fingen eine Taxe und schilderten dem Chauffeur unser Anliegen. Klar, versteht er, da kennt er genau den richtigen Laden für, ein wenig außerhalb, aber super, bringt er uns hin. Wir fahren also 20 Minuten in irgendein gottverlassenes Industriegebiet – was genau der Ort ist, wo man einen solchen Club vermutet – und stellen fest, dass der von unserem Fahrer beschriebene Laden geschlossen ist. Für immer.

Diogo auf Portugiesisch – und anschließend für uns auf Englisch: „Nicht cool. Ich schlage vor, dass Sie jetzt das Taxameter ausschalten und uns zurück in die Innenstadt bringen.“ Fahrer: „Nicht meine Schuld, dass der Club geschlossen hat. Aber wir fahren zurück.“ Wir fahren Richtung Cais do Sodré, das Taxameter läuft weiter. Ich: „Why is the meter still running?“ Wir waren bei ca. 13 Euro. Fahrer: „If you don’t pay 20 Euros upfront you have to leave right here!“ (Mitten auf der Autobahn.) Diogo: „No, we’ll just call the police in that case.“ Sofia reicht dem Fahrer 20 Euro: „Keep going!“ Alle anderen: „What the fuck?!“ ein paar Minuten später springt das Taxameter auf 20 Euro. „You pay me upfront or leave now.“

Diogo: „We rather call the police.“ Fahrer: „I will call the police!“ und stoppt auf dem Seitenstreifen. Diogo telefoniert mit der Polizei, der Fahrer spricht per Funk mit der Taxizentrale, ich verstehe kein Wort. Denke aber, es kann nicht schaden, ein Foto von der Lizenz unseres Fahrers zu haben. Als er die Hand davor hält, ist klar: Er weiß, dass er im Unrecht ist. Die anderen Fahrgäste stehen rauchend auf dem Standstreifen herum, während wir alle auf die Cops warten. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, die Beine aus der offenen Türe auf der Straße, als aus dem Nichts ein anderer Taxifahrer auftaucht und versucht, mich aus dem Wagen zu zerren. Gleichzeitig boxt der Fahrer unseres Taxis auf mich ein und beschleunigt auf dem Standstreifen, bis wir erst seinen Kollegen verlieren und ich dann dadurch die Gelegenheit finde, mit links den Gang rauszureissen und die Handbremse zu ziehen. Meine Freundin macht tausend Fotos. Sofia macht tausend Fotos von meiner fotografierenden Freundin. Zwei Polizisten auf brandneuen BMW-Motorrädern erscheinen Minuten später: Mitte zwanzig, Ronaldos in noch oberkörpermuskulöserer Version und des Englischen absolut fließend mächtig. Zunächst trennen sie alle Anwesenden und befragen uns dann unabhängig voneinander. Vier Zeugen erzählen dieselbe Geschichte, der Taxifahrer eine ganz andere. Robocop I fragt mich, ob ich Körperverletzung anzeigen möchte. Ich frage Robocop I, welchen Unterschied das machen würde, während ich sehen kann, dass Robocop II den Erste-Hilfe-Kasten unseres Taxis auseinandernimmt und die Profiltiefe der Reifen misst. „He’ll lose his licence for at least half a year and be out of business. But of course you can press charges – I mean he was trying to punsh you onto a motorway!“ Nö, passt.

Dann kam Uber

Inzwischen gibt es in Lissabon wie in jeder zivilisierten Stadt Uber. Ich war vor zehn Jahren mal als Gast geladen zur Pariser Aufzeichnung von artes „Paris Berlin“. Im Zuge der Vorbereitung hieß es: „Wir schicken eine Limo an den Flughafen.“ Darauf ich: „Lasst stecken, ich nehm einfach ne Taxe.“ Darauf die Redaktion: „In Paris? Es gibt hier keine Taxen.“ Gelernt: Stimmt. Es gibt tatsächlich viel zu wenige Taxilizenzen, und die wurden für jeweils eine Viertelmillion Euro gehandelt. Dann kam Uber. Mit zwei Konsequenzen: Der am krassesten unterversorgte Taximarkt Europas wurde schlagartig zivilisiert. Und farbige Unterschichtskids aus den Banlieues hatten plötzlich eine Möglichkeit, legal ein cooles Auto nicht nur zu besitzen, sondern damit auch noch ein Einkommen zu erzielen, das Drogenhandel als zumindest vermeidbare Alternative erscheinen ließ.

Die klassenbewussten französischen Taximonopolisten versuchten, die nervigen Maghrebiner, die sich erfrechten, freundlich zu sein, gepflegte Autos und eine Flasche Evian anzubieten, erfolgreich zurück zum Drogenhandel wegzulobbyieren. Was für ein glorreicher Erfolg der privilegierten Arbeiterklasse gegen das Lumpenproletariat gewesen wäre, das zu bleiben hat, wo es ist!

In Portugal hingegen funktioniert Uber super und ist so billig, dass man wenn man schon zu zweit ist, in der Stadt meist billiger als mit der (pünktlichen, klimatisierten) U-Bahn unterwegs ist. Sozial bewegte Leser vermuten Ausbeutung der Fahrer, ich natürlich auch, aber als Journalist spreche ich natürlich mit den Leuten. Drei Beispiele, die in Brand Eins in der Rubrik „Die kleinste wirtschaftliche Einheit: Ein Mensch“ laufen würden:

Pedro arbeitet im mittleren Management bei Lidl Portugal im Einkauf. Er hat einen schönen 2er BMW als Dienstwagen, mit dem er Produzenten und Importeure besucht  und verdient sich damit an diesem für ihn ansonsten freien Montag etwas dazu.

Joao studiert BWL. Er hat eine konkrete Geschäftsidee, die er im kommenden Jahr einem Investitionsfonds vorstellen will, der private und öffentliche Gelder poolt und ausschließlich in Gründer investiert, die jünger als 26 sind. Seine Oma wohnt in einer der schönsten und daher auch teuersten Gegenden der Stadt, zahlt aber dank ihres 40 Jahre alten Mietvertrags nur 100 Euro im Monat, weshalb sie mit ihrer Rente gut hinkommt. Er selbst wohnt noch bei seinen Eltern in einem der mit der S-Bahn an die Hauptstadt angebunden Vororte am Tejo, der dank des schönen Strandes beliebt bei Touristen ist. Seine ältere Schwester hat soeben ihr Studium beendet und hat einen Job in London angenommen, weshalb er nun gemeinsam mit seinem Vater deren früheres Zimmer renoviert, um es via Airbnb an Urlauber zu vermieten. Der Renault, mit dem wir meinen Umzug organisieren, gehört seinem Chef, der sieben Autos geleast hat und von verschiedenen Fahrern fahren lässt, deren Entlohnung sich zusammensetzt aus einem garantierten Stundenminimum und einer Umsatzbeteiligung.

Andre, 28, vollzeitbeschäftigt als Arzt befindet sich, im letzten Jahr seiner Facharztausbildung zum Gastroenterologen. Verdient an einem staatlichen Krankenhaus 2100 Euro brutto, plant den Wechsel an ein privates, wo er ca. 3500 bekommen wird. Fährt eines seiner drei Ubers selbst, hat für die anderen beiden angestellte Fahrer. Außerdem ein Ferienhaus an der Algarve, das voll gebucht ist. Sprich: Unfassbar fleißig und geschäftstüchtig – aber für hiessige Verhältnisse gerechterweise auch faktisch reich.

Taxis meiden, wann immer möglich

Alle drei Fahrer nutzen Uber auch als Fahrgast und meiden Taxis, wann immer es möglich ist. Joao schätzt, dass 90% der Uberfahrer in Lissabon nur im Nebenjob als Chauffeur tätig sind. „Für mich ist das ideal, weil ich jederzeit mein Studium priorisieren kann. Und Großveranstaltungen wie der nach Lissabon umgezogene WebSummit oder der Eurovision Contest wären logistisch ohne die Reserve durch uns Uberfahrer gar nicht zu bewältigen.“

Einen der raren Vollzeitfahrer hatte ich dann doch mal erwischt. Paolo arbeitet 12 Stunden täglich, illegalerweise sieben Tage pro Woche (er verwendet dafür den Login seines Chefs) und bekommt dafür am Ende des Monats 1.200 Euro netto. „Was natürlich mies ist, aber immer noch besser als jeder Lohn, den ich in Rio de Janeiro erhalten würde, wo ich herkomme.“ Sein Ziel: in ein paar Monaten genug sparen und Bonität aufbauen, um sein eigenes Auto leasen zu können. „Ich habe es ausgerechnet: Dann verdiene ich zur Hochsaison doppelt so viel wie jetzt – und in der Nebensaison habe ich dann zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder Freizeit!“

Paul Graham, Gründer des legendären Startupaccelerators „Y Combinator“ hat 2012 völlig zu recht in einem Tweet festgestellt: „Uber is so obviously a good thing that you can measure how corrupt cities are by how hard they try to suppress it.“

 

Gelernt erstens: Das eigene Auto ist für Slowmaden in Metropolregionen für den Nahverkehr unbezahlbar und muss kostengünstig und sicher im Umland geparkt werden.
Gelernt zweitens: Bus und Bahn sind nicht immer die billigsten und selten die zuverlässigsten lokalen Mobilitätsdienstleister.

Gelernt drittens: Die Polizei ist Dein Freund und Helfer. Der Taxifahrer eher nicht.

Gelernt viertens: Uber fühlt sich so gut an, dass man Ausbeutung vermutet. Es findet aber keine statt – 100% der gegenüber Taxen angenehmeren “Customer Experience” geht auf das Konto fehlender Regulierung.

 


Wie lebt es sich als digitaler Nomade, unterwegs nur mit Freundin, Hund „Rania“ und Auto „Susi“? Im Tagebuch eines Digitalnomaden erzählt David Harnasch von den Vorteilen dieses Lebensstils – und von den teils extrem kostspieligen Fehlern, die ihm bereits unterlaufen sind.




Verbringt als Digitalnomade prinzipiell nie mehr als sechs Wochen am selben Ort. Schreibt. Spricht. Reflektiert Licht. Berät. War Chefredakteur des Magazins "liberal" der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit und Gründer und Prokurist bei PAGIDO, sowie Mitgründer und Prokurist der Salonkolumnisten. Ist u.A. auch zu finden bei Welt Online im Video, schriftlich u.A. hier bei den Salonkolumnisten, sowie im früheren Bewegtbild des Cicero (hier archiviert) und im noch älteren Videoblog "Bildschirmarbeiter".


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