Deutsche AKWs wie das von ENBW betriebene Kernkraftwerk Philippsburg zählen zu den sichersten Anlagen der Welt. Foto: EnBW/Daniel Meier-Gerber

Drei Gründe, warum wir die Kernenergie brauchen

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Wer es ernst meint mit der der Energiewende, wird auf die Atomenergie nicht verzichten können.

Im Frühjahr 2011, kurz nach der Katastrophe von Fukushima, beschloss die Bundesregierung unter Angela Merkel (CDU): Schluss mit der Atomkraft, wir steigen zügig aus. Die Mehrheit der Bevölkerung fand das gut. Acht Kraftwerksblöcke wurden sofort stillgelegt, neun liefen weiter und sollten bis 2022 schrittweise abgeschaltet werden.

Bald darauf formierte sich auch wachsender Widerstand gegen die Nutzung von Kohle. Ein Kohleausstieg ist verabredet für spätestens 2038, obgleich etliche politische Gruppierungen dieses Datum deutlich nach vorn ziehen wollen.

Die Lücke, die Atom- und Kohlekraft lassen, soll mit Erneuerbaren Energiequellen geschlossen werden. Zumindest im Stromsektor wurden deren Anteil spürbar gesteigert.

2018 lag er hier bei 38 Prozent, geringer sind die Anteile in den Sektoren Wärme (14 Prozent) und Verkehr (6 Prozent). Der weitere Ausbau ist heftigst gewünscht, scheint aber in naher Zukunft eher schleppend zu laufen.

Bringt man diese Entwicklungen zusammen, folgen daraus drei Thesen:

  • Die Energiewende im Sinne einer Transformation zur klimafreundlichen Energieversorgung wird nicht ohne Kernenergie gelingen – und sei es durch Atomstrom aus dem Nachbarland, der etwa während einer Dunkelflaute das hiesige Netz stabilisiert.

So verständlich und nachvollziehbar der Wunsch ist, die Kohleverbrennung rasch zu beenden. Auf absehbare Zeit hat die Ökoenergie nicht das Potenzial, eine Industrienation in gemäßigten Breiten wie es Deutschland nun mal ist, mit ausreichend Energie zu versorgen.

Es fehlt an installierter Leistung wie an großen Speichern. Ob eine hundertprozentige Versorgung je möglich sein wird, muss im Moment ebenfalls kritisch gesehen werden. Lassen wir uns nicht entmutigen, die Menschheit hat mehrfach gezeigt, dass sie rasch große technische Fortschritte erzielen kann.

Auf einen entsprechenden Optimismus allein sollte man zwar keine Versorgungsplanung gründen, aber es ist gerechtfertigt, ihn zu behalten.

Die „Brücke“ Erdgas jedenfalls scheint nicht so klimafreundlich zu sein, wie lange Zeit dargestellt. Leckagen bei Gewinnung und Transport beeinflussen die Treibhausgas-Bilanz deutlich.

Will Deutschland seinen Ausstoß radikal reduzieren, ist es nur vernünftig, sich alle CO2-armen Energiequellen anzuschauen und nachzurechnen, wie die Ziele erreicht werden können.

Die Kernenergie ist mit einem Anteil von 12 Prozent an der Stromerzeugung (2018) keinesfalls die alleinige Lösung, aber sie kann einen Beitrag leisten, um das Klimaziel zu erreichen.

  • Es war ein großer Fehler der meisten Parteien, dass sie das Thema Kernenergie der AfD überließen.

Sie redet offen über eine Renaissance und will weitere Forschungen zur Kerntechnik. Ob dies aus energiepolitischen Überlegungen geschieht oder weil es vergleichsweise einfach ist, damit eine Gegenposition zu den anderen Parteien einzunehmen, soll hier nicht erörtert werden.

In jedem Fall ist es die einzige größere Partei, die Kernkraftbefürwortern, eine Heimat bietet. Jede Wette, dass die Zahl derer, die zumindest einen Weiterbetrieb der AKW akzeptieren würden, zunimmt und dass sich viele davon gerade nicht bei der AfD sehen.

Die Kernkraft-Frage mag für die meisten nicht die entscheidende sein, wenn es darum geht, wo man am Wahltag sein Kreuz macht. Das Leben besteht aus Kompromissen.

Allerdings macht die fortwährende Beschwörung, dass Deutschland bald zum Großteil mit Erneuerbaren versorgt wird, die Verkünder dieser Formel nicht unbedingt glaubhafter.

  • Selbst bei den Grünen dürfte es einige geben, die analog zur Grünen Gentechnik, die traditionelle Ablehnung der Partei für eine rationale Kosten-Nutzen-Rechnung überwinden.

Tschernobyl, Fukushima, strahlender Müll auf Jahrtausende – ja, das will niemand bestreiten. Ebenso wenig wie die Todesopfer, die insbesondere der Gau in Tschernobyl zur Folge hatte. Jedes einzelne Schicksal ist ein schlimmes.

Andere Energiequellen sind jedoch kaum besser, wenn man an die vorzeitigen Todesfälle durch die Verbrennung von Kohle und Öl denkt. Wind und Solar sind da klar gesünder, aber eben nicht so weit vorhanden, dass sie die Versorgung allein schaffen. „Schmutzige“ Quellen sind weiterhin nötig.

Da erscheint Kernkraft im Vergleich zur Kohle doch eher akzeptabel, gerade auch in Hinblick auf den Klimaschutz, der – wenn nicht konsequent vorangebracht – weitaus größere Schäden an Leib und Leben bringen könnte.

Wer die Argumente mit kühlem Kopf und ohne Denkverbote wiegt, kann in der Kernenergie das kleinere Übel sehen. Wie es beispielsweise auch die Grünen in Finnland tun: Sie unterstützen die Nutzung der Kernkraft als klimafreundliche Form der Energiegewinnung.

In jüngster Zeit gibt es einige bemerkenswerte Initiativen bei „Bündnis 90/Die Grünen“, die sich ohne die eingeübten Vorurteile und mit wissenschaftsbasierten Argumenten mit der Grünen Gentechnik, Homöopathie und Impfungen auseinandersetzen.

Noch ist keiner so verrückt, „Atomkraft? Ja, bitte!“ zu stickern. Aber vielleicht hat ja doch der eine oder die andere über diese Option nachgedacht.

Immerhin, bei einer anderen „Atomtechnologie“, der Kernfusion, gibt es Auflösungserscheinungen der bekannten rigorosen Abwehrhaltung. Dass Parteichef Robert Habeck und etliche Parteifreunde die Kernfusion inzwischen zumindest für forschenswert halten, ist bemerkenswert.

Diese Technologie wird, wenn überhaupt, allerdings erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zur Versorgung beitragen können. So lange wartet der Klimawandel nicht. Ihn wirksam zu bekämpfen erfordert schon jetzt vernünftige Entscheidungen.




Ralf Nestler, Jahrgang 1978, ist aufgewachsen im Osten des Bezirks Dresden, später Freistaat Sachsen. Studium der Geologie und Evangelische Journalistenschule. Seit 2007 Wissenschaftsjournalist bei der "Berliner Zeitung" und beim "Tagesspiegel". Ende 2016 bis Sommer 2018 Öffentlichkeitsarbeit am Deutschen Geoforschungszentrum GFZ in Potsdam, jetzt freier Journalist in Berlin. Mit Faible für Geowissenschaften, Raumfahrt, Ostdeutschland und was sonst noch spannend ist.