Rechts wird verkündet, links auch ab und an. R/DV/RS Flickr.com (CC BY 2.0)

Omagate, zum letzten Mal

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Es ist schon alles gesagt worden, aber nicht von jedem. Dieser alte Spruch gilt für die „Umweltsau“-Satire im WDR erstaunlicherweise nicht. Es wurde geshitstormed und gestritten, aber ein paar inhaltlich wichtige Punkte sind in der Debatte bisher unterbelichtet. Stattdessen werden Parolen und Schlagwörter bemüht. Deshalb im Folgenden ein paar Anmerkungen zur Sache.

Satire darf alles

Diese Aussage gilt ohne Wenn und Aber, natürlich eingeschränkt von jenen Gesetzen, die auch Presse- und Meinungsfreiheit einhegen. In Zeiten der Filterblasen, in denen viele sich von der Zumutung anderer Meinungen abgekapselt haben, sind zwei Konsequenzen dieser Aussage aber etwas in Vergessenheit geraten. Die erste lautet: Satire darf alles, selbst wenn die Pointe mir nicht passt. Zweitens: Satire darf alles – auch kritisiert werden. Wenn man sich auf den offenen Markt der Meinungen begibt, sollte man Widerspruch ertragen können. Und wenn ein großer Teil des Publikums eine Satire für misslungen hält, ist auch dies eine zulässige Reaktion. Anhand dieser beiden Klarstellungen wird schnell erkennbar, wie daneben ein Großteil der Debatte um das Umweltsau-Lied gewesen ist. Denn sie drehte sich in weiten Teilen und von allen Seiten viel zu oft darum, warum man gefälligst von Kritik anderer Leute verschont zu werden hat. Das gilt gleichermaßen für die linksgrünversifften Volksverräter in den Funkhäusern wie für all die Nazis auf den Barrikaden. Dieser letzte Satz war übrigens eine satirische Übertreibung.

Aber man darf doch nicht seine Beitragszahler vor den Kopf stoßen!

Dieses Argument kann man getrost in die Tonne treten. Nähme man es für voll, wäre es das Ende der Pressefreiheit. Es ist das verfassungsgemäße Privileg von Medien, zu schreiben und zu senden, was immer sie für richtig halten. Die innere Pressefreiheit gewährleistet darüber hinaus, dass auch einzelne Journalisten selbst dieses Privileg genießen, unabhängig von der Linie ihres Mediums oder ihrer Kollegen. Diese grundlegenden Rechte basieren auf der Annahme, dass weder die Mehrheit noch die herrschende Macht noch zahlende Kunden automatisch im Recht sind und dass deshalb abweichende Einzelmeinungen wertvoll sind, geschützt und gehört werden müssen. Selbstverständlich muss es möglich sein, dass Redakteure oder freie Mitarbeiter im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Beiträge produzieren, die einem Großteil der Beitragszahler nicht gefallen oder ihre Weltsicht herausfordern.

Der Fall stellt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Frage

Wer nach dem Fall Relotius nicht die Abschaffung der freien Presse gefordert hat, der sollte nicht mit „Omagate“ gegen das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks polemisieren. Es gibt zahlreiche Argumente für und gegen dieses System. Die Tatsache, dass mitunter Beiträge gesendet werden, die nicht jedem gefallen oder sogar objektiv misslungen sind, spricht nicht gegen das System, sondern dafür. Weil sie belegt, dass in den Rundfunkanstalten Journalisten unabhängig ihrer Arbeit nachgehen können, unabhängig nicht zuletzt von staatlicher Kontrolle. Die Forderung, die Öffentlich-Rechtlichen sollten sich auf Bildung, Kultur und Information beschränken, ist ähnlich dümmlich – denn politische Satire gehört ohne Frage in alle drei genannten Kategorien.

Die Wucht der Reaktionen hat den WDR kalt erwischt

Vermutlich hat sich der WDR nicht nur von der Masse der Reaktionen überraschen und treiben lassen, sondern auch von deren Prominenz. Schließlich gehörte und gehört der für das Sendegebiet zuständige Ministerpräsident Armin Laschet zu den Kritikern im Netz.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Politiker hierzulande die Twitter-Politik von Donald Trump anprangern und zugleich längst dieselben Mechanismen bedienen. Dass in der Folge einer mit raumgreifenden Vorwürfen vorgetragenen Kritik eines Ministerpräsidenten ein Beitrag eines öffentlich-rechtlichen Senders gelöscht wird, ist ein ausgesprochen seltsamer Vorgang, den wir richtigerweise anprangern würden, wenn er in Polen oder Österreich passiert wäre.

Die PR des WDR hat alles noch schlimmer gemacht

Man kann mit Fug und Recht darüber streiten, ob es wirklich angemessen ist, wegen eines Social-Media-Shitstorms eine Sondersendung ins reguläre Programm zu heben. Wenn man aber schon eine Sondersendung macht, den Beitrag löscht und sich transparent-zerknirscht positioniert, sollten einige Fehler definitiv nicht passieren. Einer ist der, dass der WDR die offene Interpretation des Umweltsau-Lieds nicht geschlossen hat. Warum wurde eine PR-Strategie inklusive Sendung gemacht, in der die Urheber des ganzen Schlamassels – die Autoren des Beitrags – nicht zu Wort kommen? Warum kleben sich stattdessen ein WDR-Programmdirektor und sogar der Intendant das Stück wie einen Kaugummi selbst an den Mantel? Und warum tun sie das im Falle des Intendanten per Höreranruf ins Studio? Tom Buhrow steht durch diese Aktion wie ein Chef da, der zwar keinerlei Ahnung von dem hat, was da warum gesendet wurde, der aber trotzdem bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen, indem er seiner Redaktion öffentlich in den Rücken fällt. Derselben Redaktion, die er dennoch verteidigt wie ein Löwe seine Jungen. Gewonnen hat er dadurch nichts und bei niemandem.

Hinzu kommt, dass es zur Unternehmensdisziplin gehört hätte, die Haltung des Intendanten – was auch immer man von ihr hält – öffentlich durchzuziehen. Stattdessen jedoch twittern vom freien Mitarbeiter bis zum Sendungsleiter von Monitor allerlei WDR-Vertreter frei von der Leber weg durch die Gegend und konterkarieren dadurch die Linie des Senders. Offenbar ist beim WDR nicht klar geregelt, wo die Freiheiten des Journalismus gelten und wo sich alle Mitarbeiter in Abgrenzung zu diesen Freiheiten an die vorgegebene Sprachregelung ihres Unternehmens zu halten haben.

Warum das Stück so nicht hätte gesendet werden dürfen

Das Umweltsau-Lied war komplett misslungen und hätte vor dem Senden entweder überarbeitet werden oder in der Schublade verschwinden müssen – ersteres ist ein normaler redaktioneller Prozess, letzteres in Redaktionen und Funkhäusern ebenfalls weit weniger ungewöhnlich als es sich anhört. Das Urteil „unsendbar“ ist weder mit den Grenzen von Satire-oder Meinungsfreiheit noch mit dem Grundverständnis des öffentlich-rechtlichen Rundfunks begründet. Es basiert auf grundlegenden handwerklichen Mängeln.

Abgesehen davon, dass das Stück allenfalls mäßig witzig ist, bleibt die entscheidende Frage unbeantwortet: Wie ist der Beitrag gemeint? Es gibt mindestens zwei Interpretationsmöglichkeiten des umgedichteten Hühnerstall-Liedes. Die eine lautet, dass die ältere Generation auf überspitzte Art auf ihre miese Ökobilanz hingewiesen werden sollte, und zwar aus den Mündern von Kindern – also der Fridays-for-Future-Generation, die befürchtet, von den Alten um ihre Zukunft gebracht zu werden. So haben die meisten Rezipienten den Beitrag verstanden. Das sieht man nicht nur daran, dass es diese These ist, die in der Debatte unterstützt oder in unterschiedlicher Vehemenz kritisiert wird – sondern vor allem daran, dass viele ältere Menschen sich bemüßigt sahen, die bescheidene, vulgo umweltfreundliche, Lebensweise vergangener Jahrzehnte im Vergleich zum Lebensstandard junger Menschen im globalisierten Kapitalismus hervorzuheben. Dieser Reflex ist, nebenbei bemerkt, bei weitem witziger als das eigentliche Werk und wäre, falls beabsichtigt, ein Beleg für dessen Relevanz.

Das Problem liegt im „falls beabsichtigt“: Da der Autor bzw. die Autoren weder bekannt sind noch sich geäußert haben, bleibt offen, was sie dem Publikum mit dem Stück eigentlich sagen wollten. Das ist umso problematischer, als es eine völlig andere Interpretation gibt. Nämlich jene, dass das von selbstgerecht erfreuten Kindern interpretierte Lied gar nicht gegen die bösen Omas gerichtet war, sondern ganz im Gegenteil zeigen sollte, welche Blüten die Klimahysterie inzwischen treibt – wenn Großmütter nichtmal mehr in Volksliedern Motorrad fahren dürfen, ohne dass die Ökobilanz dieses Treibens ihnen vorgerechnet wird. Diese Aussage wäre ungewöhnlich für den WDR und hätte genau deshalb viel klarer erkennbar sein müssen, schließlich stehen ja mehrheitlich Menschen dagegen auf den Barrikaden, die diese Aussage eigentlich teilen.

Fazit

Ein satirisches Lied, das nicht in einschlägigen Sendungen, sondern ohne jeden erklärenden Kontext im regulären lokalen Vorabend-Programmfenster des WDR sowie über Social Media ausgespielt wird, darf nicht derart ungenau und unklar sein und es darf erst recht nicht den eigenen Laden derart kalt erwischen. Das muss einer Redaktion auffallen. Alles Folgende wäre nicht passiert, wenn im Sender die entscheidenden Leute rechtzeitig ihren Job gemacht hätten.




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