Eugenik-Gedenktafel in Raleigh im Bundesstaat North Carolina Public Domain

Am Dienstag die Männer, am Donnerstag die Frauen

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Zwangssterilisationen waren auch in Amerika ein Thema: Im Namen der Eugenik wurden die Bürgerrechte von 70.000 Menschen mit Füßen getreten.

Im Rückblick mag die Bewegung für Eugenik wie eine Marotte erscheinen. Aber sie war alles andere als harmlos. Das Wort „Eugenik“ – zusammengesetzt aus dem griechischen „eu“ (gut) und „genes“ (geboren) – stammte von Francis Galton, einem Halbcousin von Charles Darwin: Er schrieb 1883 in einem Buch, das in Großbritannien schnell populär wurde, Genie sei erblich, die menschliche Rasse gehöre durch sorgfältige Züchtung veredelt, und minderwertige, erbkranke Anlagen müssten folglich ausgemerzt werden – mit völlig humanen Methoden, versteht sich.

Galton betrachtete die Eugenik als Naturwissenschaft, aber auch als spirituelle Bewegung: Sie sei eine Form der Nächstenliebe der heutigen Welt gegenüber den künftigen Generationen. Die Idee der Menschenzüchtung setzte schnell zum Sprung über den Ozean an und wurde in Amerika zu einer Massenbewegung. Die Vereinigten Staaten wurden damals gerade von verschiedenen Einwandererwellen überflutet: Italiener, osteuropäische Juden, Iren suchten Zuflucht in der Neuen Welt. Zugleich organisierten sich die weißen, protestantischen Amerikaner der Mittelklasse, die im Lande geboren worden waren, in verschiedenen Reformbewegungen: Sie kämpften gegen Kinderarbeit, gegen korrupte Politiker, für ein öffentliches Bildungswesen und für Frauenrechte.

Die Eugenik passte hervorragend in dieses Reformprogramm. Beinahe alle fortschrittlichen Amerikaner vertraten um die Jahrhundertwende eugenisches Gedankengut: Die Feministin Margaret Sanger, die für Geburtenkontrolle kämpfte, war ebenso Eugenikerin wie der progressive Präsident Theodore Roosevelt. Protestantische Prediger verkündeten, dass sie in ihre Kirchen nur solche Paare trauen würden, die ein Gesundheitszertifikat beibringen würden. Vor allem die Ärzte und die Wissenschaftler waren von der Eugenik begeistert. Es gab eigentlich niemanden, der Einwände erhob. Die Journalisten jener Zeit machten Propaganda für sie – von 1909 bis 1914 brachten amerikanische Magazine mehr Artikel über Eugenik als über jedes andere Thema. Alle amerikanischen Elite-Universitäten, Harvard vorneweg, verbreiteten eugenisches Gedankengut.

Die einzige Kraft, die sich der Eugenik entgegenstellte, war die katholische Kirche. Der kluge katholische Reaktionär Gilbert Keith Chesterton, dem wir die Pater-Brown-Geschichten verdanken, schrieb 1910 ein Pamphlet, das erst zwölf Jahre später publiziert wurde – und sich noch heute wie eine dunkle Prophetie liest: „The Evil of Eugenics“.

„Nation am rassischen Abgrund“

Die Eugenik verband sich von Anfang an sozusagen organisch mit dem Rassismus. Ein Echo davon findet sich in dem Roman „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald, wo Tom Buchanan, der brutale Ehemann von Daisy, beklagt, dass „die Zivilisation zugrunde geht“ und ein Buch über den Aufstieg der „Farbigen“ von „diesem Typen namens Goddard“ zitiert. Gemeint ist der Bestseller „Die Flutwelle der Farbigen gegen die weiße Vorherrschaft auf der Welt“ von Lothrop Stoddard (1920), in dem ein künftiger „Rassenkrieg“ prophezeit wird.

Ein anderer Bestseller jener Jahre war „Der Untergang der großen Rasse“ von Madison Grant (1916), in dem es heißt: „Wir Amerikaner müssen begreifen, dass die altruistischen Ideale, die unsere gesellschaftliche Entwicklung im vergangenen Jahrhundert bestimmten, und die rührselige Sentimentalität, die Amerika zu einem ‚Asyl für die Unterdrückten‘ gemacht haben, die Nation dem rassischen Abgrund entgegentreiben.“ Kürzer könnte man diesen Gedanken so ausdrücken: Amerika schafft sich ab.

Madison Grant hatte einen prominenten Fan – Adolf Hitler. Er soll dem Verfasser einen Brief geschrieben haben, in dem er sein Buch als „meine Bibel“ bezeichnete. Ausdrücklich begrüßte Hitler auch die restriktiven neuen amerikanischen Einwanderungsgesetze, durch die von den Zwanzigerjahren an „rassisch Minderwertige“ von der amerikanischen Küste ferngehalten werden sollten – vor allem Juden.

„Schwachsinnige“ am Obersten Gericht

Dies ist der Hintergrund für einen Gerichtsfall, den der Journalist Adam Cohen in einem aufregenden Buch vor uns aufrollt: „Imbeciles – The Supreme Court, American Eugenics, and the Sterilization of Carrie Buck“.

Carrie Buck, 1906 in Charlottesville im Bundestaat Virginia geboren, war eine arme, weiße Südstaatlerin. Ihre Mutter galt als Prostituierte, sie wurde von einem Ehepaar adoptiert, das sie als billige Arbeitskraft missbrauchte. Eines Sommers wurde sie vom Neffen ihrer Adoptivmutter vergewaltigt. Sie wurde schwanger. Für ihre Adoptiveltern war das Ganze sehr peinlich – sie mussten Carrie irgendwie loswerden. Also wurde die junge Frau in ein Heim für Epileptiker und „Geistesschwache“ gesteckt, in dem schon ihre Mutter saß. Sie wurde aufgrund eines Tests, den heute kein Mensch mehr als Intelligenztest anerkennen würde, als „Schwachsinnige“ eingestuft. Der Leiter jenes Heims, ein gewisser Dr. Albert Priddy, ein fortschrittlicher Reformer und begeisterter Anhänger der Eugenik, wollte an Carrie Buck ein Exempel statuieren: Sie sollte zwangssterilisiert werden.
Der Fall schaffte es bis zum Obersten Gerichtshof in Washington. Und der stellte in einem Grundsatzurteil („Bell v. Buck“, 1927) fest, dass ihre Zwangssterilisation rechtens sei. Der Ehrenwerte Richter Oliver Wendell Holmes schrieb in der Urteilsbegründung: „Drei Generationen von Schwachsinnigen sind genug.“ Dabei konnte von drei Generationen keine Rede sein – und auch Carrie Buck war wahrscheinlich gar nicht schwachsinnig, sondern nur arm und vom Pech verfolgt.

Für uns Amerikaner ist diese Geschichte ein milder Schock. Wir sind es gewohnt, im Supreme Court – zumindest seit dem 20. Jahrhundert – eine Bastion der Bürgerrechte zu sehen. Und Oliver Wendell Holmes, der mit seinem buschigen weißen Schnurrbart und seinem Silberhaar wie ein urtypischer Yankee aussah, gilt bis heute geradezu als einer der Weltweisen.

In dieser Geschichte aber erscheint Holmes wie ein kaltes Monster. Er war ein fanatischer Eugeniker und sprach in einem Privatbrief anno 1921 sogar davon, dass Kleinkinder, die „den Test nicht bestehen“, getötet werden sollten. Infolge des Grundsatzurteils von 1927 wurden danach 70.000 Amerikaner zwangssterilisiert – die meisten von ihnen arme, weiße Südstaatler. Schwarze wurden zwar auch Opfer dieser Form der Misshandlung – allerdings gab es kein Interesse, ihre Rasse (wie es später im Nazijargon hieß) „aufzunorden“. Sie sollten einfach von den Weißen ferngehalten werden.

Für die Zwangssterilisationen prägte die Bürgerrechtlerin Fannie Lou Hamer später den Begriff „Mississippi-Blinddarmoperation“. Sie wurden in vielen Institutionen routinemäßig vorgenommen: Männer dienstags, Frauen donnerstags. Es fand sich im gesamten amerikanischen Rechtssystem niemand, der für Carrie Buck und ihresgleichen gesprochen hätte. Am Ende ihres Lebens sagte sie: „Sie haben mir unrecht getan. Sie haben uns allen unrecht getan.“

Die Nazis, das zeigt dieses Buch, haben nichts erfunden. Sie haben mit dem Programm der Eugenik nur tödlichen Ernst gemacht. Die Anregung von Oliver Wendell Holmes, Kleinkinder umzubringen, die „den Test nicht bestehen“, wurde in Hadamar in die Tat umgesetzt. Und diese schmutzige, kalte Geschichte ging mit dem Zweiten Weltkrieg keineswegs zu Ende: So wurde im linksliberalen Schweden noch in den Siebzigerjahren munter zwangssterilisisiert.

Das Fortleben der Glockenkurve

In den USA haben sich die Regierungen einiger Bundesstaaten mittlerweile für das Unrecht der Vergangenheit entschuldigt. Aber das Urteil von 1927 wurde nie aufgehoben, und das Gedankengut der Eugenik begleitet uns auch weiterhin. 1994 etwa wurde in Amerika eine Studie mit dem Titel „The Bell Curve“ zum Bestseller, deren Autoren behaupteten, Intelligenz sei in hohem Maß erblich, es gebe deutlich messbare Intelligenzunterschiede zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, und die Zuwanderung in die Vereinigten Staaten müsse begrenzt werden.

Bislang kommen die Trump-Leute allerdings ohne „eugenisches“ Blabla aus. Sie benötigen keine Rechtfertigung – sie behaupten einfach, dass Zuwanderer kriminell, fremd, eine Bedrohung für Amerika seien (was kompletter Blödsinn ist, wie ich auf dieser Plattform dargestellt habe). Glücklicherweise durchschauen die meisten meiner Landsleute den Betrug: 75 Prozent aller Amerikaner sind der Ansicht, dass Einwanderung den Vereinigten Staaten eher nützt.

Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. Ich hätte nie gedacht, dass offener Rassismus im politischen Leben meines Landes jemals wieder eine Rolle spielen würde. Vielleicht kommt am Ende auch die Eugenik zurück. Und vielleicht nicht nur in Amerika.




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".