Linksradikalismus ist der Weg ins politische Nichts

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Die Wahlen in Großbritannien enthalten eine Lektion für die Demokraten in Amerika.

Eigentlich hätte bei den Wahlen in Großbritannien mit Leichtigkeit die Opposition gewinnen müssen. Schließlich ist Boris Johnson ein Scharlatan und Lügner und der Brexit ein Wahnsinnsprojekt, das die britische Volkswirtschaft über die Klippe jagen wird. Die Tory Party von heute ist – wie viele Kommentatoren geschrieben haben – keine konservative Partei, sondern ein rechtsrevolutionärer Klüngel, dem überhaupt nichts mehr heilig ist. Nicht die ungeschriebene britische Verfassung, nicht die Monarchie, nicht einmal die Einheit des Vaterlandes: Viele Brexit-Anhänger sagen heute offen, dass ihnen Nordirland wurscht und scheißegal ist (eine Lösung für die Nordirlandfrage, die nach einem Brexit wieder lodernd anfangen wird zu brennen, wäre, dass man Nordirland de facto einfach vom Vereinigten Königreich abtrennt). Viele namhafte Tories, unter ihnen ein früherer konservativer Premierminister – John Major – haben davor gewarnt, bei dieser Wahl Boris Johnson zu wählen.

Allerdings handelt es sich bei der Opposition leider um einen Haufen von Irren und Antisemiten. Der Oppositionsführer – Jeremy Corbyn – hat ein Vorwort für ein Buch verfasst, in dem Juden als blutgierige Hyänen bezeichnet werden. Er weigert sich, die Toten von Auschwitz zu ehren, und ehrt stattdessen jene Psychopathen, die in München 1972 israelische Sportler zu Tode gefoltert haben. Überdies scheint Corbyn noch nicht bemerkt zu haben, dass 1989 die Mauer gefallen ist – und dass er beim Mauerfall auf der falschen Seite gestanden hat. Er trauert bis heute der Sowjetunion nach. Er hat Sympathien für Putin und den venezolanischen Diktator. In der Labour Party hat es unterdessen erschreckende Ausfälle gegen Juden gegeben. Die Hälfte der britischen Juden hat erklärt, im Falle eines Wahlsieges von Corbyn auswandern zu wollen.

Dass die Briten sich in ihrer Mehrheit geweigert haben, der Corbyn-Truppe ihre Stimme zu geben, ist ein gutes Zeichen. Aber sonst ist gar nichts gut. Großbritannien wird nun unter Boris Johnson weiter in Richtung Wahnsinn marschieren. Wahrscheinlich wird ein Resultat sein, dass das Vereinigte Königreich sich in seine Bestandteile auflöst, weil Schottland seine Unabhängigkeit erklärt. Vielleicht werden die Waliser ihnen eines Tages folgen. Ich sage das nicht mit Häme, sondern mit Traurigkeit. Ich bin seit meinen Kindertagen anglophil und habe ein Jahr lang in Schottland gelebt.

Gibt es etwas, was die Demokratische Partei daraus lernen könnte? Ja. Der Weg in den Linksradikalismus ist der Weg ins politische Nichts. Mit Antisemitismus – auch wenn er sich als Antizionismus verkleidet – gewinnt man in der Anglosphäre (zum Glück!) keine Wahlen. Wenn die Demokraten 2020 gegen Donald Trump verlieren wollen, müssen sie nur dem Beispiel der Labour Party folgen. Wenn sie siegen wollen, müssen sie genau den umgekehrten Weg einschlagen. Werden die Demokraten in Amerika die britische Lektion beherzigen?




Hannes Stein, geboren 1965 in München, aufgewachsen in Salzburg, hat lange in Schottland, länger in Israel und am längsten in Hamburg und Berlin gelebt. 2007 in die Vereinigten Staaten ausgewandert, seit 2012 amerikanischer Staatsbürger. Verheiratet, ein Kind. Kulturkorrespondent der "Welt" und WamS" in New York. Bei KiWi erschienen seine Romane "Der Komet" und "Nach uns die Pinguine".