Leberwurst gegen Raketen

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Das Deutsche kennt die Redewendung von der „beleidigten Leberwurst“. Aber man sollte die Rede von der Beleidigung und dem Beleidigt-Sein in der Politik nicht unterschätzen; sie kommt bewusst zum Einsatz.

Irgendjemand muss den russischen Präsidenten beleidigt haben. Jedenfalls hat sein Botschafter in Washington der Welt soeben mitgeteilt, dass es inakzeptabel sei, dies mit Wladimir Putin zu tun: ihn beleidigen. Dass ihm jemand unfreundliche Worte direkt ins Gesicht gesagt hat, vielleicht etwas über seine Verantwortung in der Skripal-Affäre oder den Krieg in der Ostukraine, davon ist nichts überliefert. Es hat wohl mit den Raketen zu tun, die die USA (in Koalition mit Frankreich und Großbritannien) in einem Akt der Hilflosigkeit in Richtung Syrien geschleudert haben, weil das Assad-Regime keinerlei Hemmungen zeigt, in seinem Bürgerkrieg weiterhin nach Gutdünken Giftgas anzuwenden. Darüber, über das Vorgehen Assads, zeigte sich Putin nicht schockiert oder beleidigt. Er steht ja an dessen Seite. Warum also überempfindlich und kritisch sein gegenüber verbündeten Untertanen? Schließlich hatte Assad ja auch schon vorab keine Skrupel dabei gezeigt, mit Unterstützung Russlands ganze Städte in Schutt und Asche zu legen. Dagegen ist eine Beleidigung natürlich ein viel schlimmeres Vergehen.

Das Beleidigt-Sein ist ein deutliches Merkmal von Autokraten in Rang und Geist. Erdogan beispielsweise hat in den letzten Jahren gezeigt, dass er ein Meister des Beleidigt-Seins ist, der verletzten Ehre. Neben Stolz und Zorn ist es quasi das dritte immaterielle Insigne der Potentaten – und das, seit es Potentaten gibt.

Und es ist eine Waffe, die uns albern erscheint, die aber so raffiniert ist, dass der Potentat nicht einmal wirklich beleidigt sein muss. Es genügt vollkommen, wenn ein serviler Untergebener des mutmaßlich Beleidigten die Beleidigung feststellt. Dann hat das Volk des Beleidigten sich gefälligst zu empören, weil es sich in unteilbarer Einheit mit seinem Herrscher bzw. Präsidenten bzw. König usw. selbst beleidigt fühlen muss. Und so möge dann also ein ganzes Volk beleidigt sein. Viel deutlicher kann man eigentlich nicht mehr anzeigen, in was für ein Zeitalter der politischen und seelischen Regression wir eingetreten sind, tatsächlich nicht unähnlich der Situation vor dem Ersten Weltkrieg.

Bislang konnten wir von „zwei Körpern des Königs“ ausgehen, wie es der Historiker Ernst Kantorowicz in seinem Werk beschrieb: Darin gibt es einen sterblichen und einen unsterblichen Körper, aus dem sich in der Neuzeit schließlich die Trennung von Person und Amt entwickelte. Nun ist bei den heutigen Autokraten wie Putin oder Erdogan zu erkennen, wie sie in Inszenierung und Charakterisierung wieder ins Dynastische zurückwollen, vor die Neuzeit – beide Körper gehören ganz allein ihnen. Dazu bedienen sie sich des Tricks des dritten Körpers, als eines, der mit dem Volk verschmilzt (wer dabei an den deutschen Führerstaat denkt, liegt nicht ganz falsch). Die unterstellte Kränkung und das mögliche Beleidigt-Sein soll das Volk mobilisieren. Ob das gelingt, dürfen wir im Moment aber noch bezweifeln. Aber im Propagandakrieg zählen die nachhaltigen Wirkungen – und die verpuffen nicht so schnell wie ein paar Marschflugkörper.




Lektor und gelegentlich Autor